Zwischenräume

Alwin Maigler

17. Februar 2025

Der deutsche Fotograf widmete sich dem Ensemble des Stuttgarter Balletts und dessen Tanzkunst. Er beleuchtet, was in dem Raum zwischen den Bewegungen stattfindet. Eine Hommage an die Fähigkeiten des menschlichen Körpers.
In seinen Serien Nuances, die hier, und Nocturne, die auf lfi-online.de zu sehen ist, porträtiert Alwin Maigler nicht Menschen, sondern Bewegungen. Ihnen spürte Maigler nach und erkannte, dass es die Räume und Momente zwischen zwei Bewegungen sind, die im Mittelpunkt seiner Studien stehen sollten. Dabei stieß er schnell auf das Paradoxon, ein flüchtiges Medium wie den Tanz in ein statisches Medium wie die Fotografie transkribieren zu wollen. „Die Symbiose des statischen Mediums der Fotografie und dem Fluiden des Tanzes mache ich zum Forschungsgegenstand“, sagt Maigler.

Begonnen hat der Fotograf seine Serie am Anfang der Pandemie im Jahr 2020. Als alles stillstand, setzte er sich in Bewegung und hatte die Idee, Kreative und Kulturschaffende zu porträtieren. Unter ihnen war auch das Ensemble des Stuttgarter Balletts. Die Zwangspause war im Nachhinein für ihn ein Glücksfall, den er zu nutzen wusste, denn im durchgetakteten Arbeitsalltag des Ensembles wäre ein stundenlanges Fotoshooting kaum unterzubringen gewesen. Eingeladen hat er die Tänzerinnen und Tänzer vor Ort in sein Studio, wo sie mal vor weißem, mal vor schwarzem Hintergrund auftraten.

Beim Fotografieren legte er den Fokus auf das Skulpturale ihrer Körper. „Farbe, Hintergrund und Gesichter – all das würde vom Wesentlichen ablenken. Es geht um den Tanz, der von Körpern und von Bewegung definiert wird.“ Bei der Gestaltung seiner Bilder verfolgte Maigler einen reduzierten, puristisch-natürlichen Ansatz und arbeitete vorwiegend mit dem Fensterlicht im Studio von rechts. Er fotografierte teils mit Blitz, aber ohne Stativ aus der Hand, um flexibel reagieren zu können. Er bewegte sich ruhig, aber ab und zu dynamisch in Abhängigkeit der Bewegungen der Tänzer und Tänzerinnen. „Ich arbeite nicht mit Posen, sondern aus der Bewegung heraus, das unterscheidet mich von anderen Fotografen“, hebt er hervor.

Neben den Bewegungen hat Maigler die Körperlichkeit und das Figurative der Tänzerinnen und Tänzer in den Fokus gestellt. „Durch das bewusste Weglassen der Gesichter bei dem Großteil der Bilder findet eine gewisse ,Entfremdung‘ statt, die dem Figurativen der Körper noch mehr Kraft gibt. Man konzentriert sich dadurch noch stärker auf das, was im Bild geschieht. Außerdem wollte ich mich von stereotypen Sehgewohnheiten lösen und nicht nur ästhetische Körper darstellen. Deswegen zeige ich zum Beispiel auch einen männlichen Oberkörper in einer verletzlichen Pose.“ Er legte Wert auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis und einen weiteren wichtigen Aspekt: „Die Arbeit ist entsexualisiert.“ Seine fotografische Handschrift beziehungsweise seinen persönlichen Stil hat Maigler bei Nuances – im Gegensatz zu seiner Serie Nocturne – reduziert, um besagten Bewegungen die maximale Bühne zu geben. „Den Moment im Raum-Zeit-Kontinuum einzufangen, macht den Zauber aus.“

Seine Fotografien produziert er in einer Auf‌lage von 1/1 im analogen, historischen Carbon-Doppel-Transfer-Verfahren in Kooperation mit dem Fototechniker Mario P. Rodrigues auf einem Papier mit 600er-Grammatur. „Alles entsteht händisch, von der Gewinnung der Pigmente bis hin zur Retusche mit dem Pinsel.“ Damit erweckt Maigler das zum Leben, was Walter Benjamin in seinem 1936 erschienenen Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit in den Mittelpunkt gestellt hatte, nämlich die durch seine Einmaligkeit definierte Aura eines Werks. „Auch auf molekularer Ebene wäre es nicht möglich, den Print zu reproduzieren.“ Maiglers Bilder wollen, dass man sich vor ihnen versammelt, um einem wie in echt entgegenzutanzen – als ein Statement gegen die visuelle Inflation unserer Tage.
Carla Susanne Erdmann
ALLE BILDER AUF DIESER SEITE: © Alwin Maigler
EQUIPMENT: Leica M11 Monochrom, Leica SL2, Apo-Summicron-SL 1:2/35 Asph, Apo-Summicron-SL 1:2/90 Asph

Alwin Maigler: Nuances+-

AB_AME-Nuances_Cover

184 Seiten, 112 Duplex-Abbildungen
22 × 33 cm, Englisch
Kerber

Alwin Maigler: Nocturne+-

AB_AME-Nocturne_Cover

216 Seiten, 163 Duplex-Abbildungen
22 × 33 cm, Englisch
Kerber

LFI 2.2025+-

Diese Geschichte stammt aus LFI Magazin 2.2025. Darin enthalten: Zum 100. Jubiläum der Leica präsentieren ausgewählte Leica Galerien eine Ausstellungsreihe: In zwölf Ausstellungen treffen ein junges Talent und ein Leica Hall of Fame Gewinner aufeinander. Den Überblick finden Sie im Heft. Außerdem: Nicolò Filippo Rosso begleitet sudanesische Geflüchtete im Tschad, Alice Pallot warnt vor Umweltfolgen einer Algenplage, Leica Klassiker Marvin E. Newman zeigt frühe Farbfotografie und Alwin Maigler feiert den Tanz. Mehr

Alwin Maigler+-

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© Sven Cichowicz

Geboren 1996, ist Maigler Autodidakt und arbeitet in den Bereichen Porträt, Mode und Kunst. 2021 wurde er jüngster Professional in der BFF-Verbandsgeschichte; 2023 Berufung in die deutsche Gesellschaft für Photographie. Er steht vor seinem Abschluss in Kommunikationsdesign an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Seine Arbeiten werden international ausgestellt und von Sammlern gekauft.  Mehr

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