Die Geschichte zum Cover
Die Geschichte zum Cover
Fred Stein
23. Mai 2026
Eine junge Frau liegt mit geschlossenen Augen auf einer Wiese. Schläft sie, sonnt sie sich? Der Strickbadeanzug und das Handtuch unter ihren Schultern verweisen auf einen Moment der freizeitlichen Entspannung. Sie ist ungeschminkt, ihre Hände liegen schützend auf dem Dekolleté, in der rechten Hand eine nicht angezündete Zigarette. Blätter und Gräser umrahmen diese friedliche Szene. Das bemerkenswert Ungewöhnliche an dieser Aufnahme ist jedoch die Perspektive. Fred Stein fotografierte aus nächster Nähe und entschied sich für eine dynamische Komposition, die den Körper der Frau um 180 Grad drehte. Eine moderne Sichtweise, geschult an den neuen Möglichkeiten einer Neuen Fotografie, die seit den 1920er-Jahren mit einem Neuen Sehen die konventionellen Bildgestaltungen ablöste. Auch in der damaligen Modefotografie waren entsprechende Kompositionen populär geworden. Kann man davon ausgehen, dass auch Stein sich dieser Vorbilder bewusst war, als er in einem Pariser Park dieses Porträt fotografierte?
Auf jeden Fall hatte Stein seinen Blick für Bildkompositionen zweifellos in wenigen Monaten rasch geschult. Die Fotografie war für den ehemaligen Amateur längst mehr als nur Zeitvertreib, sondern sollte ihm eine neue Existenz ermöglichen. Die rassistische Ideologie und Verfolgung durch die Nationalsozialisten hatten 1933 die Fortsetzung seiner juristischen Karriere in Deutschland verhindert und ihn mit seiner Frau Lilo zur Flucht nach Paris gezwungen. Dort wurde die gerettete Leica das Werkzeug für einen Neustart als Fotograf. Stein begann auf seinen Streifzügen durch Paris, die Welt mit fotografischem Blick zu entdecken. Mit Straßenaufnahmen, Alltagsmomenten, Porträts und eben auch mit poetischen Motiven wie der Aufnahme Le Rêve. Motive, von denen er hoffte, er könne sie an Magazine verkaufen und sie würden die Aufmerksamkeit auf den Bildautor lenken. Es war ein mühsamer Weg.
Nichts weiß man heute leider über den genauen Ort, die porträtierte Frau und das Entstehen des Bildes. Der Leiter des Fred-Stein-Archivs, Peter Stein, glaubt, dass die Frau, „einfach jemand [war], dem Fred begegnet ist, als er durch Paris spazierte und die Stadt erkundete, in der er eine neue Freiheit, einen neuen Beruf und eine neue Sichtweise gefunden hatte“. Gerade wenn man die Lebenssituation des Fotografen in den Blick nimmt, strahlt dieses Motiv umso mehr die Sehnsucht nach Ruhe, Sicherheit und Freiheit aus. Das Porträt der Frau wird so zum Symbol seiner eigenen Hoffnungen. Ein schöner Traum. Der allerdings nicht dauerhaft erhalten blieb, da die politischen Verwerfungen der 1930er-Jahre Stein und seine Familie zwangen, weiter ums Überleben zu kämpfen und ihn schließlich in die USA führten.
LFI 4.2026+-
Die LFI-Ausgabe 4.2026 präsentiert ein umfangreiches Portfolio als Leica Klassiker. Mehr
Stadt. Leben. Porträt+-
Das Lebenswerk des Fotografen ist in der Ausstellung Fred Stein: Stadt. Leben. Porträt noch bis Mitte Juni in der Leica Galerie Wetzlar zu entdecken.
Fred Stein+-
Am 3. Juli 1909 in Dresden geboren. Der studierte Jurist wurde am 30. Juni 1933 aus antisemitischen Gründen aus dem Justizdienst gedrängt und nicht mehr zum zweiten Staatsexamen zugelassen. Im August 1933 Heirat mit Liselotte „Lilo“ Salzburg (1910–1997). Flucht nach Paris im Oktober 1933. Aufbau einer Existenz als Fotograf. 1938 Geburt der Tochter Ruth-Marion. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs zehnmonatige Gefangenschaft in Internierungs- und Arbeitslagern. Lilo Stein konnte einen Koffer voller Negative und Abzüge aus Paris retten. Über Südfrankreich gelang 1941 die Emigration in die USA. 1943 Geburt des Sohns Peter. 1952 Verleihung der amerikanischen Staatsbürgerschaft. Am 27. September 1967 starb Fred Stein nach kurzer Krankheit in New York. Mehr