Ihr denkt, wir waren anders. Bilder aus Ost und West von 1945 bis 1989

15. Juni 2026

In einem zunehmend polarisierenden Diskurs über Ost und West gibt diese Ausstellung einen Einblick in die Gemeinsamkeiten beider deutscher Staaten bis 1989 und versöhnt mit Humor, Menschlichkeit und ein bisschen Melancholie.
Eine Ausstellung im Kunstmuseum Ahrenshoop widmet sich mit einer ungewöhnlichen Bildersammlung den Zeiten der deutsch-deutschen Teilung. 200 berühmte wie unbekannte Fotografien werden nebeneinandergestellt und dokumentieren, wie ähnlich sich die Menschen im Westen und Osten trotz Stacheldraht und Mauer doch eigentlich waren (und sind). Die Fotos geben unerwartete und skurrile Einblicke in das Leben von Bundes- und DDR-Bürgern und erzählen von Humor und Menschlichkeit. Über das gesamtdeutsche Kaleidoskop spricht LFI mit der Kuratorin Petra Göllnitz.

LFI: Die deutsche Einheit ist 35 Jahre her. Was bedeutet die Ausstellung für Sie heute?
Petra Göllnitz: Es ist mein später Beitrag, zur Versöhnung und zum Verständnis unser beider Landesteile beizutragen. Die Ausstellung und das Buch haben etwas Erhellendes. Sie sind so überraschend in ihren Parallelitäten, zuweilen unbekümmert trotz des Ernstes der Lage. Dieser Humor könnte heilsam sein. Ohne Häme oder Neid. Vielleicht kommen wir darüber ins Gespräch, betrachten wir uns doch nun gegenseitig. Und erinnern uns zugleich. Es gibt kein ihr da drüben, weil alles drüben ist. Oder hier.

Woher kam die Idee für das Projekt?
Die Zeit bat mich Anfang 2024 anlässlich des 75. Geburtstages von BRD und DDR, Bilder aus dem Osten beizutragen. Also bin ich im Geiste alle Kategorien meines Lebens im Osten durchgegangen und fand in meinem fotografischem Gedächtnis unterschiedlichste Bilder zur Illustration. Bei der Präsentation in der Redaktion war die Reaktion Erstaunen und Überraschung. So wurde der Gedanke zu Buch und Ausstellung geboren. Denn mir fielen auch die Geschwisterbilder aus dem Westen ein. Aber im Laufe der Zeit wurde mir klar, dass ich die frühen Bilder der BRD nicht vollständig verinnerlicht hatte. Also wurde mir Margot Klingsporn eine große Hilfe. Zwei Bilderfrauen aus Ost und West – was für ein Glücksfall.

Wie und nach welchen Kriterien haben Sie die Fotografien zusammengestellt?
Ich habe mehrere Wege oder Achsen zusammengestellt. Da ist der schwere Anfang unserer Großeltern, die Hoffnungen und das Aufleben der 60er- und 70er-Jahre. Es ist das Rumoren gesellschaftlicher Ereignisse bis hin zur Revolte in Ost und West. Es gibt auch Zeitereignisse, die zum Teil nicht vergleichbar sind. Der Mauerbau und der 17. Juni im Osten und die Protestbewegungen der späten 60er-Jahre bis hin zur RAF im Westen etwa lassen sich nicht vergleichen. Und doch: Hauptbestandteil der Ausstellung sind die sogenannten Geschwisterbilder. Zu fast allen Ereignissen und Blickwinkeln der Fotografen fand sich jeweils scheinbar mühelos ein Pendant. Als hätten sich die Fotografen, obwohl sie sich nie begegnet sind, abgesprochen.

Gab es überhaupt Verbindungen zwischen den ost- und westdeutschen Fotografen und Fotografinnen?
Abgesehen von den verwandtschaftlichen Verhältnissen kenne ich wenig ferne freundschaftliche Beispiele. Ganz sicher aber gab es gegenseitige Beeinflussungen. Wobei ich mir vorstellen könnte, dass der Durst nach fotografischem Wissen und der Technik auf ostdeutscher Seite Richtung Westen größer war als umgekehrt.

Welche Bilder sind in der Ausstellung zu sehen?
Neben populären habe ich neue Perlen der deutschen Fotografie gefunden. Unbekannt oder fast vergessen. Es gibt eine Menge neuer Erkenntnisse, weil es eine Ausstellung in dieser Form noch nie gegeben hat. Sie wertet nicht. Sie zeigt nur auf. Buch und Ausstellung haben auch etwas Versöhnliches. Die Bilder sind wie Zwillinge, die bei der Geburt getrennt wurden. Nun werden sie Seite an Seite gezeigt. Das ist hochinteressant, amüsant und in jeder Hinsicht sehenswert.

Hat eine Aufnahme Ihr Interesse besonders geweckt?
Hier hätte ich gleich drei zur Auswahl. In einer Bildfolge habe ich zum Beispiel ganze Generationen vereint: Vater und Tochter Ludwig Schirmer und Ute Mahler; Väter und Söhne wie Richard Peter sen. und jun., Wolfgang G. und Erasmus Schröter, Wolf und Lutz Grünke. Ein Bildpaar der Ausstellung heißt Eure Rennfahrlegende, unsere Rennfahrlegende. Ich erinnerte mich an die Begeisterung meiner männlichen Verwanden im Osten für Vater und Sohn Melkus. Während meiner Recherche stieß ich auf die einzige weibliche Rennfahrerin der DDR, Helga Heinrich. Sie muss großartig gewesen sein. Und hübsch und selbstbewusst dazu. Sie durfte aber selten starten, weil es keine Regelungen für weibliche Rennfahrerinnen gab. In der Ausstellung ist sie auf einem schönen Bild neben Wolfgang Graf Berghe von Trips zu sehen. In der Bildfolge RAF im Westen und Osten zeige ich eine einzige private Aufnahme der in der DDR untergetauchten Terroristin Susanne Albrecht im Kreise ihrer ahnungslosen Kollegen.

Was lässt sich am Ende für Sie aus den beiden Teilen – Ost- und Westfotografie – erkennen?
Ost wie West hat fast identische Fotografenpersönlichkeiten. Sie beobachten, erzählen uns unsere Geschichte, sie inszenieren, was nicht zu sehen ist, sie sind mittendrin, sind manchmal tief betroffen, machen sich zuweilen lustig. Sie werden in diesem Ausstellungsbogen von fast 45 Jahren sehen, dass jeder der Fotografen ein ähnliches Bild auch auf der anderen Seite Deutschlands gemacht haben könnte. Wir sind mit gleichen kulturellen Prägungen groß geworden. Nur unsere gesellschaftlichen und politischen Vorzeichen waren grundsätzlich verschieden.
Katja Hübner

Petra Göllnitz+-

In Chemnitz geboren, studierte sie nach dem Abitur Kulturwissenschaft und arbeitete anschließend unter anderem für Das Magazin in Ostberlin. Unmittelbar nach dem Mauerfall im Herbst 1989 zog sie nach Hamburg und war dort drei Jahrzehnte lang als Bildredakteurin für die Zeitschrift Stern tätig. Sie betreute Fotografen und war für die legendären Farbstrecken verantwortlich. 2019 machte sie sich selbstständig und ist seitdem auch als Kuratorin für Ausstellungen und Fotoprojekte unterwegs – etwa für die Schau Der große Schwof.

Ihr denkt, wir waren anders: Fotografien aus Ost und West von 1945 bis 1989+-

Cover

Herausgeberin: Petra Göllnitz
Deutsch, 224 Seiten, 320mm × 240mm
Kehrer

Ausstellung+-

Unknown

Die Ausstellung Ihr denkt, wir waren anders. Fotografien aus Ost und West von 1945 bis 1989 ist vom 20. Juni bis 20. September 2026 im Kunstmuseum Ahrenshoopzu sehen.

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Ihr denkt, wir waren anders. Bilder aus Ost und West von 1945 bis 1989