Êzîdxan
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Hüsamettin Bahçe
3. Oktober 2025
Lalisch, Duhok, April 2005: Um das Grab von Scheich Adî, dem Haupttempel in Lalisch, befinden sich kleine und große Tempel, Wasserquellen und Schreine. Nicht nur der Tempel, alles im Tal ist für die Jesiden heilig
LFI: Was hat Sie motiviert, mehr als zwölf Jahre der Dokumentation der Jesiden zu widmen? Wie hat sich Ihre Perspektive auf die Menschen im Laufe des Projekts verändert?
Hüsamettin Bahçe: Ehrlich gesagt hatte ich nie geplant, über einen so langen Zeitraum hinweg zu fotografieren. Aber der Eindruck, den die jesidische Gemeinschaft auf mich machte, das Geheimnis ihres Glaubens, die Wärme der Menschen, die mich wie ein Mitglied aufnahmen, und nicht zuletzt das historische Bewusstsein, das durch den Genozid geschärft wurde – all das waren entscheidende Gründe, weshalb ich diese Arbeit fortsetzte.
Wie gelingt es Ihnen, sensible Geschichten wie diese respektvoll und zugleich ehrlich einzufangen?
Ich arbeite gern an Geschichten, die eine gründliche Recherche erfordern. Wenn es sich um Glaubensthemen handelt, gilt meine Aufmerksamkeit nicht nur den Bildern, sondern ebenso den Texten. Bevor ich sie veröffentliche, bespreche ich sie mit religiösen Autoritäten aus der Gemeinschaft und nehme Korrekturen vor, wo sie notwendig sind. Im Rahmen meiner Vorabrecherche möchte ich verstehen, worauf ich achten muss, was ich vermeiden sollte und wo meine Grenzen liegen. Wer sein Thema wirklich beherrscht, genießt Vertrauen – und wenn man mit echter Aufrichtigkeit auftritt, öffnen einem die Menschen viele Türen.
Vielen ist die Jesiden-Gemeinschaft kaum bekannt. Wie bringen Sie ein so spezielles Thema einem Publikum nahe, das wenig oder gar kein Vorwissen hat?
In meinen Projekten beginne ich mit den grundlegenden Prinzipien des jesidischen Glaubens und der Kultur. Dabei versuche ich, Parallelen zu anderen Religionen sichtbar zu machen und Gründe für eventuelle Missverständnisse zu erläutern.
Mit welchen Herausforderungen waren Sie während des Projekts konfrontiert, und wie haben Sie sie überwunden?
Ich arbeitete in zwei Regionen: in Lalisch, wo sich der Haupttempel und zahlreiche Dörfer befinden, sowie in Sindschar. Sindschar ist konservativer, der Glaube strenger, und dort lebt die größte jesidische Gemeinschaft. Gerade deshalb war die Arbeit dort besonders schwierig. Während der US-Besatzung erschwerten zahlreiche Gefahren das Projekt. Allein das Reisen mit viel Fotozubehör war ein Problem; manchmal musste ich es vorausschicken. Mein Guide Emin fand kreative Lösungen: Wir gaben gegenüber den Sicherheitskräften an, ich sei Jeside und wolle meine Verlobte in der Türkei besuchen. Um mein Fotomaterial später in die Türkei zu schmuggeln, beauftragte ich Lastwagenfahrer – für 100 Dollar nahmen sie die Rollen mit über die Grenze.
Ich möchte zudem noch von einer persönlichen Erfahrung erzählen: Auf dem Rückweg von Lalisch wollte ich mir ein Taxi mit drei Bauarbeitern teilen, um Geld zu sparen. Als ich ihnen – ohne selbst Jeside zu sein – sagte, dass ich einer sei, änderte sich die zuvor lockere Gesprächssituation schlagartig. Sie zogen sich zurück, berieten sich mit dem Fahrer, und kurz darauf wurde ich gebeten, meine Tasche aus dem Wagen zu nehmen. Sie wollten nicht mehr mit mir fahren. Diese Erfahrung war für mich wie ein soziales Experiment – und sie zeigte mir, wie es sich anfühlt, als Jeside Ausgrenzung erleben zu müssen.
Weshalb erfahren die Jesiden denn solch eine Ausgrenzung?
Die Jesiden wurden von Anhängern anderer Religionen seit jeher missverstanden. Oft wurde ihnen nachgesagt, den „Engel des Bösen“ zu verehren – ein Vorwurf, der ihre Stigmatisierung befeuerte. In seinem Buch Enquête sur les yézidis de Syrie et du Djebel Sindjar bezeichnete der französische Forscher Roger Lescot sie sogar als eine Gemeinschaft, die entweder zum Islam oder zum Christentum bekehrt werden müsse. Auch Missionare und Reisende stuften den jesidischen Glauben als ketzerisch ein. Solche falschen und unvollständigen Darstellungen, die sich über Jahrhunderte verfestigten, schufen ein Klima des Misstrauens und der Feindseligkeit. Sie sind einer der Hauptgründe dafür, dass Jesiden bis heute Ausgrenzung, Verfolgung und sogar Völkermord erleben mussten.
Was wünschen Sie sich von ihrem Projekt?
Ich hoffe, dass Êzîdxan Neugier weckt und ein wenig von dem Unbekannten ins Rampenlicht rückt. Denn ich glaube: Gerade im Unbekannten liegt der Ursprung all jener Massaker, die die Jesiden im Laufe der Geschichte erleiden mussten.
Hüsamettin Bahçe+-
Geboren 1974 in Diyarbakır, Türkei, arbeitet Bahçe an Dokumentationen zu sozialen Themen wie Migration, Menschenrechtsverletzungen, Umweltbewusstsein, Identität und Minderheiten. Seine Werke Mazxana (2011) über das Leben in den Vororten von Diyarbakır, Hewraman (2022) über die Kurden in der Hawraman-Region und Êzîdxan (2024) über die Kultur der Êzîdîs wurden als Bücher veröffentlicht. Mehr
Lalisch, Duhok, April 2005: Um das Grab von Scheich Adî, dem Haupttempel in Lalisch, befinden sich kleine und große Tempel, Wasserquellen und Schreine. Nicht nur der Tempel, alles im Tal ist für die Jesiden heilig
Ain Sifni, Duhok, Juni 2015: Der Cafébetreiber Xelo Îlyas Xwêdêda unterhält sich mit seinen Kunden. Ein Jahr nach dem Massaker in Sindschar hat Xelo Îlyas in Deutschland Asyl beantragt
Lalisch, Duhok, Oktober 2008: Beim Fest der Gemeinschaft werden Öllampen entzündet. Bei diesem Fest werden Zeremonien abgehalten, die mit dem Glauben an den Beginn des Universums zusammenhängen. Die jesidische Gemeinschaft bezeichnet die Semâ-Prozession als eine Reminiszenz an die Engel, die sich vor Gott verneigen
Boza, Duhok, Dezember 2014: Am Festtag besucht eine Frau die Gräber ihrer Verwandten. Diese Besuche werden im Zuge unterschiedlicher Rituale durchgeführt. Am zweiten und dritten Festtag werden im Namen der Toten Nanê Mirîya-Mahlzeiten zubereitet und Grabbesuche unternommen
Khatare, Duhok, Mai 2016: Während des Cema-Fests pilgert man zu heiligen Stätten. Die Rituale, die diese Feste begleiten, werden perîsiwarkirin genannt. Die bunten Textilien, die auf die Grabmäler gehängt wurden, werden durch neue ersetzt
Lalisch, Duhok, April 2006: Jesiden feiern das Neujahrsfest Çarşema Sor, indem sie im Hof des Haupttempels in Lalisch Öllampendochte verbrennen, beten und ululieren
Ain Sifni, Duhok, Mai 2016: Wehklagende Frauen, die den Friedhof in Ain Sifni besuchen. Lalisch, wo sich der größte Tempel der jesidischen Gemeinschaft befindet, liegt innerhalb der Grenzen von Ain Sifni
Khanke, Zaxo, Duhok, November 2014: Einige Kinder klettern auf einen Erdhaufen in der Nähe des Camps Khanke und schauen sich die Umgebung an. Das Camp wurde nach der nahe gelegenen Stadt Khanke benannt
Zaxo, Duhok, Dezember 2014: Frauen backen Brot im Einkaufszentrum von Zaxo, dessen Bauarbeiten unvollendet sind. Jesiden, die das Massaker von Sindschar überlebten, begannen, in Papphütten in den unvollendeten Gebäuden zu leben. Einige Familien entschieden sich dafür, in diesen Bauten im Stadtzentrum zu bleiben, obwohl Camps zur Verfügung gestellt wurden
Zaxo, Duhok, Januar 2015: Ein Kind spielt im Bajed-Kandala-Camp mit dem Müllsack, den die Campleitung pro Zelt ausgibt. In dem von den Vereinten Nationen errichteten Camp leben 20 000 Menschen. Im Winter sind die Lebensbedingungen in den Zeltcamps der Autonomen Region Kurdistan besonders schwierig. Die Zelte schützen nicht vor der Kälte und sind durch Heizvorrichtungen leicht entflammbar
Serhêçka, Duhok, März 2016: Die Hochzeitsfeier, die morgens am Dorfplatz begann, wird am Abend zu Hause fortgesetzt. Vier Paare des Basitkî-Stammes werden nach der Befreiung Sindschars verheiratet. Bis Sindschar komplett befreit wurde, organisierten die Jesiden nach dem Massaker keine Hochzeiten oder anderen Feierlichkeiten