Bei den Samosely
Bei den Samosely
Marco Cortesi
8. April 2025
Die Samosely, frei aus dem Ukrainischen mit „Selbstsiedler“ übersetzt, sind größtenteils ältere Leute, die kurz nach der Zwangsevakuierung 1986 in ihre Heimat zurückkehrten. Trotz der Gefahren durch die radioaktive Kontamination zogen sie es vor, an den Orten zu leben, die sie als ihr Zuhause betrachteten, anstatt unter Zwang anderswo ein neues Leben aufzubauen. Viele von ihnen waren Bauern oder Menschen mit ländlichen Wurzeln, die sich ein Leben fern ihrer Heimat nicht vorstellen konnten. Mit der Zeit begannen die Behörden, ihre Anwesenheit zu tolerieren, auch wenn sie nie offiziell anerkannt wurden.
Dieses Foto zeigt eine Frau, die ich während meiner Reise in die Sperrzone im Jahr 2014 traf. Ich kenne ihre persönliche Geschichte nicht im Detail, aber ihr Gesicht strahlte eine enorme Widerstandskraft aus. Ich erinnere mich, dass sie uns während unseres Treffens freundlich einige eingelegte Pilze anbot, die sie wahrscheinlich in den umliegenden Wäldern gesammelt hatte. Natürlich lehnten wir höflich ab, da wir uns der Risiken durch die radioaktive Belastung bewusst waren.
Mein Ziel war es, nicht nur die verlassenen Orte und die in der Zeit erstarrte Atmosphäre der Sperrzone zu dokumentieren, sondern auch diejenigen, die sich entschieden hatten, dortzubleiben oder zurückzukehren. Mein Buch Whiteness in Černobyl ist eine Sammlung von Fotografien und Reflexionen zu diesem Thema und soll eine menschliche Perspektive auf eines der dramatischsten Kapitel der modernen Geschichte bieten – insbesondere in Bezug auf seine sozialen und ökologischen Folgen sowie als Zeugnis für den Einfluss der Menschheit auf Ökosysteme.“
Whiteness in Chernobyl+-
136 Seiten, 60 Duotone-Bilder; Spiralbindung, 19 × 24 cm.
Mit einem Einleitungstext von Stefano Agustoni. Kuratiert von Paola Riccardi; redaktionelle Leitung: Stefano Bianchi. Limitiert auf 264 Exemplare (Standard-Edition) bzw. 86 Exemplare (Special-Edition, mit zwei weiteren Fotos, signiert); Italienisch, Crowdbooks
Mit dem Code LFI25 erhalten Leserinnen und Leser des LFI Magazins einen Rabatt von 25 CHF/EUR auf die Sonderausgabe des Buchs.
LFI 3.2025+-
In dieser Ausgabe kommen Einblicke rund um die Welt zusammen: Marco Cortesi dokumentiert die Folgen von Tschernobyl, Emmanuel Serna gibt einen Einblick in den Alltag in Hongkong, Fulvio Bugani porträtiert Kubas queere Community und Jean-Pierre Laffont erzählt uns seine besten Geschichten aus den USA. Mehr
Marco Cortesi+-
Der Dokumentarfotograf (*1981 in Lugano) hat einen Abschluss in Humangeografie an der Staatlichen Universität Mailand. Nach dem Besuch verschiedener Fotografiekurse und Masterclasses am International Center of Photography (ICP) sowie bei Fotografen renommierter Agenturen gründete er 2012 das Fotografie-Festival LuganoPhotoDays. Aktuell unterrichtet er Technik und Umwelt in der Südschweiz. Mehr