Im Dialog: Roselena Ramistella und Gianni Berengo Gardin

17. Juni 2025

Zwei italienische Talente treten in einen fotografischen Dialog: Roselena Ramistella spricht darüber, welche Parallelen ihre Arbeiten zu den Perspektiven von Gianni Berengo Gardin aufweisen und welches Bild Gardins sie besonders inspiriert.
Zur Feier des 100-jährigen Leica-Jubiläums präsentiert die Leica Galerie Mailand die Ausstellung Im Dialog: ein fotografisches Gespräch zwischen Roselena Ramistella und Gianni Berengo Gardin. Roselena Ramistella spricht aus ihrer humanistischen Perspektive ergänzend zu Gianni Berengo Gardin, der sozialdokumentarisch, humanistisch und in Schwarzweiß arbeitete. Die Werke der beiden Talente schaffen Raum für einen Austausch über die Geschichten menschlicher Existenz im Kontext der Gemeinschaft. 

Roselena Ramistella: „Meine Fotografien befassen sich mit sozialen, kulturellen und geopolitischen Themen. In Men of Troubled Waters zeige ich sizilianische Fischer, die bei ihren Fahrten Migranten retten. The Healers porträtiert ältere Frauen, die durch Gebete, Volksmagie und überliefertes Heilwissen behandeln – eine bis dahin nie dokumentierte Tradition.

Für Deepland reiste ich auf alten Maultierpfaden, um das Leben ländlicher Gemeinschaften im Wandel zu zeigen – ein laufendes Projekt seit 2016. Meine Arbeit verwebt persönliche Geschichten mit Siziliens Geschichte und stellt Fragen von globaler Relevanz. Sizilien ist für mich Sinnbild starker Identität und kultureller Abgrenzung – ein „Grenzland“, das geografisch nah, doch mental oft fern von Europa liegt.

Gianni Berengo Gardins ikonischstes Foto ist sofort wiedererkennbar. Es wurde 1977 in Großbritannien aufgenommen und zeigt ein kleines Auto, das vor einer weiten Meereslandschaft geparkt ist. Im Inneren des Wagens sitzt ein Paar, das in Gedanken versunken zu sein scheint, während sich die Irische See im Hintergrund ausbreitet. Dieses Bild erzeugt das Gefühl eines angehaltenen Moments und ruft beim Betrachter unzählige Fragen hervor: Trennen sie sich gerade? Sind sie ein Liebespaar?

Die Einsamkeit der beiden Protagonisten ist spürbar; sie wirken isoliert, losgelöst von der sie umgebenden Welt, während sie das Meer betrachten. Die Schlichtheit der Szene wird zu einem starken Reflexionsinstrument und lädt die Betrachtenden ein, in ein Universum von Gefühlen und Interpretationen einzutauchen.

Im Dialog zwischen meinen Bildern und denen von Gianni Berengo Gardin wird der gemeinsame Wunsch deutlich, die menschliche Existenz in unterschiedlichen Kontexten zu erforschen. Mein Zugang äußert sich durch die Farbe, die ich nutze, um aus jeder Szene möglichst viele Informationen herauszuholen, während Gardin ein Meister der Schwarzweißfotografie ist und sich auf das Wesentliche konzentriert.

Was uns jedoch vereint, ist das Erzählen von Geschichten: Ob es sich um eine Kurzgeschichte handelt, die an ein einzelnes Bild gebunden ist, oder um ein langfristiges Projekt – wir beide streben danach, Geschichten einer Gemeinschaft oder eines Individuums zu erzählen: Gesichter, Ereignisse, Wandlungen. In unserer Arbeit ist der Übergang ein ästhetischer, doch die historischen und politischen Kontexte sowie die Gesellschaft unterscheiden sich. Und dennoch ändert sich aus emotionaler Sicht nichts.“
Text: © Roselena Ramistella

Im Dialog+-

Leica100

Die Ausstellung in der Leica Galerie Mailandist ab Juni zu sehen.

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Roselena Ramistella © Fabio Florio
© Fabio Florio

Geboren 1982 in Sizilien, setzt sich die italienische Fotografin vor allem mit sozialen, humanistischen und kulturellen Aspekten auseinander. Sie studierte Fotografie und Kommunikationswissenschaften und arbeitete sowohl im nationalen als auch im internationalen Kontext. Ihre Arbeiten waren bereits im Rahmen zahlreicher Einzel- und Gruppenausstellungen sowie auf Fotografiefestivals zu sehen. Außerdem erschienen ihre Fotografien in diversen Publikationen wie National Geographic, Internazionale und Marie Claire. Ihre Heimat wirkt dabei oft wie ein roter Faden, der all diese Erzählungen in einer visuellen Geschichte verbindet, die den Reichtum sozialer und kultureller Erfahrungen feiert.

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Gianni Berengo Gardin © Maurizio Beucci
© Maurizio Beucci

Geboren am 10. Oktober 1930 in Santa Margherita Ligure, begann der Fotograf seine Laufbahn in den 1950er-Jahren und ließ sich dabei von Henri Cartier-Bresson inspirieren. Sein Fokus lag vor allem auf der humanistischen Fotografie im Reportagestil; dabei zeigte er allem voran das Leben in Italien. Er arbeitete unter anderem für renommierte Magazine wie Il Mondo, L’Espresso und Domus. Er arbeitete stets analog und in Schwarzweiß und veröffentlichte während seiner Laufbahn mehr als 250 Fotobücher. Er gilt bis heute als einer der bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts.

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Im Dialog: Roselena Ramistella und Gianni Berengo Gardin