For Whom the Sirens Will Sing

Théo Giacometti

11. Dezember 2023

Die südfranzösische Landschaft und ihre Bewohner standen im Fokus des Fotografen. Porträt eines Kulturraums, der zu verschwinden droht.
Die Camargue ist ein in vieler Hinsicht besonderer Landstrich im Süden Frankreichs. Er ist für seine Salzgewinnung, die Wildpferde und die Roma-Wallfahrten bekannt. In der Schwemmlandebene befinden sich die beiden Mündungsarme der Petite und der Grande Rhône, die im letzten Jahrhundert eingedeicht wurden – doch die Deiche halten den steigenden Wasserpegeln kaum mehr stand. Der Siedlungsraum wird immer unwirtlicher. Mehr und mehr Bewohner gehen und mit ihnen ihre Kultur. In seiner Serie For Whom the Sirens Will Sing hat Théo Giacometti Impressionen von Land und Leuten eingefangen, die an ihrem Land und ihrer Kultur hängen. Théo Giacometti spricht über die Inspiration zu seiner Serie, seine poetische Ader und seine fotojournalistischen Intentionen.

LFI: Können Sie etwas zum Titel Ihres Projekts sagen, For Whom the Sirens Will Sing, woher kommt er?
Théo Giacometti: Dieser Titel, Pour qui chanteront les sirènes (Für wen die Sirenen singen), stammt aus dem Gedicht, das ich zu den Bildern geschrieben habe. In Form eines langen poetischen Textes erzähle ich von den Wanderungen einer fiktiven Figur in diesem Gebiet. Sie imaginiert sich mit einer gewissen Nostalgie in die Zukunft.

Wie kam es zu Ihrem Projekt über die Camargue?
Das hatte ich schon lange vor. In einem Sachstandsbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change der Vereinten Nationen (IPCC) las ich, dass die Camargue durch den steigenden Meeresspiegel, die Bodenerosion und die globale Erwärmung bedroht ist. In einigen Szenarien war von der Evakuierung bestimmter Städte in einigen Jahrzehnten die Rede. Für mich wären dies die ersten Klimaflüchtlinge in Europa. Letztendlich wollte ich mich von diesem allzu journalistischen Aspekt lösen und die Geschichte einer Gegend und ihrer Bewohner erzählen, und zwar in diesem ganz besonderen Moment, in dem wir uns ihr Verschwinden vor Augen halten.

Was waren die Herausforderungen beim Fotografieren?
Die Umgebung ist sehr speziell und nicht sehr einladend! Es handelt sich um ein Gebiet, das von Sümpfen und Ebenen mit niedriger und üppiger Vegetation geprägt ist. Es ist sehr schwierig, dort zu fotografieren: Es ist flach, das Sommerlicht ist gleißend, und das Salz auf dem Boden führt zu Verdunstung, wodurch alles, was man sieht, unscharf wird. Ich habe versucht, über die Klischees über die Camargue hinauszugehen und andere Aspekte zu zeigen. Ich wollte mir diese Gegend aneignen und eine umfassendere Geschichte erzählen.

Was wollten Sie über die Region Camargue erzählen?
Es ist ein Fotoprojekt über das steigende Wasser in der Camargue und die Zukunft ihrer Bewohner angesichts des Verschwindens ihres Territoriums. Von allen Seiten angegriffen – vom Meer, das die Strände auffrisst, vom Fortschritt, der die Häuser abreißen will, und von den Touristen, die die Dörfer überschwemmen –, versuchen die Menschen in der Camargue, einen zerbröckelnden Traum am Leben zu erhalten.

Was ist der Traum der Menschen?
Die Leute in der Camargue versuchen, eine Lebensweise aufrechtzuerhalten, die stark mit ihrer Umwelt verbunden ist und sich der Gleichmachung unserer Gesellschaften widersetzt: Holzhütten inmitten der Sümpfe, Fischfang, Jagd, Leben inmitten der Wasserlachen … Sie hätten sich gewünscht, dass all dies für immer bestehen bliebe. Aber es gibt keine Vögel mehr, keine Fische, und die Bulldozer machen die Hütten schon dem Erdboden gleich, bevor das Meer sie erreicht.

Sie haben sich also gefragt, was von all dem übrig bleiben wird.
Ich wollte eine Bestandsaufnahme dieses Gebiets und des Lebensstils seiner Bewohner zu diesem Zeitpunkt festhalten und gleichzeitig die Frage nach der Zukunft stellen. Ich finde es interessant, diese Menschen mit der abgrundtiefen Frage des Verschwindens ihres Lebensraums zu konfrontieren. Es ist ein Ort voller Klischees, Folklore und Traditionen, an dem viele verschiedene Gemeinschaften leben. Im Laufe der Arbeit an dem Projekt wurde mir klar, dass es hier auch um eine allgemeinere Frage geht, nämlich um unsere Zukunft auf diesem Planeten, um ein Land, das sich ohne uns regeneriert, und um das Überleben bestimmter „untypischer“ Lebensweisen.

Wie wird die Camargue Ihrer Meinung nach in 20 bis 30 Jahren aussehen?
Das ist natürlich sehr schwer zu sagen. Niemand kann den Klimawandel vorhersagen, aber jedes Jahr arbeitet sich das Salz weiter in die Erde hinein, die sommerliche Trockenheit greift den Boden an, und die sintflutartigen Regenfälle im Herbst richten immer mehr Schaden an. Die rasche und starke Entwicklung des Tourismus erschwert die Situation zusätzlich. Als Delta ist die Camargue von Natur aus ein Gebiet in Bewegung, das sich ständig weiterentwickelt.

Kann die Fotografie das Bewusstsein für bestimmte Themen schärfen?
Ja, ich glaube immer noch an die Macht der Fotografie, Dinge zu verändern, wenn auch nur ein bisschen. Sie kann Zeugnis ablegen, informieren, bewegen und uns daran erinnern, woher wir kommen. Darauf arbeite ich jedenfalls an jedem Tag der Woche hin!
Carla Susanne Erdmann
ALLE BILDER AUF DIESER SEITE: © Théo Giacometti
EQUIPMENT: Leica M6 und Leica M10, Summilux-M 1:1.4/35 Asph

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There’s a kid playing with his ass in the dirt in front of this white and blue shack. I murmur: a house by the sea.
A working man’s dream.
It’s all going to disappear, I tell myself.
Tomorrow there will be nothing left.
Nothing.
A few sick fish will take shelter under the cooker in the house under the water. The huge chimneys, of course, will have found shelter further away,
taking with them
What’s still alive here.
A few tired workers,
a few scrap metal workers, a canning factory, a tired marsh and dry scrub where a few insects are still struggling.
But of all that?
Just a few memories in the wind and the mournful songs of the birds.
To the south, nothing.
The road? Buried.
But for whom the sirens will sing asks the old man leaning against his twisted car door.
Soon there will be nothing left but souvenir shops for tourists. Dams have been built all along the river,
emptied the marshes, fenced off all the fields,
gagged the rivers and dammed the ponds.
Believe me, boy, from Les Saintes
there will soon be nothing left but an island.
I really hope the sea washes everything away and all that’s left is the church, standing there in the middle of the sea.
Like an idiot in the sun.
It would be beautiful.
All the tourists underwater, with their fancy cars and overpriced restaurants. Gone.
We’d finally have some peace, you see.
The horses will have time to go in peace, don’t worry about them.

Théo Giacometti+-

GIACOMETTI_AUTOPORTRAIT_(c) Théo Giacometti
© Théo Giacometti

1989 in den südfranzösischen Alpen geboren. Nach einem Berufsstart als Koch widmete er sich dem Journalismus und der Fotografie. 2013 veröffentlichte er seinen ersten Roman, Puisque chante la nuit. Im Jahr 2018 zog er nach Marseille und begann für die nationale und internationale Presse zu arbeiten, darunter für Le Monde, Libération und The Guardian. Er ist Mitglied des Studios Hans Lucas, einer Plattform für freiberufliche Fotografen und Fotoagentur. Im Jahr 2022 wurde Giacometti mit dem Mondes-nouveaux-Stipendium des französischen Kulturministeriums ausgezeichnet. Mehr

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