Die Geschichte zum Cover

Ragnar Axelsson

20. Februar 2026

Wenn der Wind angreift: Piteraq-Stürme können mit brutaler Wucht wüten. Der Fotograf spricht über eine Begegnung, die im Kopf blieb.
Sie gehören zu den extremsten Wetterereignissen der Arktis: Piteraq-Stürme sind plötzliche, orkanartige Fallwinde, die mit eisiger Kälte und nahezu vollständiger Sichtlosigkeit einhergehen. In Ostgrönland gelten sie als lebensgefährlich und prägen den Alltag der dort lebenden Menschen. Ragnar Axelsson (RAX) erzählt von einer Begebenheit, in der er einen solchen Sturm selbst erlebt hat.

„Die schlimmsten Piteraq-Stürme sind unerbittlich. Der Schneesturm hatte mehrere Tage lang in der Gemeinde Ittoqqortoormiit gepeitscht. Während der heftigsten Phasen konnte man zwischen den Häusern kaum etwas erkennen. Trotzdem war es eine Wohltat, nach einer langen Jagd auf dem Eis im Dorf anzukommen. Man sah vereinzelt Menschen, die zwischen den Häusern hindurchhuschten, doch fast niemand war draußen, so unerträglich war das Wetter. In der Dunkelheit auf dem Meereis waren durch den Dunst die Hundeschlitten zu erkennen, die sich langsam dem Dorf näherten.

Als er von seinem Schlitten stieg, war Little Bent, ein Jäger aus Kap Hope, völlig mit Schnee bedeckt. Es dauerte eine Weile, bis er die Eiskruste, die sich im Sturm um ihn gebildet hatte, abklopfen konnte. Seinen Spitznamen verdankte Little Bent seiner kleinen Statur, doch als Jäger war er ein wahrer Gigant, denn er hatte alle Arten arktischer Tiere gejagt, um zu überleben. Er band seine Hunde auf dem Eis unterhalb des Dorfes an und ging an Land, wo der Schneesturm weiter tobte. Das Dorf war kaum zu erkennen. Es war wahrlich kein ideales Reisewetter, doch Little Bent hatte keine Vorräte mehr, und es sah nicht so aus, als würde der Sturm in absehbarer Zeit nachlassen.

Little Bent war der einzige Bewohner von Kap Hope, einem kleinen Dorf 14 Kilometer von Ittoqqortoormiit entfernt. Bei gutem Wetter dauerte die Fahrt zwischen den Dörfern mit dem Schlitten nur eine Stunde, doch zu dieser Zeit war der Schnee schwer und die Sicht schlecht. Die Fahrt ging nur langsam voran und dauerte zweieinhalb Stunden. Die Huskys im Dorf lagen angekettet unter dem Schnee. Einige von ihnen regten sich, als er vorbeiging. Ein großer, kräftiger Hund richtete sich auf die Hinterbeine auf und heulte in den Sturm, bevor er wieder im Schnee verschwand.

Im Winter veränderte sich das Dorfbild: Der Schnee sammelte sich zu Verwehungen und verbarg ganze Boote, die erst im Frühling wieder zum Vorschein kamen. Little Bent schlenderte durch das Dorf und schaute bei ein paar Freunden vorbei, bevor er sich auf den Heimweg machte. Die Dunkelheit senkte sich herab. Die Dorfbewohner und die Huskys sahen zu, wie Little Bent im Sturm verschwand und den schwachen Spuren des Hundeschlittens zurück nach Kap Hope folgte. Sie würden gemeinsam nach Hause finden, Mensch und Hunde.“
Text und Bild: © RAX

LFI 2.2026+-

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Ragnar Axelsson+-

Geboren 1958 in Island, Ausbildung zum Fotografen. Bereits mit 18 Jahren wurde Ragnar Axelsson Fotograf bei der isländischen Tages-zeitung Morgunblaðið – seitdem dokumentiert er die Natur und das Leben der Menschen im Norden. Seine Bilder erschienen u. a. in Life, Geo, Polka, Newsweek, im Stern und im Time Magazine. Drei Bücher sind bisher erschienen: Faces of the North (2004, Neuauflage 2015), Last Days of the Arctic (2010) und Behind the Mountains (2013). 2001 erhielt er eine ehrenhafte Erwähnung beim Leica Oskar Barnack Preis. Mehr

 

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