Buchtipp: Der Fotograf Max Halberstadt

3. Juni 2025

Ein neuer Bildband rekonstruiert detailreich das Leben und Werk des vergessenen Hamburger Fotografen.
Selten kommen Publikationen über Sigmund Freud ohne eine Fotografie von Max Halberstadt aus. Seine Porträts des Wiener Psychoanalytikers werden bis heute genutzt, doch in den seltensten Fällen wurde und wird auf den Urheber der Bilder verwiesen: aus Unkenntnis, aus Ignoranz. Der Hamburger Fotograf (1882–1940) ist weitgehend unbekannt, dabei zählte er einmal zu den bekanntesten Porträtisten für das hanseatische Bürgertum. Es ist der akribischen und hartnäckigen Recherche des Historikers Wilfried Weinke zu verdanken, dass mit der aufwendigen Publikation nun die Biografie und das Schicksal Halberstadts und seiner Familie aus dem Schatten des Vergessens herausgeholt wurde. Über viele Jahrzehnte ist er den verstreuten Spuren Halberstadts in der ganzen Welt gefolgt und hat nach ersten Texten und einer Ausstellung vor drei Jahren nun zusammen mit dem Gestalter Uwe Franzen einen Bildband vorgelegt: ein wichtiger Auftakt, aber auch ein vorbildliches Projekt für die Aufarbeitung der Lebensgeschichten von rassistisch verfolgten, in die Emigration gezwungenen oder vernichteten Persönlichkeiten, die einst die deutsche Kulturgeschichte prägten.

Nach der Ausbildung im Hamburger Atelier von Rudolf Dührkoop und weiteren fotografischen Tätigkeiten in Leipzig, München, Basel und Paris gründete Halberstadt im Oktober 1907 sein erstes Atelier. Bereits 1912 erfolgte die Eröffnung seines neuen Ateliers in bester Geschäftslage am Neuen Wall, der schon damals prächtigen Flaniermeile für das Hamburger Bürgertum. Unter den Kunden waren zahlreiche Prominente und Künstler, darunter eben auch Sigmund Freud, der bereits 1909 einen Besuch in Hamburg für eine Porträtsitzung nutzte. Drei Jahre später ergab sich auch eine enge familiäre Verbindung, als sich Freuds jüngste Tochter Sophie mit dem Fotografen verlobte, das Paar im folgenden Jahr heiratete und zwei Söhne bekam. Das Glück währte nur kurz: Sophie Halberstadt starb 1920 mit nur 26 Jahren an den Folgen der Spanischen Grippe, und der jüngste Sohn verstarb 1923. Im selben Jahr heirate Halberstadt Berta Katzenstein, die zuvor in seinem Atelier als Büroangestellte gearbeitet hatte. 1925 wurde die Tochter Eva geboren.

Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten war der jüdische Fotograf der rassistischen Verfolgung ausgesetzt. 1936 gelang es der Familie, nach Südafrika zu emigrieren, aber Max Halberstadt starb an den Folgen der jahrelangen Strapazen und des mühsamen Neubeginns bereits mit 58 Jahren im Dezember 1940 in Johannesburg.

Nur wenig blieb von seiner Fotografenexistenz erhalten. Doch dem Bildband gelingt es höchst anschaulich, Halberstadts stilistische Vielfalt als Porträt- und Kinderfotografen, Interieurspezialisten, Stadtfotografen und modernem Werbedesigner aufzuzeigen. Dass er auch von vielen Kollegen hochgeschätzt war, belegt ein besonderes Fundstück: Kurt Schallenberg und Raimund F. Schmiedt, Gründungsmitglieder der damaligen GDL (Gesellschaft deutscher Lichtbildner), deren Mitglied auch Halberstadt seit 1920 war, schenkten ihrem Freund und Kollegen eine Leica IIIa zum Abschied, bevor er sich nach Südafrika einschiffen konnte. Sie sollte ihm bei seinem Neubeginn helfen.

Das Schicksal Halberstadts ist nicht nur ein Beispiel für das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte, sondern belegt auch den fehlenden Willen zur Unrechtsaufarbeitung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Auslöschung jüdischen Lebens, die Spurenverwischung und die Ignoranz vieler Institutionen lassen bis heute viele Persönlichkeiten im kulturellen Gedächtnis fehlen. Und es wird immer schwieriger, die letzten Zeitzeugen noch zu befragen. So erzählt der Bildband tragischerweise weit mehr als nur die Geschichte einer Familie und eines Fotografen.
Ulrich Rüter

Der Fotograf Max Halberstadt+-

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Herausgeber: Wilfried Weinke und Uwe Franzen.
Mit Beiträgen von Carsten Brosda, Rolf Sachsse und Wilfried Weinke.
Gestaltung von Uwe Franzen, atelier hand-werk 2.0.
304 Seiten, ca. 300 Abbildungen
22 × 30 cm, Deutsch und mit englischen Unterkapiteln und Bildtexten
Hirmer Verlag

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