KYOTOGRAPHIE 2026
KYOTOGRAPHIE 2026
Lucille Reyboz & Yusuke Nakanishi
16. April 2026
©️ Daido Moriyama Photo Foundation
LFI: Erzählen Sie uns doch bitte ein wenig über sich und Ihren Werdegang.
Lucille Reyboz und Yusuke Nakanishi: Lucille ist eine Fotografin aus Frankreich, Yusuke ein japanischer Lichtkünstler. Wir haben uns 2011 in Tokio kennengelernt und zufällig festgestellt, dass wir beide dasselbe Buch lasen. Es war Kwaidan von Lafcadio Hearn, eine Sammlung japanischer Geistergeschichten. Das wurde zum Ausgangspunkt für unsere erste Zusammenarbeit, eine Fotoserie namens Kyo-kaï, die von diesen Erzählungen inspiriert war. Wir erkannten, dass unsere sich ergänzenden Arbeitsweisen und Fähigkeiten einen natürlichen Schnittpunkt fanden, der sich seitdem weiterentwickelt hat.
Können Sie uns etwas darüber erzählen, wie das Festival entstanden ist und welche Rolle Kyoto dabei spielt?
Kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten, ereigneten sich das Tōhoku-Erdbeben und der Tsunami. Das hat uns sehr bewegt und unseren Wunsch bestärkt, etwas Sinnvolles für die Fotoszene in Japan zu tun. Wir brauchten einen Ort, der diesem Anspruch gerecht werden konnte – einen Ort mit kulturellem Gewicht. Kyoto war dafür die nahe liegende Wahl. Die Stadt gilt als kulturelle Hauptstadt Japans und beherbergt rund 2000 Tempel und Schreine. 2013 haben wir die erste Ausgabe von Kyotographie ins Leben gerufen.
Was war der ursprüngliche Anstoß für die Gründung dieser Veranstaltung?
Das Erdbeben und der Tsunami von 2011 haben uns eindringlich vor Augen geführt, wie wichtig Kommunikation und kultureller Austausch zwischen Japan und dem Rest der Welt sind. Wir waren damals erschüttert darüber, wie eingeschränkt der Informationsfluss schien, und uns wurde klar, wie wichtig es ist, in Japan einen Raum zu schaffen, in dem Menschen zusammenkommen und drängende soziale, ökologische und politische Themen diskutieren können.
Im Sommer nach unserem Kennenlernen stellten wir unsere Serie Kyo-kaï in Paris aus und besuchten die Rencontres d’Arles. Das Festival ist ein Mekka für Fotografen aus aller Welt, doch wir waren überrascht, wie wenige Japaner dort waren und wie wenig Informationen darüber in Japan selbst existierten.
Japan hat eine so reiche und einflussreiche Fotogeschichte, doch für die eigene Community gab es nichts Vergleichbares zu Arles. Wir wollten eine internationale Plattform schaffen, auf der Fotografen Ideen austauschen und Wissen teilen können und auf der lokale Künstler direkter mit der globalen Fotoszene in Kontakt treten können.
In den letzten Jahren hat sich das Festival zu einer der bedeutendsten Fotografieveranstaltungen Japans entwickelt. Was macht das Festival und sein Programm so besonders, und wie hat es sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens hat sich das Festival stets dafür eingesetzt, etablierte Größen und aufstrebende Fotografinnen und Fotografen im selben Programm zusammenzubringen. Dann sind da die Veranstaltungsorte. Kyoto bietet uns Zugang zu außergewöhnlichen Orten wie Tempeln und traditionellen Teehäusern. Das sind Räume, in denen die Menschen es nicht gewohnt sind, Kunst zu begegnen. Dieses Überraschungsmoment verändert die Art und Weise, wie man sich auf die Fotografie einlässt, und die Umgebung wird Teil des Erlebnisses.
Im Laufe der Zeit hat sich das Festival zudem so weit entwickelt, dass es die ganze Stadt belebt. Wir bieten öffentliche Vorträge und Workshops für Kinder an sowie KG+, eine Begleitveranstaltung, die parallel zur Kyotographie stattfindet. Alle möglichen Orte wie Galerien, Cafés und Geschäfte beteiligen sich mit eigenständigen Ausstellungen, wodurch aufstrebende Künstler und Kuratorinnen das internationale Publikum des Festivals optimal nutzen können. So wird die gesamte Stadt zu einem Ausstellungsraum, mit unerwarteten Ausstellungen, die alle kostenlos besucht werden können.
Können Sie uns ein besonderes Highlight der diesjährigen Ausgabe nennen?
In diesem Jahr widmen wir zum ersten Mal einen ganzen Bereich des Festivals einer bestimmten Region. Im vergangenen Juli waren wir in Südafrika, um uns mit Künstlerinnen und Kuratoren zu treffen, und wir waren tief beeindruckt von der Lebendigkeit der dortigen Fotografieszene, aber auch davon, wie stark die Geschichte der Apartheid im öffentlichen Diskurs und im künstlerischen Ausdruck noch immer spürbar ist. Der Kampf gegen die Apartheid gilt als eines der bedeutendsten Beispiele für kollektiven Widerstand in der jüngeren Geschichte, doch hier in Japan ist das Bewusstsein dafür nach wie vor begrenzt.
Für South Africa in Focus haben wir drei Hauptausstellungen von Ernest Cole, Pieter Hugo und Lebohang Kganye. Sie sind sehr unterschiedliche Stimmen aus verschiedenen Generationen und zeichnen gemeinsam ein eindrucksvolles Bild von Südafrika über verschiedene Epochen und Perspektiven hinweg. Wir arbeiten außerdem mit der A4 Arts Foundation aus Kapstadt und dem Kurator Sean O’Toole zusammen, der eine Sammlung von Fotobüchern präsentieren wird, die die Geschichte des Landes von den 1940er-Jahren bis heute nachzeichnen.
Zur Eröffnungsfeier haben wir außerdem die südafrikanischen Musiker Msaki und Tubatsi eingeladen, und wir begrüßen Siyabulela Mandela, den Urenkel von Nelson Mandela, der im Rahmen einer besonderen Gesprächsrunde mit den Künstlern ins Gespräch kommen wird. Jedes Jahr versuchen wir zudem, einem „Meister“ Tribut zu zollen. In diesem Jahr zeigen wir eine große Retrospektive des großen japanischen Fotografen Daido Moriyama.
Welche Pläne und Visionen haben Sie für die Zukunft des Festivals?
Auch wenn Kyoto immer die Heimat von Kyotographie bleiben wird, haben wir nun begonnen, Brücken zu schlagen und das Festival auf das Ausland auszuweiten. Wir wollten schon immer mehr japanische Künstler im Ausland präsentieren. Diesen Sommer kehren wir zum dritten Mal in Folge zum Programm Arles Associé zurück und präsentieren Werke von Rinko Kawauchi und Tokuko Ushioda. Wir haben die beiden Künstlerinnen erstmals bei der Kyotographie 2024 ausgestellt, dann 2025 im Japan House São Paulo, und diesen Sommer wird die Ausstellung in Arles zu sehen sein. Im Juni präsentieren wir außerdem eine Ausstellung im Japan House London mit Kikuji Kawada und Ai Iwane. Wir finden es großartig, dass dieses erweiterte Programm Menschen auf der ganzen Welt die Möglichkeit gibt, ein Stück Kyotographie zu erleben und die beeindruckende japanische Fotoszene ins Rampenlicht zu rücken.
Lucille Reyboz & Yusuke Nakanishi+-
Lucille Reyboz entdeckte ihre Leidenschaft für die Fotografie in Westafrika, wo sie einen Teil ihrer Kindheit verbrachte. Erste Japan-Erfahrungen sammelte sie im Umfeld von Salif Keita und Ryuichi Sakamoto. Als Porträtfotografin arbeitete sie u. a. für Musiklabels wie Blue Note Records und Verve Records. Ihre Arbeiten wurden international ausgestellt und in mehreren Büchern veröffentlicht. Heute lebt sie in Kyoto, wo sie 2013 das Kyotographie-Festival sowie 2023 das Kyotophonie Borderless Music Festival gründete.
Yusuke Nakanishi ist Lichtkünstler und -regisseur, der weltweit mit Erinnerungen an Licht und Schatten arbeitet. Er gestaltete Beleuchtung für Filme, Bühne, Konzerte und Mode sowie die Objektserie Eatable Lights. Seine Installationen wurden u. a. im Hara-Kunstmuseum in Tokio und in Paris gezeigt. In Kyoto gründete er mit Lucille Reyboz 2013 Kyotographie und 2023 Kyotophonie. Mehr
©️ Daido Moriyama Photo Foundation
Shine Heroes, 2018
© Federico Estol
Segregation signage, South Africa, 1960s
© Ernest Cole / Magnum Photos
Ballroom, Lee Plaza Hotel, The Ruins of Detroit, 2006
© Yves Marchand & Romain Meffre
Kate Bush, London, 1982
© Anton Corbijn
The Queen's Speech, 2023
© Thandiwe Muriu, Courtesy 193 Gallery
© Atsushi Fukushima
Woman in middle of the night, 2022
© Lebohang Kganye
Truck driver, Kano, 2023
© Pieter Hugo