Hypnerotomachia Venetiae

Alisa Martynova

6. November 2023

Die Fotografin spricht darüber, was sie inspiriert, und über die Hintergründe ihrer surrealen Arbeit.
Mit der neuen Leica Q3 arbeitete die Fotografin an ihrer jüngsten Serie Hypnerotomachia Venetiae, die in einer Auswahl in LFI 7.2023 zu sehen ist. Metaphern der Transformation bettet sie in surreale Szenen ein. Oftmals verwendet sie künstliche Lichtquellen, anderenteils lange Belichtungszeiten. Hier gibt sie Einblicke in ihre Haltung zur Fotografie, darin, wie sie ihre Bildsprache entwickelt, und in ihre komplexen Vorbereitungen zu ihren Projekten.

LFI: Was bedeutet Ihnen die Fotografie?
Alisa Martynova:
Sie ist fast eine geistige Formation. Sie ist für mich ein Medium, die Welt zu erforschen und zu hinterfragen, meine Gedanken und Gefühle ihr gegenüber auszudrücken und mit den Geschichten und Realitäten anderer Menschen in Kontakt zu kommen.

Wer hat die Entwicklung Ihrer Wahrnehmung beeinflusst?
Ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals fotografische Vorbilder hatte, aber als ich in der Schule war, haben mich Leute wie Robert Frank oder Robert Mapplethorpe sehr inspiriert. Ich mag besonders Robert Franks Buch The Lines of My Hand aus dem Jahr 1972. Im Allgemeinen lasse ich mich aber von Filmen und Gedichten inspirieren. Wenn mir die kreative Kraft ausgeht, sind die Filme und Interviews von Jim Jarmusch meine erste Anlaufstelle. Dabei geht es weniger um die visuelle Herangehensweise, sondern vor allem um seine Philosophie über die künstlerische Praxis, die mir sehr nahesteht. Ich kann mich zum Beispiel mit seinem Satz identifizieren: „Ich bin ein Mensch, dessen Job es ist, eine Menge Dinge aufzunehmen, die mich inspirieren, und dann irgendwie Dinge zu erschaffen, die aus mir heraus darauf zurückkommen.“

Wie entwickeln Sie Ihre Bildsprache?
Normalerweise recherchiere ich viel zu dem Thema, das ich bearbeiten möchte. Ich bin neugierig darauf, seine verschiedenen Aspekte kennenzulernen. Ich beschäftige mich mit historischen, literarischen, persönlichen und wissenschaftlichen Darstellungen des Themas. Ich versuche auch, persönliche Erfahrungen zu sammeln. Mit Menschen führe ich lange Interviews, an Orten mache ich lange Spaziergänge, bei denen ich nach visuellen Elementen suche, die metaphorisch sind und sich nicht direkt darauf beziehen. Ich suche nach Symbolen, die zusammengesetzt die Geschichte erzählen können.

Sie sagten, dass Sie im Vorfeld viel recherchieren, und dieser komplexe Hintergrund scheint in Ihren Bildern durch.
Ich lese wirklich gern über Quantenphysik und wie unsere Welt wissenschaftlich erschlossen wird. Ich mag Theorien, die erklären, dass Zeit und Raum nur ein mentales Konstrukt sind und dass es wahrscheinlich nie einen Anfang der Zeit gegeben hat und dass sie nicht linear ist, ebenso wie der Raum. Wenn ich diese Vorstellungen über die Natur der Welt loslasse, die mir so normal und fast trivial erscheinen, spüre ich, wie sich mein Gehirn erweitert, und ich spüre eine unglaubliche Freiheit, die meine kreative Praxis nährt. Der Wechsel der Perspektive auf „triviale“ Dinge regt meinen Geist dazu an, andere Themen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Es hilft mir, Verbindungen zwischen Phänomenen herzustellen, die auf den ersten Blick sehr weit entfernt, auf den zweiten aber tief miteinander verbunden sind.
Carla Susanne Erdmann
ALLE BILDER AUF DIESER SEITE: © Alisa Martynova
EQUIPMENT: Leica Q3 mit Summilux 1:1.7/28 Asph

LFI 7.2023+-

Die komplette Geschichte finden Sie im LFI Magazin 7.2023. Mehr

Alisa Martynova+-

Alisa Martynova_portrait_Francesco Levy
© Francesco Levy

...wurde 1994 in Orenburg, Russland, geboren. Nach dem Abschluss ihres Philologiestudiums in Russland hat sie bis 2019 ein Fotografiestudium an der Fondazione Studio Marangoni in Florenz absolviert. Martynova ist Mitglied der Fotoagentur Parallelo Zero; sie lebt und arbeitet in Florenz. Mehr

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