Von der Schönheit im Verborgenen

Charlotte Schmitz

14. Januar 2019

Fast surreal und doch ganz alltäglich: Mit einer Leica M9 und einer M (Typ 240) sowie einem 35er Summilux dokumentiert die deutsche Fotografin Charlotte Schmitz in ihre Serie çok güzelim, çok güzel / I am so beautiful, so beautiful eine fast märchenhafte Traumwelt. Ihre farbenfrohen Aufnahmen geben seltene Einblicke in eine Lebensrealität, die den meisten Außenstehenden verborgen bleibt.
Beim Durchstreifen der kleinen Gassen des Istanbuler Stadtteils Balat interessierte sich Charlotte Schmitz vor allem für das Leben hinter den Gardinen. In bunter, schillernder Farbigkeit erzählt sie mit einer sensiblen, nahbaren Bildsprache von einem unsichtbaren, ausschließlich von Frauen bespielten Parallelwelt. Mitten in Istanbul. Fernab von Vätern, Ehemännern oder Cousins.

LFI: Sie haben über zwei Jahre lang in Istanbul gelebt, wie kam es dazu?
Charlotte Schmitz: Vor meinem Studium habe ich in Berlin gelebt und wollte unbedingt das Land meiner türkischen Nachbarn und Freunde kennen lernen. 2012 habe ich das erste Mal für ein paar Wochen das Land bereist – von der Schwarzmeerküste bis nach Istanbul. Dort wurde mir von Balat erzählt, einem alten historischen Stadtteil am Goldenen Horn, wo ich viel Zeit verbrachte. Schnell wurde mir klar, hier möchte ich leben, hier möchte ich Türkisch lernen.

Sind Sie während dieser Zeit auf die Idee zu der Fotostrecke çok güzelim, çok güzel / I am so beautiful, so beautiful gekommen?
Ja, mich faszinierten die Innenwelten, ich fing an ihre Bewohner, den Geist und Zusammenhalt der Nachbarschaft zu fotografieren. Erst mit der Zeit entwickelt sich die Arbeit zu einer ausschließlich über Frauen. Der private und öffentliche Raum in Balat ist sehr getrennt – manche Ehemänner und Väter lernte ich erst nach Jahren kennen.

Haben türkische Ehemänner, Brüder, Väter der porträtierten Frauen die Fotos gesehen? Und wenn ja, wie waren die Reaktionen darauf?
Viele kennen meine Bilder, einige sind zu meiner Ausstellung gekommen. Eine Freundin von mir, in dessen Familie ich sehr viel Zeit verbringe, hat mir ihrem Bruder und anderen Freunden meine Ausstellung im Haus besucht. In einem Zimmer hing ein Bild von ihr, auf dem sie kein Kopftuch trägt, ihr Gesicht ist natürlich nicht erkennbar. Beim Hineingehen ruft ihr Bruder lachend „Ooh Büsra, das bist ja Du“, obwohl auch männliche Freunde mit dabei waren, von denen einer sagte „Nun sehe ich endlich Deine Haare“, worauf Büsra antwortete „Schön, nicht wahr?“. Das vermeintlich Konservative ist nicht immer so konservativ wie wir oftmals erwarten. Ich habe mich natürlich auch bei den Frauen versichert, welche Fotografieren ich zeigen kann und welche nicht.
ALLE BILDER AUF DIESER SEITE: © Charlotte Schmitz
EQUIPMENT: Leica M9 und Leica M (Typ 240) mit Summilux-M 1:1.4/35 Asph

Charlotte Schmitz+-

Charlotte Schmitz ist Dokumentarfotografin und Journalistin. In ihrer Arbeit verbindet sie kollaborative Methoden mit langfristiger Recherche, um traditionelle Perspektiven der dokumentarischen Fotografie herauszufordern. Aufgewachsen in der dänischen Minderheit in Deutschland, studierte sie dokumentarische Fotografie in Hannover (B.A.) und Visuelle Kultur in Kopenhagen (M.A.). Ihre Arbeiten wurden unter anderem in der Washington Post, dem Spiegel und der Zeit veröffentlicht. Ausstellungen ihrer Fotografien waren bereits in den USA, der Türkei, Österreich und Japan zu sehen. Für ihr Buch La Puente erhielt sie 2019 als erste Fotografin den „FotoEvidence W Award“. Charlotte Schmitz lebt und arbeitet derzeit an der Ostsee, in der Nähe von Flensburg. Mehr

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