Stute mit Fohlen
Stute mit Fohlen
Peter Thomann
5. September 2025
Der Kontaktstreifen seines Kodak-Tri-X-Films zeigt nicht nur, wie sparsam Thomann fotografierte, sondern belegt auch, dass es nur diesen einen unvergesslichen Moment gegeben hat, der zu dem besonderen Bild der Harmonie zweier Pferdekörper führte. Als sich weitere Menschen auf die Koppel zubewegten, „fühlte sich die Stute gestört, lief im Trab davon und nahm das Fohlen instinktiv auf die von der Gefahr abgewandte Seite“, beschreibt Thomann die Situation. „Um das Tempo mitzuhalten, galoppierte das Fohlen. Ich verfolgte den Lauf der Tiere durch den Sucher meiner Leica, drückte nur ein einziges Mal auf den Auslöser: genau in dem Moment, als das Fohlen die Beine geschlossen hatte und exakt deckungsgleich mit dem Körper der Stute war. Das war der entscheidende Augenblick. Im Bruchteil einer Sekunde hatte ich das Bild meines Lebens gemacht.“ Schon die nächste Aufnahme auf seinem Film zeigt die Herde in weiter Entfernung vom Fotografen.
Intuition, Aufmerksamkeit, technische Präzision, Vorausahnung und eine große Portion Glück waren beispiellos zusammengekommen. Kein Wunder, dass er für diese einmalige Aufnahme rasch Anerkennung fand: So erhielt es beim World Press Photo Award noch im Dezember desselben Jahres den ersten Preis in der Kategorie „Features“ und wurde auch vom Publikum bei der begleitenden Ausstellung in Den Haag zum besten Bild gekürt. Danach „ging es um die ganze Welt, und ich habe auf keines mehr Zuschriften erhalten. Keines hat so viele Emotionen ausgelöst“, so Thomann.
Aber es waren nicht nur Emotionen, die den Fotografen in den folgenden Jahrzehnten begleiteten. Ganz pekuniär sollte es auch um Copyrightfragen und merkwürdige Verwendungszusammenhänge des Bildklassikers gehen. 1996 wurde das Motiv sogar ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen und zur meistkopierten Fotografie der Welt erklärt. Bis heute hat Thomann unzählige Fundstücke gesammelt, die sein Bildmotiv nutzten. Ob Buchcover, T-Shirts, Tassen oder Pferdefarm-Werbungen, das Bild verfolgte ihn in Form mehr oder weniger gelungener Kopien in allen künstlerischen Techniken. Sogar die Kfz-Kennzeichen des amerikanischen Bundesstaates Kentucky waren bis vor ein paar Jahren mit dem ikonischen Bildmotiv versehen. Der Urheberrechtsstreit fiel schließlich zugunsten Thomanns aus.
„Ich hatte ein gutes Gefühl, als ich den Auslöser meiner Leica M3 drückte, und war mir sicher, innerhalb 1/250-Sekunde ein gutes Bild im Kasten zu haben. Aber was dieses Bild noch Jahre danach auslösen sollte, das konnte ich mir im Traum nicht vorstellen“, lautet das rückblickende Resümee des Fotografen. Längst ist auch schon die Geschichte des Bildes ausstellungswürdig geworden, vielleicht gerade auch aus Gründen der Wertschätzung des perfekten analogen Moments.
LFI 6.2025+-
Die LFI-Ausgabe 6.2025 zeigt in der Reihe der Leica Klassiker ein Portfolio des Fotografen. Mehr
Peter Thomann+-
Als Sohn eines Metallbildhauers und einer Malerin wuchs der am 2. Juli 1940 in Berlin geborene Fotograf in einem künstlerischen Haus auf. Nachdem das Atelier der Eltern im Krieg zerstört worden war, zog die Familie nach Emmendingen im Breisgau. Dort absolvierte er von 1956 bis 1959 eine Fotografenlehre; es folgte von 1960 bis 1965 ein Studium an der Folkwangschule in Essen bei Otto Steinert. Zunächst arbeitete er frei, bis er 1968 einen unbefris-teten Vertrag beim Stern in Hamburg erhielt, wo er bis 2005 blieb. Heute pendelt er zwischen Hamburg und Emmendingen, um sein Archiv und den Nachlass der Eltern zu pflegen. Peter Thomann wurde vielfach ausgezeichnet, seine Arbeiten sind in internationalen Museumssammlungen zu finden. Mehr