Il Poggio

Clara Vannucci

6. April 2023

In lebensnaher und poetischer Bildsprache erzählt Clara Vannucci vom Leben an einem ganz besonderen College in Florenz.
In ihrem Projekt Il poggio konzentriert sich Clara Vannucci auf den Alltag am College des Poggio Imperiale – einem öffentlichen College in Florenz, an dem Jugendliche aus der ganzen Welt leben und ihre Zeit verbringen. Im Interview erzählt die italienische Fotografin, wie der Alltag in diesen geschichtsträchtigen Gemäuern aussieht, in denen bereits der 14-jährige Mozart ein Konzert gab.

LFI: Was war die ursprüngliche Idee hinter diesem Projekt – was genau hat Sie dazu bewogen, das College des Poggio Imperiale zu besuchen?
Clara Vannucci:
Ich habe den Poggio Imperiale zum ersten Mal im Rahmen eines Auftrags besucht. Ich war beeindruckt von der Architektur und der Geschichte des Gebäudes und wollte mehr sehen. Ich fand den Kontrast zwischen dem zeitgenössischen Leben der Teenager und dem historischen Gebäude, in dem sie lebten, sehr faszinierend und wollte diesen Ort zu dokumentieren, der für die Außenwelt weitestgehend verschlossen ist.

Welche Eindrücke haben die Teenager bei Ihnen hinterlassen?
Ich konnte einige Dynamiken erkennen, die mich an meine eigene Teenagerzeit zurückdenken ließen – es war sehr interessant, diese Zeit meines Lebens durch die Erfahrungen dieser Mädchen noch einmal zu durchleben. Ich finde es spannend zu beobachten, wie sie als junge Erwachsene mit der Welt und mit ihren Mitmenschen umgehen. Sie sind in einem ständigen Findungsprozess, während ihre Persönlichkeit und ihr Charakter geformt werden. Die ausländischen Schülerinnen haben mich sehr berührt, weil sie so weit von ihren Familien entfernt wohnen. Ich denke, es ist nicht einfach, getrennt von der eigenen Familie zu leben – besonders in diesem Alter.

Wie ist es Ihnen gelungen, das Leben der Schülerinnen von außen so authentisch darzustellen, ohne wie ein Eindringling zu wirken?
Ich konnte im Laufe der Zeit eine gute Beziehung zu den jungen Frauen aufbauen. Anfangs habe ich mich nicht sehr wohlgefühlt, weil ich einige Zeit brauchte, um die Dynamiken zu verstehen. Aber mit der Zeit begann ich, mich in den Raum einzufügen, und allmählich nahmen sie mich nicht mehr wahr. Ich war ein Teil des Ortes, und das erlaubte es mir, ihre Handlungen oder ihr Verhalten nicht besonders zu beeinflussen.

Was wird Ihnen von diesem Projekt am meisten in Erinnerung bleiben?
Ich erinnere mich besonders gern an die alltäglichen Szenen. Mädchen, die gemeinsam Dinge unternehmen, miteinander scherzen, mit den Freuden und Sorgen dieser Teenagerjahre konfrontiert sind … und an Mädchen, die ich mit meinen Freundinnen hätte sein können.
Danilo Rößger
ALLE BILDER AUF DIESER SEITE: © Clara Vannucci
EQUIPMENT: Leica SL mit Vario-Elmarit-SL 1:2.8–4/24–90 Asph

Clara Vannucci+-

©Michele Fossi with Leica Q
© Michele Fossi

Die 1985 in Italien geborene Fotografin studierte zunächst Architektur, bevor sie sich in ihren fotografischen Arbeiten dem Strafrechtssystem widmete. Von 2012 bis 2014 hatte sie eine Künstlerresidenz bei Fabrica. Neben ihrer Tätigkeit als Fotografin für internationale Magazine und Zeitungen, arbeitet sie als Dozentin für Fotografie für Inhaftierte im Hochsicherheitsgefängnis in Mailand. Mehr

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