How to Move a Mountain

Caleb Stein

20. Dezember 2024

Eine fotografische Spurensuche zwischen Handwerk und Hightech: Wo einst Michelangelo den Marmor bearbeitete, gestalten heute Präzisionsroboter die Kunst von morgen. 
Die Marmorsteinbrüche von Carrara sind seit der Renaissance ein Symbol für künstlerische Exzellenz. Heute formen dort moderne Roboter mit Hochdruckwassertechnologie den weißen Stein. Der Fotograf Caleb Stein hat sich auf die Suche nach der Schönheit in dieser ungewöhnlichen Symbiose begeben.

LFI: Ihr Projekt erforscht die Schnittmenge zwischen traditioneller Bildhauerei und modernster KI-Technologie. Was hat Ihr Interesse geweckt, diese Thematik zu dokumentieren?
Caleb Stein: Alles begann mit meinem Vater Seth Stein, einem minimalistischen Architekten. Er zeigte mir vor zehn Jahren erstmals den Steinbruch von Carrara, der schon Bildhauer wie Michelangelo mit Marmor belieferte. Wir trafen dort einen Steinbrucharbeiter, der uns die tragische Geschichte vom Tod seines Sohnes bei einem Arbeitsunfall erzählte. Seine Hände, rau wie Stein, hinterließen einen tiefen Eindruck bei mir. An diesem Tag machte ich Tausende von Fotos.

Jahre später entdeckte ich Robotor (jetzt Litix), ein Unternehmen, das Roboter zur Herstellung von Marmorskulpturen einsetzt. Sie arbeiten sowohl für neoklassische Künstler als auch für zeitgenössische Persönlichkeiten wie Jeff Koons und Zaha Hadid, was mich faszinierte. Mein Ziel war es fortan, den gesamten Produktionsprozess einer Marmorstatue zu dokumentieren – von der Gewinnung des Rohmaterials über die robotergestützte Bearbeitung bis hin zur handwerklichen Fertigstellung. Mein Freund Robert Marston, ein CBS-Produzent, half mir bei der Entwicklung eines Pitches, der zu einem Auftrag von Jeff Campagna vom Smithsonian führte, der mir Zugang zu Robotor gewährte. Mein Vater und meine Partnerin, Andrea Orejarena, kamen als Berater hinzu und prägten das Projekt maßgeblich.

Wie kann man sich die Arbeitsabläufe dort vorstellen? 
Bei Robotor konnte ich aufgrund von Geheimhaltungsvereinbarungen nur eine Skulptur fotografieren. Die Roboter arbeiten hinter Staubvorhängen und beginnen mit einer 3-D-Skizze, die vom Künstler erstellt wird, oft in Zusammenarbeit mit den (menschlichen) Technikern. Die Roboter schnitzen mit Hochdruckwasser, um die Präzision zu erhöhen, und wechseln die Werkzeuge, um die Genauigkeit zu steigern. Sie werden nie müde und schlafen nie, was in krassem Gegensatz zu dem Zögern steht, das die menschliche Kreativität oft begleitet.

Ihre Bilder verwischen die Grenze zwischen Dokumentation und Kunst. War dies eine bewusste Entscheidung?
Ich wollte, dass meine Fotografien und das begleitende Buch, das bei Luhz Press erschienen ist, auf zwei Ebenen funktionieren: Erstens wollte ich die Verschmelzung von Technologie und Tradition dokumentieren. Ein Mentor sagte mir einmal, dass Fotografen ihre Arbeit zwar als Kunst betrachten mögen, dass aber jedes Foto letztlich ein Dokument einer anderen Zeit ist. Dieser Gedanke leitete mich bei der Zusammenarbeit mit meiner Verlegerin Zoe Lemelson und dem Kurator David Campany. Zoe und ich haben 3-D-Schemata ins Buch eingewoben, indem wir zartes Pauspapier verwendet haben, um die Abfolge der Schwarzweißfotos zu unterstreichen, während Davids kritische Einblicke die Beziehung zwischen Fotografie und Skulptur beleuchteten. In gewissem Sinne haben alle diese Elemente in dem Werk eine Art dokumentarische Qualität. Zweitens beabsichtigte ich, den Roboter mit der gleichen Sensibilität zu fotografieren, die ich auch einem Menschen entgegenbringen würde. Indem ich seiner mechanischen Präzision ein Gefühl der Zärtlichkeit gegenüberstellte, wollte ich eine tiefere Auseinandersetzung provozieren und die Betrachter auffordern, ihre Erwartungen an die Technik zu überdenken. 

Welche Herausforderungen traten währenddessen auf?
Ursprünglich wurde mir geraten, einen sicheren Abstand zu den Robotern zu halten, während sie schnitzten, aber ich verstand, dass Nähe für die Bilder, die ich machen wollte, unerlässlich war, und so ging ich das Risiko ein, sehr nahe heranzugehen, während der Roboter arbeitete. Zudem sind die engen, gewundenen Straßen sehr gefährlich, und die mit Steinen beladenen Lastwagen müssen steile Pfade befahren. Die Geschichte des Steinbruchs, die von Tragödien und Arbeitskämpfen geprägt ist, ist nicht zu übersehen.

Wie hat die Arbeit mit Ihrer Leica-Ausrüstung Ihre Herangehensweise an das Fotografieren der Steinbruchumgebung beeinflusst?
Die Leica M10 ermöglicht eine taktile und intuitive Herangehensweise an die Fotografie. Ihr geringes Gewicht gestattet es mir, detailreiche Nahaufnahmen zu machen, die entscheidend sind, um die Nuancen der Roboterarbeit zu enthüllen. Ich habe diese Kamera bei verschiedenen Projekten eingesetzt, und ihre Einfachheit erlaubt es mir, mich voll und ganz zu konzentrieren.

Welche Erfahrungen haben Sie beim Fotografieren des Carrara-Steinbruchs im Vergleich zu Ihren früheren Projekten gemacht?
Jedes Projekt hat seinen eigenen Charakter. Bei How to Move a Mountain fühlte ich eine besonders starke Verbindung zum Raum. Manche Orte laden zu einer kontemplativen Beschäftigung ein, und Carrara war definitiv einer dieser Orte.

Wie trägt Ihr Projekt Ihrer Meinung nach zur Diskussion über KI in der Kunst bei?
Viele Menschen setzen Künstler mit Eigenbrötlern gleich. Das stimmt aber nicht – in Wirklichkeit haben Künstler schon immer mit anderen zusammengearbeitet. Dieses Spannungsverhältnis – also zwischen der romantischen Idee des Solokünstlers und der Realität der Teamarbeit – ist jetzt, in Zeiten von KI, besonders interessant. In How to Move a Mountain treffen zudem zwei weitere Gegensätze aufeinander: die kalte, genaue Industriewelt und die sanfte, gefühlvolle Kunst der Fotografie. Ich hoffe, dass die Menschen dadurch ins Gespräch kommen und darüber nachdenken, was Technik eigentlich bedeuten kann und was es bedeutet, der Erschaffer eines Kunstwerks zu sein.
Danilo Rößger
Alle Bilder auf dieser Seite: © Caleb Stein, Luhz Press, ROSEGALLERY LA
EQUIPMENT: Leica M10, R-Adapter M, 50mm

How to Move a Mountain+-

LuhzPress_Stein_HTMAM_CoverStraightOn_A-front

Mit einem Essay von David Campany
Hrsg.: Zoe Lemelson
23,5 x 17 cm, softcover
100 Seiten / 40 Abbildungen
Auflage: 600 / luhz.press

Caleb Stein+-

Caleb Stein Headshot
© Andrea Orejarena

Stein (geb. 1994, Großbritannien) ist ein Künstler aus New York, dessen Arbeit ein dokumentarisches, konzeptionelles Konzept verfolgt und oft auf Zusammenarbeit basiert. Seine Arbeiten wurden international ausgestellt und veröffentlicht und befinden sich in zahlreichen ständigen Sammlungen. Zu seinen Veröffentlichungen gehören How to Move a Mountain (Luhz Press, 2024), Long Time No See (als Künstlerduo mit Andrea Orejarena; Jiazazhi Press, 2022) und American Glitch (mit Orejarena; Gnomic Book, 2024). Diese Bücher befinden sich unter anderem in den Sondersammlungen des MoMA, des Metropolitan Museum of Art, des Rijksmuseum, der Stanford University und der Yale University. Stein wird für seine Einzelarbeiten von ROSEGALLERY in Los Angeles vertreten; seine Duo-Arbeiten mit Orejarena vertritt die Palo Gallery in New York und die Vin Gallery in Ho-Chi-Minh-Stadt. Berichte über Steins Arbeit sind unter anderem in der New York Times, dem British Journal of Photography, dem Guardian und der Vogue Italia erschienen. Mehr

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