Buchtipp: Rave One

10. April 2026

Eine Zeitreise zur House-Club-Legende The Haçienda, die Musikgeschichte geschrieben hat. Mit Rave One lässt der britische Fotograf Peter J Walsh die Atmosphäre des Clubs in Manchester in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren noch einmal auferstehen.
The Haçienda „hat die Stadt und die Welt für immer verändert“, da ist sich der Fotograf ganz sicher. „Damals war ich einfach nur glücklich, dort zu sein, aber rückblickend weiß ich natürlich, wie sehr dieser Club die Musikkultur verändert hat.“ Dort plauderte man mit dem Clubgründer Tony Wilson, der wesentlich für die Musikszene Manchesters werden sollte, oder man traf die Musiker von Happy Mondays, The Smiths, New Order oder auch Noel Gallagher oder den Filmemacher Derek Jarman. Dort wurde Acid House erfunden: DJs wie Luke Unabomber, Laurent Garnier, Dave Haslam, Jon Dasilva oder Mike Pickering ließen die Tanzenden Zeit und Raum vergessen. Zur Blütezeit des Clubs waren hier auch die internationalen Stars der DJ-Szene wie Frankie Knuckles, David Morales oder Tony Humphries zu Gast.

Eröffnet wurde The Haçienda 1982, von Beginn an unterstützt von vielen Musikern, wollte man doch in Manchester einen Club etablieren, der anders war als die bestehenden. Dort kam man hinein, wie man wollte, in Turnschuhen und Jeans – anders als in Clubs, die noch auf einer strengen Kleiderordnung mit Jackett, Hemd und Krawatte bestanden. Im Haçienda sollte man sich frei fühlen, die reale Tristesse der Thatcher-Ära mit Rezession und höchster Jugendarbeitslosigkeitsrate vergessen können. „Junge Leute fühlten sich unter Thatchers repressiver und autoritärer Regierung wie die vergessene Generation. Wir lebten im Schatten ihrer rechten Politik, und es gab zahlreiche Proteste im Norden, besonders in Manchester. Es herrschte das Gefühl, dass man entweder gegen die Unterdrückung durch Thatcher und ihre Regierung kämpfte oder unterging“, schreibt Walsh in der Einleitung des Bildbands. The Haçienda war ein Zufluchtsort: „Die Gestaltung des Clubs war auffällig und neuartig. Wir wurden von der Musik, den Bands und der Atmosphäre inspiriert. Sie öffnete unsere Herzen und unseren Geist für ein anderes Leben, eine alternative Perspektive, Möglichkeiten, Kreativität und Sinn“, erinnert sich Walsh. „Ich liebte den Club; es fühlte sich an, als wäre ich Teil von etwas Größerem, einer kulturellen Bewegung, die mich und den Rest von Manchester in eine strahlende und mutige Zukunft trieb.“
Sieben Nächte in der Woche war geöffnet.

Der riesige Raum eines ehemaligen Yacht-Showrooms „wirkte, als wäre er aus dem Weltall mitten ins Zentrum von Manchester gefallen“, so Walsh. Anfangs war er nie wirklich gefüllt, aber das sollte sich ändern, als mit House Music und Acid House eine neue Ära der Gegenkultur begann. In den Jahren zwischen 1987 und 1995 war Walsh mit seinen Canon-Kameras fast jede Nacht im Haçienda dabei. Heute treten die auf den Bildern ausgelassen Tanzenden und Feiernden vermutlich ins Rentenalter ein, aber Rave One ist ein wilder Rückblick auf ein euphorisches, vergangenes Kapitel Musikgeschichte. So wie die analogen Filme heute längst auch Fotogeschichte sind. Walshs Momentaufnahmen können dabei nur einen Bruchteil der tatsächlichen Atmosphäre des Clubs wiedergeben, doch diese Aufnahmen sind seltenes Zeitdokument. Für die Dabeigewesenen vielleicht eine sentimentale Erinnerung, für die Jüngeren eine staunend machende Entdeckung.
Ulrich Rüter
Alle Bilder auf dieser Seite: © Peter J Walsh

Rave One. A photographic history of The Haçienda+-

Cover_Peter J Walsh - RAVE ONE (Re)Edition Cover

Mit einem Einleitungstext von Peter J Walsh
160 Seiten, 110 Farb- und Schwarzweißabbildungen
25,5 × 20 cm, Englisch
Idea Books

1/13
1/13

Buchtipp: Rave One