Kintsugi

Irlanda Orrostieta

16. Dezember 2025

Ohne Blätter können Pflanzen nicht atmen: In einer Hommage an ihren Vater widmet sich die mexikanische Fotografin der Fragilität und Bedeutung der Natur.
Kintsugi ist die japanische Kunst, zerbrochene Gegenstände mit Goldlack zu reparieren – im Gegensatz dazu bleiben die fehlenden Fragmente der Blätter auf den Bildern von Irlanda Orrostieta verloren. Ihre Serie zeugt davon, dass der Verlust eines geliebten Menschen unwiderruflich ist. Und dass Fotografie Dinge ausdrücken kann, die mit Worten nicht zu sagen sind.

LFI: Neben der Technik selbst bezieht sich Kintsugi auch auf die Schönheit der Fragilität – was fasziniert Sie daran?
Irlanda Orrostieta: Das Konzept der Fragilität erinnert mich an die Möglichkeit des Zerbrechens. Wir alle zerbrechen irgendwann einmal, das lässt sich nicht vermeiden. Beim Kintsugi erhalten die Brüche in der Keramik durch einen Reparaturprozess mit Baumharz und Goldstaub einen neuen Wert. Die physische Schönheit von Gold ist unvermeidlich, aber die eigentliche Schönheit liegt in der Geschichte, die sich neu zusammensetzt, wenn etwas Fragiles zerbricht, man es repariert und dadurch die Ereignisse akzeptiert und stärker wird.

Warum haben Sie Blätter für Ihr Projekt gewählt?
Mein Vater verstarb im Jahr 2021. Da sich der Tod nicht ankündigt hatte, empfand ich sein Ableben als Überraschung, da er einen starken Lebenswillen hatte. Manchmal dachte ich voller Angst: „Wie wird es sich anfühlen, wenn jemand, der mir nahesteht, stirbt?“ Heute kann ich sagen, dass mich am meisten bewegt zu wissen, dass ich ihn nie wiedersehen werde. Tatsächlich möchte ich kein Porträt von ihm betrachten, weil es mir nicht genug ist. Also fand ich in den Blättern die beste Möglichkeit, meinem Vater Tribut zu zollen, denn ein Blatt ist einfach und wichtig zugleich, so einfach, dass seine Bedeutung oft übersehen wird. Das war bei meinem Vater oft der Fall.

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie beim Fotografieren der Blätter?
Über ihre Einfachheit und Bedeutung hinaus haben Blätter eine besondere Fragilität. Der Prozess beginnt mit dem Sammeln. Ich trage eine Schachtel mit mir, damit sie nicht zerbrechen. Ich sammle nur wenige, damit sie sich nicht gegenseitig beschädigen und um ihre natürliche Form zu respektieren. Letztes Jahr konnte ich den Leitz-Park besuchen, und es war mir wichtig, Blätter an diesem besonderen Ort zu sammeln. In diesem Fall habe ich sie zwischen den Seiten eines Notizbuchs mitgenommen, damit sie flach bleiben. Der nächste Schritt besteht darin, einige von ihnen zu reparieren, was eine ganz besondere Sorgfalt bei der Handhabung erfordert, bevor die fotografische Aufnahme fertiggestellt werden kann.

Wie hat die Kamera für Ihre Stillleben funktioniert?
Nachdem ich die Blätter repariert habe, baue ich mein Set auf, das aus einer festen schwarzen Unterlage besteht, und lege die Blätter mit großer Sorgfalt darauf. Ich nutze natürliches Licht, fotografiere unter einer Kuppel, verwende ein Stativ und achte darauf, ein Teleobjektiv und ISO 100 zu verwenden. Dank der optischen Qualität und der Multishot-Funktion des Leica SL2-Systems konnte ich die pflanzliche Feinheit der Blätter akribisch einfangen, um diesen zerbrechlichen und oft unbemerkt bleibenden Objekten eine gewisse Monumentalität zu verleihen. Mit Multishot erhalte ich außerdem Dateien, die im Großformat gedruckt werden können. Ich genieße diesen Prozess sehr, denn während das Leben hektisch ist, halte ich die Zeit an, indem ich alles sorgfältig und ruhig mache.
Katja Hübner
ALLE BILDER AUF DIESER SEITE: © Irlanda Orrostieta
EQUIPMENT: Leica SL2, Vario-Elmarit-SL 1:2.8/24–70 Asph

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© Carlos Jurado

1977 in Mexiko-Stadt geboren, ist Irlanda Orrostieta Díaz Absolventin der Escuela Activa de Fotografía und unterrichtet seit 2006 Fotografie. Sie arbeitete mit Leica zusammen bei Veranstaltungen wie der Noche de Museos, bei Photowalks und Portfolio Reviews. Mehrfach stellte sie in Mexiko-Stadt aus, darunter Ausstellungen im Centro de la Imagen und derzeit noch bis März 2026 in der Gemeinschaftsausstellung La mirada esencial. 100 años de Leica y su conexión con Latinoamérica. Mehr

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