Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other

12. Juni 2026

Vom 5. Juni bis zum 22. September verwandeln sich Kulturstätten in ganz Hamburg in Räume der Begegnung und des Austauschs. Der künstlerische Leiter der 9. Triennale der Photographie, Mark Sealy, lädt dazu ein, das gemeinsame Menschliche zu feiern.
„The greatest thing you’ll ever learn / Is just to love and be loved in return“ – diese Zeilen aus dem Song „Nature Boy“ aus dem Jahr 1948 bringt den zentralen Gedanken der 9. Triennale der Photographie Hamburg auf den Punkt. Sie lädt dazu ein, über das Verbindende im Menschlichen nachzudenken – und darüber, welche Rolle die Fotografie dabei spielen kann. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie wir dem vermeintlich anderen begegnen: mit Verantwortung, Offenheit und der Bereitschaft, Unterschiede als Bereicherung zu verstehen. Über das diesjährige Leitmotiv und die kuratorische Arbeit sprechen wir mit dem künstlerischen Leiter Mark Sealy.

LFI: Die 9. Triennale der Photographie steht unter dem Motto Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other. Können Sie dieses Thema etwas näher erläutern?
Mark Sealy: Die Idee der Alliance beschäftigt sich damit, warum es notwendig ist, Dinge anzunehmen, die man nicht sofort versteht, zu akzeptieren, dass nicht alles gleich sein muss, und Unterschiede als eine Form menschlicher Verbundenheit anzunehmen. Es geht um komplexere Darstellungen jenseits binärer Positionen, um eine Haltung aus Offenheit, Akzeptanz und Großzügigkeit.

Infinity basiert auf der Arbeit des Philosophen Emmanuel Levinas. Er lädt uns dazu ein, über unsere Verantwortung angesichts des anderen nachzudenken und erinnert uns an die unendlichen Möglichkeiten, die in einem Moment menschlicher Interaktion liegen. Wenn wir über das Unendliche nachdenken, lehrt uns die Geschichte, dass wir besser handeln müssen als bisher.

Love – in the Face of the Other basiert auf der afroamerikanischen Autorin bell hooks. In ihrem Buch All About Love schreibt sie, was es bedeuten könnte, Liebe nicht als einen romantischen, sondern als einen politischen Akt zu verstehen und die Welt durch die Linse der Liebe zu betrachten, die Perspektiven, Offenheit, Sensibilität und Zugewandtheit ermöglicht.

Ich habe viel zu den Themen wir und sie, schwarz und weiß, queer und hetero, weiblich und männlich, nicht-binär und binär gearbeitet. Ich denke, es gibt innerhalb all dessen einen Raum, in dem wir zusammenkommen müssen, um der Spaltung entgegenzuwirken – genau das wollte ich mit dieser Triennale erreichen.

Warum sind diese Aspekte gerade heute so wichtig?
Wir müssen darüber sprechen, wie Menschen behandelt werden und Arbeiten präsentieren, die diese Herausforderungen verdeutlichen. Gleichzeitig möchte ich nicht in Stereotypen gefangen sein und in einer Welt leben, die so stark in Schubladen denkt. Es ist wichtig, Grenzen fallen zu lassen – nicht nur physische, sondern auch psychologische, sexuelle und rassistische. Wir müssen verstehen, dass die Welt in Bewegung ist, und dass wir uns mit ihr bewegen.

Können Sie uns Einblicke in den kuratorischen Prozess geben?
Mit einem Großteil der Künstlerinnen und Künstler stehe ich seit vielen Jahren im Dialog. Das Besondere an der Gelegenheit, künstlerischer Leiter dieser Triennale zu sein ist, diese Menschen zusammenzubringen und ihre Vielfalt sichtbar zu machen. Ihre Arbeiten sind transgressiv, vielfältig, und ich versuche bewusst, das Wort „radikal“ zu vermeiden, aber sie sind voller Wendungen und Überraschungen. Dabei geht es nicht um Macht oder Größe, sondern um das Menschliche.

Haben Sie ein persönliches Highlight der Ausstellung?
Es kann sein, dass die Arbeit einer bestimmten Person an einem Tag besonders zu mir spricht – und am nächsten Tag eine andere. Wir Menschen sind komplexe soziale Wesen. Jedes Mal, wenn man ein Kunstwerk betrachtet, befindet man sich in einer anderen Lebensphase und einem anderen inneren Zustand. Deshalb geht es für mich nicht um Lieblingswerke oder Highlights. Es geht darum, an welchem Punkt man selbst zum Zeitpunkt der Betrachtung steht.

Wie lassen sich in einer zunehmend digital geprägten Zeit, in der sogenannte dritte Orte als physische Begegnungsräume an Bedeutung gewinnen, die Leitideen von Alliance, Infinity und Love auf das Event selbst übertragen?
Wir leben in einer Zeit, in der wir Zugang zu unglaublich vielen Informationen haben. Die Auswirkungen dessen sehen wir etwa bei jungen Leuten. Wenn wir uns in digitale Silos einschließen und Informationen nur noch über unsere Handys aufnehmen, gehen viele unserer wertvollen menschlichen Fähigkeiten verloren – sogar die einfache Fähigkeit, gemeinsam Bus zu fahren und kleine Momente miteinander zu teilen. Triennalen, Biennalen, Fotoausstellungen und Galerien sind Orte des Austauschs. Hier geht es nicht nur ums Spaß haben, sondern auch darum zu erkennen, dass man Teil von etwas ist.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Inklusivität. Wir müssen versuchen, das Programm nicht nur einer Elite zugänglich zu machen, sondern Momente kulturellen Austauschs für alle zu ermöglichen.

Und welche Rolle spielt Hamburg dabei?
Ich habe das Gefühl, dass Hamburg ein echtes Interesse daran hat, die Komplexität unserer Zeit mit all ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfalt anzuerkennen. Als Hafenstadt, die immer offen war, kennt Hamburg den Blick nach außen. Wenn dieser Charakter wirklich angenommen und weiterentwickelt wird, könnte die Stadt etwas ganz besonders werden.
Pauline Knappschneider

Mark Sealy+-

Mark-Sealy_Triennale_Presse_print-4 Philipp Meuser
© Philipp Meuser

Mark Sealy, 1960 in London geboren, ist ein international renommierter Kurator und Autor. Seit 1991 leitet er Autograph ABP (Association of Black Photographers) und kuratierte zahlreiche Ausstellungen, Residenzen und Publikationen. Er promovierte über Fotografie und kulturelle Gewalt an der Durham University und ist Professor für Rights and Representation an der University of the Arts London.

1/9
1/9

Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other