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PORTFOLIO

12.02.2018

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Seine Leidenschaft ist das Urbane. Beinahe jede freie Minute verbringt Jonathan Castellino mit der visuellen Dokumentation seiner Heimatstadt Toronto. Dafür klettert er auf Hochhäuser, betritt leerstehende Gebäude und sucht längst vergessene Orte auf. Für sein Projekt interference.patterns begibt sich Castellino abermals auf neues Terrain: Mit der Überlagerung von Motiven und dem Spiel mit unterschiedlichen Belichtungszeiten erschafft er emotionale Stadtlandschaften.

Wie haben Sie zur Fotografie gefunden?
Die wenig beachteten Elemente im urbanen Raum haben mich schon immer fasziniert – von der Infrastruktur über Ruinen bis hin zu Gebäudedächern. Ich habe einen starken Drang, das Gewöhnliche aus einer neuen, einzigartigen Perspektive heraus zu beleuchten. Ausgehend von dieser Sichtweise war es ein instinktiver Schritt hin zur Fotografie als erzählerischem Medium. Die Sprache meiner Bilder ist zwingender als jeder Text, den ich schreiben könnte.

Welches Konzept steckt hinter dem Projekt interference.patterns?
Meiner Meinung nach entsteht ein gutes Bild, wenn die reale Landschaft mit der Gefühlslandschaft des Fotografen übereinstimmt. Das erzeugt eine ganz eigene Wahrheit, deren Bedeutung weitreichender ist als die der Ästhetik. Das Urbane ist visuell extrem vielschichtig, es ist ein Zusammenströmen vieler verschiedener Landschaften. Wir stellen uns Städte gerne in der Form einheitlicher Strukturen vor. Dass es in Wirklichkeit viele verschiedene, gegensätzliche und sich doch überschneidende Städte innerhalb von Städten gibt, lässt sich in einem einzigen Bild nur sehr schwer vermitteln.
Der Versuch, dem Betrachter ein „Stück Zeit“ zu präsentieren, gehört seit jeher zu den größten Herausforderungen in der Fotografie – gleichzeitig ist genau das der Grund, warum wir uns so stark zum fotografischen Bild hingezogen fühlen: Im Gegensatz zu uns selbst existieren Fotos außerhalb der Flüchtigkeit der Zeit. Die Fragen, die ich in dieser Serie stelle, gilt für die Fotografie genauso wie für Städte: Wie gestalten wir sie? Wie beeinflusst sie uns? Ich versuche, der Thematik anhand von sich überlagernden Mehrfachbelichtungen eine Form zu geben. Wie bei allen meinen Projekten ist auch hier mein Ziel, über eine reine Beschreibung hinauszugehen und zu ergründen, wie sich die Stadt anfühlt. Ich möchte eine emotionale Landschaft darstellen.

Wie sind die Kompositionen in dieser Serie entstanden?
Zunächst studiere ich die visuellen Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen architektonischen und urbanen Landschaften. Dann überlagere ich eine mit der anderen. Manchmal handelt es sich um verschiedene Perspektiven eines einzigen Objekts (zum Beispiel im Bild in.formation). Manchmal wiederhole ich die gleiche Perspektive, aber mit unterschiedlichen Brennweiten (siehe every.thing.that.rises). Die Kompositionen sind Dialoge zwischen unterschiedlichen Aspekten eines einzigen Umfelds. Wenn sie nicht unmittelbar miteinander harmonieren, verwerfe ich das Bild.

Gibt es einen bestimmten Ort, an dem Sie am liebsten fotografieren?
Ich fühle mich generell zu ruhigen Orten hingezogen – oder aber auch sehr lauten Orten, die ich durch meine Wahl der richtigen Perspektive in ruhigen Szenen darstellen kann. Während Dächer und Ruinen zu meinen Lieblingsmotiven zählen, ist mir stets die Aufgabe des Künstlers bewusst, das Alltägliche neu zu präsentieren. In unser aller Leben gibt es „visuelle Platzhalter“ – zum Beispiel Gebäude, in denen wir uns täglich bewegen, bis sie eine Art symbolische Bedeutung annehmen – sodass wir sie letztendlich nie wirklich sehen. Das Fotografieren stellt meinen Versuch dar, die Welt um mich herum anders wahrzunehmen und neu zu erfinden.

Mit welcher Leica-Ausrüstung fotografieren Sie bevorzugt?
Ich arbeite bereits seit Jahren mit dem Leica M-System – digital mit der M240, analog mit der M3. Anders als jede andere mir bekannte Ausrüstung zwingt mich die Kombination von Festbrennweiten mit dem manuellen Fokus dieser Kameras dazu, mich auf eine viel intimere Weise mit meinen Motiven auseinanderzusetzen. Vor anderthalb Jahren habe ich mir die Leica Q zugelegt. Obwohl sie mit 28 mm dieselbe Brennweite wie mein bevorzugtes M-Objektiv hat, ist diese Kamera wieder etwas vollkommen anderes – ich finde sie absolut fantastisch. Für mich sind Objektive, die eine enge Schärfeebene ermöglichen (f/1.7, f/2), kombiniert mit einer Brennweite von 28mm die perfekte Lösung, um meine Motive gefühlvoll und zielgenau einzufangen.
in.formation © Jonathan Castellino
every.thing.that.rises © Jonathan Castellino
the.perpetual © Jonathan Castellino
tensity © Jonathan Castellino
resolution © Jonathan Castellino
a.drama.in.time © Jonathan Castellino
only.wonder.knows © Jonathan Castellino
lichen © Jonathan Castellino

Jonathan Castellino

Der kanadische Fotograf Jonathan Castellino lebt in Toronto und unterrichtet Architekturfotografie an der Willowbank School of Restoration Arts. Sein Portfolio enthält nicht nur Bilder von verlassenen Kirchen, Lagerhäusern und Fabrikgeländen – auch schwindelerregende Aufnahmen von Hochhausdächern zählen zu seinen Werken. Das Wechselspiel von Mensch und Stadt rückt dabei in vielen seiner Projekte in den Vordergrund.

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