Die Ruhe vor dem Sturm

Jaroslav Kučera

10. Juli 2023

Prag in den 1970er-Jahren. Gesehen von einem der profiliertesten tschechischen Fotografen. Ein neues Buch präsentiert eine Auswahl seiner typischen virtuosen Schwarzweißaufnahmen. Weit mehr als ein Zeitzeugnis.
Was für ein Bild! Die Treppenszene mutet wie eine große theatralische Inszenierung an, dabei ist sie ganz zufällig entstanden. In einer Fußgängerunterführung am Prager Wenzelsplatz hatte der Fotograf im Winter 1972 genau den richtigen Standort, und so fügten sich die vorbeieilenden Passanten zu einer eindrücklichen Alltagschoreografie zusammen: Mehr als zwei Dutzend Personen schreiten die Treppen hinunter, daneben geht eine Reihe von Passanten nach oben oder nutzt die Rolltreppe, und nur wenige scheinen auf den Fotografen zu achten, um sich zu fragen, was hier gerade passiert. Der eigentliche Mittelpunkt ist aber ein junger Mann, der ebenfalls die Treppe hinabgeht; er ist aus der Menge hervorgehoben, scheinbar ganz selbstvergessen mit aufgeschlagener Zeitung, ohne auch nur irgendjemanden zu beachten. Henri Cartier-Bresson hätte hier von einem „decisive moment“ gesprochen. Alles fügt sich zusammen, und selbst die Lichtverhältnisse steigern den theatralischen Eindruck.

„Ich hatte einfach Glück!“, so der bescheidene Kommentar des Fotografen. Glück und Fortune. Wie so häufig, wenn er mit seiner Leica in der Stadt unterwegs war und es ihm gelang, großartige Momente oder kleine Alltagsdramen festzuhalten. Damals, so erinnert er sich, war er auf Motivsuche im Rahmen einer Reportage für eine Frauenzeitschrift. Es war eines seiner ersten Bilder, aber gedruckt wurde es später nicht.

Umso besser, dass auch dieses Motiv in dem neuen Bildband Calm before the storm. How we lived at normalization enthalten ist, der sich den Jahrzehnten zwischen dem Aufbruch der späten 1960er-Jahre und dem niedergeschlagenen Prager Frühling und der sogenannten Samtenen Revolution der späten 1980er-Jahre widmet. In fünf losen thematischen Kapiteln gibt der Bildband reiche Einblicke in das Werk des 1946 geborenen Fotografen. Die Aufnahmen sind eine spannende Chronik einer verschwundenen Welt, die neben politischen Szenen – ob Widerstand gegen die sowjetische Besatzung oder staatlich verordnete Aufzüge und Paraden – vor allem das Alltagsleben in Prag dokumentiert. Kučera ist ein genauer empathischer Beobachter, der die von ihm porträtierten Zeitgenossen nie bloßstellt, sondern sie zu Komplizen seiner Bildgeschichten macht. Er hat fotografiert, „weil er es musste“, so sein rückblickender Kommentar, auch wenn die meisten Bilder damals keine Öffentlichkeit fanden. Allein die Übernahme offizieller Aufträge, die Dokumentation von technischen Bauwerken, Architektur und Sehenswürdigkeiten, ermöglichte ihm eine Existenz als freier Fotograf. Nun ist eine Reihe von Bildern aus seinem Archiv sichtbar geworden – wir zeigen eine Auswahl aus dem Buch, ergänzt mit seinen Kommentaren. Noch heute erzählen seine Aufnahmen Geschichten, auch wenn sie in der Rückschau noch etwas mehr Melancholie auszustrahlen scheinen.
Ulrich Rüter
ALLE BILDER AUF DIESER SEITE: © Jaroslav Kučera

Calm before the storm. How we lived at normalization. Photos from the 70’s and 80’s+-

334 Seiten, 280 Schwarzweißabb.
Tschechisch/Englisch, 26 × 30 cm
Jakura

LFI 5.2023+-

Ein Klassiker-Portfolio zum Werk Jaroslav Kučeras zeigen wir im LFI-Magazin 5/2023. Mehr

Jaroslav Kučera+-

JaroslavKucera(C) Martina Houdek
© Martina Houdek

1946 im tschechischen Dorf Ředhošť geboren. Ab 1967 Studium an der Fakultät für Bauingenieurwesen der Tschechischen Technischen Universität in Prag. 1973 Abschluss des Studiums als Bauingenieur, unmittelbar danach als „freier“ Fotograf tätig. Erst nach 1989 konnte er den Hauptteil seiner in den Jahren zuvor entstandenen Aufnahmen veröffentlichen. Er war Gründungsmitglied der Fotogruppe Signum und wurde 1996 Mitglied der Hamburger Agentur Bilderberg. Im Jahr 2006 gründete er den Jakura Verlag. Zahlreiche Auszeichnungen und internationale Anerkennung. Er lebt in Prag. Mehr

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