Nachruf: Christine de Grancy

22. März 2025

Mit 82 Jahren ist die Wiener Leica-Fotografin am 20. März 2025 verstorben. Ob auf der Theaterbühne, im Porträt oder auf vielen Reisen: Aus flüchtigen Momenten vermochte die Fotografin, sensible, zeitlose Bilder zu gestalten.
Über den Dächern von Wien: unerschrocken, wetterfest und vor allem schwindelfrei. Um die besten Standpunkte und Motive über den Wiener Dachlandschaften mit den vielen geflügelten Wesen, Putten, Karyatiden und allegorischen Figuren zu finden, war die Fotografin viele Jahre auf Gesimsen, Kuppeln und Dächern unterwegs. Und ließ schon einigen Pförtnern und Türöffnern oder Handwerkern den Atem stocken ob der Leichtigkeit, mit der sie sich in luftiger Höhe bewegte. Doch auch auf festerem Boden war sie eine genaue Beobachterin, eine couragierte und empathische Porträtistin, ob bei ihren vielen Reisen oder bei ihren persönlichen Begegnungen in ihrer Wahlheimat Wien. Geboren wurde sie 1942 in Brünn (heute Brno, Tschechien), studierte in Graz und kam 1963 nach Wien, arbeitete als Grafikerin und Art-Direktorin, bevor sie die Fotografie als ihre eigentliche Leidenschaft entdeckte. Die Kamera war das beste Werkzeug, um ihre Neugier auf die Welt anzutreiben. Sie richtete ihren Blick dabei immer wieder auf die Lebenswirklichkeiten und das Schicksal von Frauen, die allzu häufig zu den Übersehenen in Zeiten politischer und gesellschaftlicher Verwerfungen gehören.

Ihre Reisen führten sie unter anderem nach Griechenland, Japan, Portugal, Algerien, China, Tibet, Pakistan, in die Türkei, nach Georgien, Russland, Niger und Mali. Bei ihren Reportagen, vielfach in Magazinen und Büchern veröffentlicht, nahm sich die Fotografin geduldig Zeit. Und es war genau dieser Faktor Zeit, der zu ihren fotografischen „Verdichtungen“ führte. Dass sie auch sehr spontan den richtigen Moment erwischen konnte, belegen ihre vielen Theaterfotografien, die vor allem am Wiener Burgtheater entstanden. Noch vor drei Jahren würdigte das Theatermuseum Wien diesen Teil ihres Lebenswerks. Auch hier zeigte sich eindrücklich, wie es de Grancy immer wieder gelang, den Porträtierten möglichst nahezukommen – nämlich direkt auf der Bühne –, ihnen aber nie zu nahe zu treten. Eine enge Verbindung hatte die Fotografin auch zu André Heller, mit dem sie mehrere Bücher veröffentlichte und der ihr 1994 zu einer besonderen Reportage mit David Bowie verhalf, als der das Haus der Künstler in Gugging besuchte. Spannende Momente voller Ernsthaftigkeit, Respekt und vor allem: keine Posen.
 
Die Fotografin war eine großartige Erzählerin mit der Kamera und beschenkte die Betrachtenden mit berührenden Augenblicken. Viele Aspekte wird es noch in ihrem Werk zu entdecken geben – bis zuletzt arbeitete sie mit ihrem Archiv. Nun ist Christine de Grancy in einem Wiener Krankenhaus verstorben. Ihre Stimme wird fehlen.
Ulrich Rüter

LFI 4.2022+-

Das Werk von Christine de Grancy wird in der LFI-Ausgabe 4.2022 mit einem umfangreichen Portfolio vorgestellt. Mehr

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