Êzîdxan

Hüsamettin Bahçe

3. Oktober 2025

Glaube, Tradition, Bedrohung – ein fotografischer Blick auf die Jesiden, entstanden in einem zwölf Jahre andauernden Langzeitprojekt.
Die Jesiden sind eine religiöse Minderheit mit Wurzeln im Nahen Osten, deren religiöses Zentrum im Heiligtum Lalisch im Nordirak liegt. Seit Jahrhunderten leiden sie unter Diskriminierung und Verfolgung. Besonders schwer traf sie der Völkermord durch den Islamischen Staat im Jahr 2014; viele leben heute in der Diaspora, wo sie um Anerkennung und den Erhalt ihrer Kultur kämpfen. Hüsamettin Bahçe hat das Volk über zwölf Jahre hinweg fotografisch porträtiert.

LFI: Was hat Sie motiviert, mehr als zwölf Jahre der Dokumentation der Jesiden zu widmen? Wie hat sich Ihre Perspektive auf die Menschen im Laufe des Projekts verändert?
Hüsamettin Bahçe: Ehrlich gesagt hatte ich nie geplant, über einen so langen Zeitraum hinweg zu fotografieren. Aber der Eindruck, den die jesidische Gemeinschaft auf mich machte, das Geheimnis ihres Glaubens, die Wärme der Menschen, die mich wie ein Mitglied aufnahmen, und nicht zuletzt das historische Bewusstsein, das durch den Genozid geschärft wurde – all das waren entscheidende Gründe, weshalb ich diese Arbeit fortsetzte.

Wie gelingt es Ihnen, sensible Geschichten wie diese respektvoll und zugleich ehrlich einzufangen?
Ich arbeite gern an Geschichten, die eine gründliche Recherche erfordern. Wenn es sich um Glaubensthemen handelt, gilt meine Aufmerksamkeit nicht nur den Bildern, sondern ebenso den Texten. Bevor ich sie veröffentliche, bespreche ich sie mit religiösen Autoritäten aus der Gemeinschaft und nehme Korrekturen vor, wo sie notwendig sind. Im Rahmen meiner Vorabrecherche möchte ich verstehen, worauf ich achten muss, was ich vermeiden sollte und wo meine Grenzen liegen. Wer sein Thema wirklich beherrscht, genießt Vertrauen – und wenn man mit echter Aufrichtigkeit auftritt, öffnen einem die Menschen viele Türen.

Vielen ist die Jesiden-Gemeinschaft kaum bekannt. Wie bringen Sie ein so spezielles Thema einem Publikum nahe, das wenig oder gar kein Vorwissen hat?
In meinen Projekten beginne ich mit den grundlegenden Prinzipien des jesidischen Glaubens und der Kultur. Dabei versuche ich, Parallelen zu anderen Religionen sichtbar zu machen und Gründe für eventuelle Missverständnisse zu erläutern.

Mit welchen Herausforderungen waren Sie während des Projekts konfrontiert, und wie haben Sie sie überwunden?
Ich arbeitete in zwei Regionen: in Lalisch, wo sich der Haupttempel und zahlreiche Dörfer befinden, sowie in Sindschar. Sindschar ist konservativer, der Glaube strenger, und dort lebt die größte jesidische Gemeinschaft. Gerade deshalb war die Arbeit dort besonders schwierig. Während der US-Besatzung erschwerten zahlreiche Gefahren das Projekt. Allein das Reisen mit viel Fotozubehör war ein Problem; manchmal musste ich es vorausschicken. Mein Guide Emin fand kreative Lösungen: Wir gaben gegenüber den Sicherheitskräften an, ich sei Jeside und wolle meine Verlobte in der Türkei besuchen. Um mein Fotomaterial später in die Türkei zu schmuggeln, beauftragte ich Lastwagenfahrer – für 100 Dollar nahmen sie die Rollen mit über die Grenze.

Ich möchte zudem noch von einer persönlichen Erfahrung erzählen: Auf dem Rückweg von Lalisch wollte ich mir ein Taxi mit drei Bauarbeitern teilen, um Geld zu sparen. Als ich ihnen – ohne selbst Jeside zu sein – sagte, dass ich einer sei, änderte sich die zuvor lockere Gesprächssituation schlagartig. Sie zogen sich zurück, berieten sich mit dem Fahrer, und kurz darauf wurde ich gebeten, meine Tasche aus dem Wagen zu nehmen. Sie wollten nicht mehr mit mir fahren. Diese Erfahrung war für mich wie ein soziales Experiment – und sie zeigte mir, wie es sich anfühlt, als Jeside Ausgrenzung erleben zu müssen.

Weshalb erfahren die Jesiden denn solch eine Ausgrenzung?
Die Jesiden wurden von Anhängern anderer Religionen seit jeher missverstanden. Oft wurde ihnen nachgesagt, den „Engel des Bösen“ zu verehren – ein Vorwurf, der ihre Stigmatisierung befeuerte. In seinem Buch Enquête sur les yézidis de Syrie et du Djebel Sindjar bezeichnete der französische Forscher Roger Lescot sie sogar als eine Gemeinschaft, die entweder zum Islam oder zum Christentum bekehrt werden müsse. Auch Missionare und Reisende stuften den jesidischen Glauben als ketzerisch ein. Solche falschen und unvollständigen Darstellungen, die sich über Jahrhunderte verfestigten, schufen ein Klima des Misstrauens und der Feindseligkeit. Sie sind einer der Hauptgründe dafür, dass Jesiden bis heute Ausgrenzung, Verfolgung und sogar Völkermord erleben mussten.

Was wünschen Sie sich von ihrem Projekt?
Ich hoffe, dass Êzîdxan Neugier weckt und ein wenig von dem Unbekannten ins Rampenlicht rückt. Denn ich glaube: Gerade im Unbekannten liegt der Ursprung all jener Massaker, die die Jesiden im Laufe der Geschichte erleiden mussten.
Danilo Rößger
ALLE BILDER AUF DIESER SEITE: © Hüsamettin Bahçe
EQUIPMENT: Leica M6, Summicron-M 1:2/35 Asph, Summicron-M 1:2/50

Hüsamettin Bahçe+-

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© Kerem Uzel

Geboren 1974 in Diyarbakır, Türkei, arbeitet Bahçe an Dokumentationen zu sozialen Themen wie Migration, Menschenrechtsverletzungen, Umweltbewusstsein, Identität und Minderheiten. Seine Werke Mazxana (2011) über das Leben in den Vororten von Diyarbakır, Hewraman (2022) über die Kurden in der Hawraman-Region und Êzîdxan (2024) über die Kultur der Êzîdîs wurden als Bücher veröffentlicht.  Mehr

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