Mit der Leica MP in die Extreme

Martin Hartley

1. August 2025

Martin Hartley dokumentiert die Folgen des Klimawandels in beeindruckenden Bildern. Wir sprachen mit ihm über die Herausforderung der Expeditionsfotografie.
Es herrschen unwirtliche Bedingungen, als das dreiköpfige Expeditionsteam um Pen Hadow am 12. Mai 2010 den geografischen Nordpol nach 60 zermürbenden Tagen auf dem stetig schwindenden Eis der nördlichen Polarregion erreicht. Für den erfahrenen Expeditionsfotografen Martin Hartley – zu diesem Zeitpunkt begleitet er Expeditionen quer durch den asiatischen Raum, die Nord- und die Südpolarregionen bereits seit mehr als 15 Jahren – ist dieses Extrem kein Neuland. 1993 führte ihn seine erste Expedition nach Nepal, zum Everest 40th Anniversary, wenig später nach Kirgisistan, Borneo und Indien, 2001 erstmals in die Antarktis, im Jahr drauf zur Baffininsel vor der Nordostküste Kanadas und 2006 erstmals zum Nordpol, auf der „Top of the World“-Tour von Russland nach Kanada. Doch für Hartley und das Team zählt nicht nur die Herausforderung: Das Expeditionsteam möchte mit berührenden Bildern und Schilderungen auf die Folgen des menschengemachten Klimawandels hinweisen.

Gerade erst begleitete er die Ocean Census Arctic Deep Expedition, die zahlreiche bisher unbekannte Spezies in den Tiefen des arktischen Ozeans beschreiben konnte – für ein besseres Verständnis des Lebens in den Meeren, die rund sieben Zehntel unseres Planeten bedecken. Wir hatten Gelegenheit, erneut mit Martin Hartley über seine Expedition und Fotoausrüstung zu sprechen, bevor er auf eine neue Expedition von Kanada nach Grönland aufbricht, um den Zustand der Eismassen auf der Route zu dokumentieren.

LFI: Vor 15 Jahren erreichten Sie gemeinsam mit Ann Daniels als Teil eines dreiköpfigen Expeditionsteams den geografischen Nordpol – schon damals berichteten Sie über das schwindende Eis. Was ist seither in der Natur passiert?
Martin Hartley: Seit meiner Nordpolexpedition 2010 erreichte das arktische Meereis im September 2012 das niedrigste jemals aufgezeichnete Minimum, und im März dieses Jahres (2025) hatte das arktische Meer seine niedrigste jemals aufgezeichnete maximale Ausdehnung. Das Jahrzehnt zwischen 2011 und 2020 war das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen.

In dieser Zeit bin ich fünfmal in die Arktis zurückgekehrt, darunter zu zwei Nordpolexpeditionen 2014 und 2017, um Daten für die Raumfahrtbehörden NASA und ESA (Europäische Weltraumorganisation) zu sammeln. Die Reaktion der Natur auf den anhaltenden Rückgang des arktischen Meereises hat unser Klima sehr viel unbeständiger gemacht, unter anderem durch Veränderungen im Jetstream, was zu extremeren Wetterereignissen führt. Seit 2014 hat es keine vollständige Nordpolexpedition mehr gegeben.

Sie haben damals eine analoge Leica MP 0.72 für die Dokumentation genutzt, die später bei Leitz Photographica versteigert wurde. Warum eine analoge Kamera, und warum gerade die Leica MP?
Ich habe meine analoge Leica MP auf der Expedition 2010 aus mehreren Gründen eingesetzt. Zum einen wollte ich eine mechanische Kamera, von der ich wusste, dass sie auch bei minus 50 Grad Celsius und hoher Luftfeuchtigkeit funktionieren würde. Zum anderen brauchte ich eine Kamera, die nicht auf Batterien angewiesen ist, da ich aufgrund des geringen Lichts zu dieser Jahreszeit keine Möglichkeit hatte, Batterien aufzuladen, und die starke Bewölkung an den meisten Tagen eine Aufladung durch Sonnenenergie verhindert hätte (ich verwendete einen Weston-Belichtungsmesser für die Lichtmessungen).

Die Aufnahmen auf Film boten die robustesten Archivierungseigenschaften für die Bilder und garantierten ihre Haltbarkeit für die nächsten 100 Jahre. Außerdem wollte ich eine moderne Arktisexpedition auf Schwarzweißfilm aufnehmen, um zu sehen, wie die Bilder im Vergleich zu denen einer Nordpolexpedition aussehen, die 100 Jahre zuvor fotografiert worden war. Ich erinnere mich, dass ich während einer langen Nordpolexpedition im Jahr 2009 irgendwann gegen Ende, am 60. oder 70. Tag oder so, in einem großen Sturm auf Skiern unterwegs war. Da habe ich mir versprochen, meine nächste Arktisexpedition mit einer Leica-Kamera zu fotografieren, um den Leica-Effekt zu erleben. Nicht wegen der Funktionsweise der Objektive, sondern um zu spüren, wie es ist, eine Leica in der Hand zu halten, und wie es sich anfühlt, sie in einer extremen Umgebung zu verwenden.

Und schließlich wollte ich sehen, wie sich die Bilder von denen anderer Kameras unterscheiden, die ich benutzt hatte. Ich war 41 Jahre alt und seit 20 Jahren professioneller Fotograf. Auf dieser Expedition sagte ich zu mir selbst: „Ich werde mir eine Leica kaufen, wenn ich gut genug bin.“ Heute lächle ich darüber, aber damals war es mir sehr ernst. Und ja, ich spüre auch heute noch diesen Druck, ein großartiges Foto zu machen, wenn ich eine Leica in der Hand halte. Das kommt von dem Wissen, dass so viele Fotos, die mit Leica-Kameras aufgenommen wurden, unsere Kenntnis der Geschichte und die Botschaften der Wahrheit geprägt haben; etwas, das der Welt, in der wir heute leben, zu entgleiten scheint.

Wie bereiten Sie sich und Ihre Ausrüstung auf eine solch extreme Expedition vor?
Ich bereite mich in den Wochen vor einer Arktisexpedition mental vor. Eine Möglichkeit ist, dass ich mir abends vor dem Schlafengehen vorstelle, wie ich auf dem Arktischen Ozean in meinem Zelt in der Dunkelheit auf einem Floß aus sich bewegendem Eis umher, schwebe, wie ein Schiff ohne Anker, zum Geräusch des um mich herum brechenden Eises, so weit weg von Rettung, wie es auf diesem Planeten nur möglich ist. Diese mentale Probe bereitet mich darauf vor, dass der Schock, den ich in den ersten Nächten der Expedition erlebe, nicht so groß ist. Körperlich muss ich robust und mobil sein.

Fotograf zu sein ist überall ein körperlicher Job, aber auf einer Expedition hat man nicht nur einen, sondern zwei Jobs: Der eine ist, Mitglied des Expeditionsteams zu sein, der andere ist der des Expeditionsfotografen. Das Training im Winter, wenn es kalt ist und man müde wird, stärkt die körperliche und geistige Widerstandsfähigkeit. Die gesamte Ausrüstung für eine ausgedehnte Nordpolexpedition muss in der Kälte einem Belastungstest unterzogen werden. Wenn irgendetwas eine Schwachstelle hat, wird die Kälte sie finden, egal ob es sich um ein Ausrüstungsteil oder einen Menschen handelt. Der Arktische Ozean ist ein besonderer Ort auf der Erde: Wenn die Außentemperatur minus 40 Grad Celsius beträgt, dann sind es auch im Zelt minus 40 Grad Celsius. Anders als in der Antarktis gibt es einen „Treibhauseffekt im Zelt“. Nichts entgeht der Kälte, und die lastet rund um die Uhr schwer auf deinem Gemüt. Die einzige Möglichkeit, dem Druck der Kälte zu entkommen und kreativ zu sein, besteht darin, mich darauf zu besinnen, warum ich als Fotograf dort bin. Expeditionen in den Arktischen Ozean sind, mit einem Wort, „brutal“; sie sind von Anfang bis Ende schmerzhaft – physisch und emotional. Die Tatsache, dass ich als Fotograf an einer Expedition teilnehme, nimmt mir nicht das Leid, sondern gibt mir einen Sinn – und das ist meine Kraft, der Kälte zu entkommen.
Tobias Habura-Stern
© Martin Hartley
EQUIPMENT: Leica MP 0.72 Chrome, Elmarit-M 1:2.8/24 Asph, Fuji Provia 100F

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Eiskalt erwischt. Mit einer Leica MP fotografierte Martin Hartley 2010 den Nordpol. Bei Temperaturen von bis zu minus 45 Grad Celsius versagten digitale Kameras – die mechanische Leica MP hingegen bewährte sich auf der 777 Kilometer langen Reise Mehr

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Seit über zwanzig Jahren dokumentiert der Fotograf das arktische Meereis und hat dabei mehr als 2.000 Meilen auf Expeditionen zurückgelegt. Seine Aufnahmen erscheinen weltweit in renommierten Medien und wurden vielfach ausgezeichnet, darunter mit dem Titel „Hero of the Environment“ des Time Magazine. Neben Expeditionen, auf denen er fotografiert, arbeitet er eng mit Wissenschaftsteams von Esa, Nasa und internationalen Forschungsprogrammen zusammen. Ausstellungen auf mehreren Kontinenten unterstreichen die kulturelle und wissenschaftliche Relevanz seines Schaffens. Mehr

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