Die Geschichte zum Cover

Nicolò Filippo Rosso

17. Februar 2025

Der Fotograf erzählt von einer unerwarteten Begegnung in einem der größten Flüchtlingslager des Tschad.
„Dieses Bild habe ich Anfang Juli 2024 während eines Auftrags für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) aufgenommen. Der Bildredakteur gab mir freie Hand, um den Zugang zu Nahrung, Wasser und medizinischer Versorgung im größten Flüchtlingslager im Osten des Tschad, in der Stadt Adré an der Grenze zum sudanesischen Darfur, zu dokumentieren.

Mein Dolmetscher und der Fahrer hatten eine Gebetspause eingelegt, und ich stromerte ein wenig durch das Lager. Freiwillige Helfer verteilten dort vor einem Gebäude Mahlzeiten; Kinder und Erwachsene brachten Töpfe, um Essen zu erhalten. Männer mit Peitschen hielten die Kinder in Schach, die auf ihre Ration warteten, schrien und ihre leeren Töpfe zeigten. Eines dieser Kinder war das hier zu sehende Mädchen.

Ich war gerade dabei, die Szene zu fotografieren, als sie mich mit einem Topf voll Essen in der Hand rief und mich einlud, ihre Familie zu besuchen, mit der sie die Mahlzeit teilen würde. Sie war fest entschlossen, dass ich den Ort, an dem sie lebten, fotografieren und ihre Geschichte hören sollte. Wir liefen etwa 20 Minuten lang durch das Lager und versuchten, uns auf Arabisch zu verständigen. Ich machte das Foto, bevor ich ihr Haus erreichte. Ihre Familie empfing mich mit großer Gastfreundschaft, und das Mädchen zeigte auf eine alte Frau, von der ich annahm, dass sie krank war. Sie wollte, dass ich sie fotografiere, also erklärte ich ihr, dass ich mit meinem Dolmetscher zurückkehren müsse, um ihre Geschichte zu erfahren.

Das Haus war aus Blättern, Stöcken und Plastikplanen gebaut, die das Logo einer Spendenorganisation trugen. Wie alle Flüchtlinge in Adré lebte die Familie im Elend und wurde mit Lebensmittelkarten und der Hilfe der internationalen Organisationen versorgt.

Bevor ich abreiste, speicherte ich den Ort auf meinem Handy, besuchte die Familie aber nie wieder. Nach einigen Tagen wurde ich, erkrankt an Malaria, COVID-19 und Lungenentzündung, in die Hauptstadt transportiert. Als ich im Dezember in den Tschad zurückkehrte, war die Familie nicht mehr da.“
Text und Bild: © Nicolò Filippo Rosso
EQUIPMENT: Leica SL2-S, Summicron-SL 1:2/35 Asph

LFI 2.2025+-

Rossos Fotostrecke über das Leben in der Grenzregion vom Tschad und Sudan finden Sie im LFI Magazin 2.2025. Mehr

Nicolò Filippo Rosso+-

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© Nicolò Filippo Rosso

Der italienische Fotograf (*1985) fokussiert sich auf soziale, ökologische und humanitäre Themen. Seine Arbeiten dokumentieren Migration, Klimawandel und Menschenrechte in Amerika, dem Nahen Osten und Afrika und fanden weltweite Veröffentlichung. Er erhielt unter anderem den W. Eugene Smith Memorial Award (2021), das Alexia Grant (2024) sowie zahlreiche weitere Auszeichnungen. Mehr

 

Die Geschichte zum Cover

Nicolò Filippo Rosso