Leica Women Foto Project Award 2025 – die Gewinnerinnen
Leica Women Foto Project Award 2025 – die Gewinnerinnen
17. März 2025
© Koral Carballo
Koral Carballo (Mexiko/KC): Die mexikanische Fotografin beschäftigt sich in Blood Summons mit überlieferten Geschichten, um generationsübergreifende Traumata in ihrem Heimatland sichtbar zu machen.
Anna Neubauer (UK/AN): Der Fotoessay Ashes from Stone hinterfragt gesellschaftliche Normen von Schönheit, Stärke und Identität. Dabei stehen Authentizität und Selbstbestimmung im Vordergrund.
Priya Kambli (USA/PK): In Archive as Companion erforscht die visuelle Künstlerin die Schnittstelle von Persönlichem und Politischem durch die kreative Auseinandersetzung mit ihrem Familienarchiv und transformiert alte Fotografien und Erbstücke in einen neuen Sinnzusammenhang.
Jennifer Osborne (Canada/JO): Ihre Fotoserie dokumentiert den aktivistischen Kampf zum Schutz der letzten Küstenurwälder – denn die Proteste von Fairy Creek 2020 stellten die größte Demonstration zivilen Ungehorsams für den Umweltschutz in der Geschichte Kanadas dar.
LFI: Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Leica Women Foto Project Awards 2025! Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?
KC: Er motiviert mich, weiterhin die persönlichen, lokalen und politischen Geschichten zu erzählen, die mich selbst berührt haben und die vorher keine Rolle spielten. Er gibt mir die Kraft, meinen Traum, Künstlerin zu sein, in dieser Branche weiter zu verfolgen.
AN: Der Gewinn ist eine unglaubliche Ehre und eine Bestätigung für die Geschichten, die ich zu erzählen versuche. Für mich ist die Fotografie ein Weg, hinter die Oberfläche zu blicken, um die Widerstandsfähigkeit, Identität und Schönheit an Orten zu verstehen, auf die die Welt oft nicht schaut.
PK: Ich bin dankbar, dass diese künstlerische Arbeit auf einer Plattform wie Leica anerkannt wird. Diese Arbeit hat Zeit, Mühe und ständiges Überarbeiten erfordert. Die finanzielle Unterstützung durch dieses Stipendium ist sehr wichtig, da sie es mir ermöglicht, meine Wünsche für das Werk zu verwirklichen, wie zum Beispiel Veröffentlichung, Ausstellung und andere Formen der Verbreitung.
JO: Ich möchte mich dafür bedanken, dass meine Arbeit in Fairy Creek mit dem Leica Women Foto Project Award 2025 ausgezeichnet wurde – gerade jetzt, wo Regierungen sich weigern, die Existenz des Klimawandels anzuerkennen. Der Leica Women Foto Project Award 2025 wird mich dabei unterstützen, extreme Wetterereignisse und Umweltkatastrophe und die menschliche Reaktion auf die Verwüstung weiter zu dokumentieren. Ich habe mich bereits im Jahr 2020 auf die Fotografie von Waldbränden spezialisiert, ein Bereich der eher von Männern dominiert wird. Aber ich glaube, dass ich als Frau eine einzigartige Perspektive einbringen kann, deshalb bin ich sehr dankbar für diese Unterstützung.
Können Sie kurz beschreiben, worum es in Ihrer Serie geht und warum Sie dieses Thema gewählt haben?
KC: Blood Summons ist ein fotografischer Vorschlag, Familienalben zu öffnen. Das Projekt ist eine Entfaltung der mündlichen Geschichten, die mir meine Eltern über uns erzählt haben und kontextualisiert die Geschichte und das Verständnis für den Verfall der Gerechtigkeit in meinem Land. Einige Geschichten sind von Frauenfeindlichkeit und systemischem Rassismus durchzogen, die aufgrund des Erbes der Gewalt im Stillen bestehen. Es ist eine lokale Geschichte, die sich in Veracruz an der Golfküste Mexikos abspielt, aber sie ist nicht einzigartig und das Erbe eines Traumas, das sich in vielen Familien in kolonisierten und von Terroristen kontrollierten Gebieten wiederholt hat. Im Alter von 33 Jahren, nach dem Tod meines Großvaters Francisco Morales García, verspürte ich während der Trauerzeit den Wunsch, die Geschichten, die mich seit meiner Kindheit begleiteten, in Fotos festzuhalten.
AN: Ashes from Stone erforscht das Leben von Menschen, die sich den gesellschaftlichen Erwartungen widersetzen, und ihre einzigartigen Perspektiven auf Stärke, Selbstdarstellung und Zugehörigkeit beleuchtet – ohne sie als Objekte des Mitleids oder der Inspiration darzustellen. Da ich selbst mit einer Behinderung lebe, weiß ich, wie Vorurteile die Wahrnehmung der Menschen prägen. Ich möchte ein Werk schaffen, das den Fokus darauf legt, wie Menschen sich selbst definieren, statt Stereotype von außen zu reproduzieren.
PK: Der fotografischer Ansatz basiert auf der Auseinandersetzung mit meinem Familienerbe – einem persönlichen Archiv von Fotografien und Erbstücken. Dieses Archiv habe ich im Alter von 18 Jahren, einige Zeit nach dem Tod meiner Eltern, in die USA gebracht. Es stellt meine Arbeit in den Kontext von Migrantenerzählungen und feministischer Praxis. In meinem Projekt habe ich Familienfotos und Erbstücke wieder aufgegriffen, neu fotografiert und kontextualisiert, um ein Archiv der Zugehörigkeit aufzubauen, das Abwesenheit und Verlust revidiert und mich und meine Vorfahren mit meiner Wahlheimat verbindet.
JO: Meine Arbeit aus Fairy Creek handelt von einer Gruppe von Aktivisten, die sich in den Jahren 2020 und 2021 zusammengeschlossen haben, um alte Wälder zu schützen. Sie campierten in einer Ansammlung von Zelten und Fahrzeugen an verschiedenen Blockaden im Süden von Vancouver Island. Die Wälder um Port Renfrew sind die letzten Küstenwälder ihrer Art auf der Erde. Einige dieser Bäume sind mit einem Alter von mehr als 1500 Jahren die langlebigsten Lebensformen in Kanada. Die Geschichte von Fairy Creek machte landesweit Schlagzeilen, als die Aktivisten 2021 durch einen richterlichen Beschluss aufgefordert wurden, das Gebiet zu verlassen. Da ich auf Vancouver Island geboren und aufgewachsen bin, fühlte ich mich verpflichtet, die Fotoserie zu erstellen. Sie zeigt das Leben innerhalb dieser Blockaden sowie die Bäume, für deren Schutz so hart gearbeitet wurde.
Was wollen Sie mit Ihrer Serie erreichen, welche Wirkung auf die Betrachtenden erhoffen Sie sich?
KC: Ich hoffe, dass meine Fotos und Worte uns dazu bringen, über unsere eigenen Geschichten nachzudenken und darüber, wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen. Ich weiß, dass es wehtut und uns verletzlich macht. Aber unsere Geschichten geben uns auch die Kraft, eine bessere Welt zu fordern und eine Position vor unserem historischen Kontext einzunehmen. Dinge passieren uns nicht, weil wir Pech haben, sondern aufgrund von Systemen, die tief in unserer Gesellschaft verankert sind.
AN: Mein Ziel ist es, den Zuschauern zu zeigen, dass Schönheit und Stärke nicht auf konventionelle Standards beschränkt sind, sondern sich in den kleinen, authentischen Momenten des täglichen Lebens widerspiegeln. Ich möchte über die typischen „inspirierenden“, klischeehaften Erzählungen hinausgehen und zeigen, wie Vielfalt – über Kulturen, sozioökonomische Hintergründe, Behinderungen und Geschlecht hinweg – einzigartige Identitäten und Erfahrungen prägt. Aufgrund meiner eigenen Reise mit einer Behinderung weiß ich, wie viele Geschichten von Erwartungen überschattet werden können. Ich möchte, dass diese Serie die Betrachter dazu anregt, innezuhalten und über ihre eigenen Vorurteile nachzudenken. Letztendlich hoffe ich, dass das Projekt ein Gefühl der Verbundenheit schafft und ein breiteres Gespräch über Inklusivität und die vielen Formen, die Resilienz und Selbstdarstellung annehmen können, anregt.
PK: Wenn meine Arbeit dazu beiträgt, die problematische Erzählung rund um das Thema Einwanderung zu überdenken, dann bin ich dankbar. Als Künstlerin betrachte ich meine Rolle aber nicht nur aus diesem Blickwinkel. Ich bin neugierig auf die Aufgabe des Erschaffens, auf den Wunsch, etwas zu kreieren, das schön, komplex und herausfordernd ist und für das sich eine längere Aufmerksamkeit lohnt.
JO: Die Fairy-Creek-Blockade besteht heute nicht mehr. Aber ich hoffe, dass meine Fotos als Beweis dafür stehen, dass Menschen sich um alte Wälder sorgten und sogar ihre persönliche Freiheit riskierten, als sie verhaftet wurden. Geschichten von Aktivisten werden manchmal leicht vergessen. Unabhängig davon, was in den kommenden Jahrzehnten geschieht, beweisen meine Fotos, dass dieser Schutz versucht wurde. Ich hoffe, dass meine Betrachter die Bemühungen dieser Landverteidiger als sinnvoll und mutig in Erinnerung behalten werden – dass die Demonstranten sich bemüht haben, die Umwelt zu verteidigen, die viel älter ist als jeder heute lebende Mensch.
Welche Veränderungen haben Sie in den letzten Jahren in der Fotobranche in Bezug auf die Darstellung und Anerkennung von Fotografinnen festgestellt? Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?
KC: Ich denke, dass es wichtig ist, an den Veränderungen anzuknüpfen, die bereits stattfinden. Wir müssen uns den Randgeschichten zuwenden, wie zum Beispiel denen aus Mexiko und denen, die von Frauen gemacht werden, die nicht zum privilegierten Sektor der Kunst gehören. In der Fotojournalismusbranche scheinen wir jedoch von den meisten Redakteuren immer noch nicht berücksichtigt zu werden. Die Gleichstellung der Geschlechter sollte in den Medien eine Selbstverpflichtung sein, denn viele Kolleginnen und Kollegen haben sie bereits erklärt, ihr Fehlen angeprangert und aufgedeckt.
AN: Mir ist aufgefallen, dass die Fotobranche in den letzten Jahren inklusiver geworden ist und mehr Anerkennung für Fotografinnen bietet. Doch auch wenn diese Veränderungen ermutigend sind, besteht immer noch ein erheblicher Verbesserungsbedarf. Viele wichtige Aufträge werden nach wie vor von Männern ausgeführt, und Fotografinnen müssen oft härter arbeiten, um ernst genommen zu werden, insbesondere in Bereichen wie Dokumentarfilm und Fotojournalismus. Außerdem ist eine größere Vielfalt erforderlich, um sicherzustellen, dass Frauen mit unterschiedlichem Hintergrund, aus verschiedenen Kulturen und mit unterschiedlichen Erfahrungen die gleichen Chancen haben. Ein echter Wandel erfordert mehr als nur Anerkennung – er erfordert konsequentes Handeln. Die Branche muss Fotografinnen weiterhin unterstützen – und zwar nicht nur durch die Vergabe von Preisen, sondern auch dadurch, dass sie sie für hochkarätige Projekte einstellt, ihre Arbeiten veröffentlicht und für gleiche Bezahlung und Chancengleichheit sorgt.
PK: Mir wurde bei mehreren Portfolioprüfungen klargemacht, dass kommerzielle Galerien nicht an meiner Arbeit interessiert waren. Sie hielten sie für zu „persönlich“ und für nicht verkaufbar. Und gleichzeitig fand ich bei diesen Portfoliobesprechungen viel mehr Unterstützung von gemeinnützigen Galerien – Räumen, die sich der Einbeziehung der Öffentlichkeit durch Bildungsprogramme verschrieben haben. Diese Galerien verstanden die vielfältigen und komplexen Erzählungen, die in den Arbeiten stecken, und waren bereit, sich dafür einzusetzen. Ich denke, wir müssen Räume schaffen und fördern, die den künstlerischen Ausdruck und das Wachstum unabhängig von der kommerziellen Rentabilität unterstützen.
JO: Als ich 2009 anfing, freiberuflich zu arbeiten, fühlte es sich wie ein Nachteil an, eine Frau zu sein, dann wurde es etwas inklusiver. Doch die Budgets für Fotografie und die Beschäftigungsmöglichkeiten in den kreativen Bereichen werden immer geringer. Manchmal hat man das Gefühl, dass Frauen und People of Color eingestellt werden, um männliche weiße Arbeitskräfte günstig zu ersetzen. Der Fotojournalismus hat sich auch durch Social Media verändert, Plattformen profitieren von Werbeeinnahmen, wohingegen es die Ersteller des Contents schwerer haben. Und nun schreiben wir das Jahr 2025 – durch die aktuelle US-Regierung machen wir Rückschritte. Frauen, People of Color und die LGBTQ+-Gemeinschaft müssen härter arbeiten, um den Fortschritt, den wir so hart erkämpft haben, zu erhalten.
© Koral Carballo
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© Anna Neubauer
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© Priya Kambli
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© Jennifer Osborne
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