Buchtipp: Call me Lola. In Search of Mother

4. März 2025

Familienbilder als Schatz und Selbstvergewisserung. Der Bildband dreht sich um die schwierige Spurensuche der israelisch-amerikanischen Fotografin Loli Kantor, die versucht, die Biografie ihrer Mutter anhand weniger erhaltener Familiendokumente zu rekonstruieren. Eine spannende Reflexion über Erinnerung, Verlust und Identität.
Schon die Coverseiten präsentieren mit zwei Porträts das Thema des Bildbandes und die im Mittelpunkt stehende Familiengeschichte der Autorin: Auf einem etwas unscharfen Schwarzweißbild posiert auf der Vorderseite des Buchs eine Frau vor dem Eingang zur Pariser Métro-Station Argentine, gelegen an der Avenue de la Grande-Armée. Heute ist die Straßenkreuzung einem Widerstandskämpferehepaar gewidmet und heißt Place Yvon-et-Claire-Morandat. So wie sich die Geschichte in den Stadtplan eingeschrieben hat, ist der Ort auch mit einer persönlichen Erinnerung verbunden – abzulesen am Rückcover, auf dem eine zweite Frau vor derselben Métro-Station abgebildet ist. Es ist die Autorin Loli Kantor selbst, die 2019 den Platz ihrer Mutter einnimmt, deren Porträt 68 Jahre zuvor an derselben Stelle entstanden war.

Call Me Lola: In Search of Mother ist der Abschluss eines 20 Jahre dauernden Prozesses, in dem die Fotografin ihre eigene Geschichte zurückverfolgte, Familienarchive durchstöberte und fotografierte, aber auch in Polen, Frankreich, der Ukraine, Deutschland und Israel recherchierte. Die 1952 in Paris geborene und heute in Fort Worth, Texas, lebende Fotografin hat für die Visualisierung ihrer Familiengeschichte die alten Familienaufnahmen mit neuen, eigenen Porträts und stark assoziativ motivierten Aufnahmen vermischt. Kantors Mutter Lola starb zwei Stunden nach der Geburt ihrer Tochter in Paris. Im Laufe ihres Lebens lernte Kantor ihre Mutter daher nur indirekt durch Bilder, Artefakte und Dokumente kennen. Beide Eltern hatten den Holocaust überlebt – ihr Vater, ein in Polen geborener Arzt und politischer Aktivist, und ihre Mutter, die sich mit falschen Papieren als polnische Katholikin ausgegeben hatte, um den Nazis während der deutschen Besatzung Polens zu entkommen. Kantors Vater starb plötzlich im Alter von 50 Jahren, als sie 14 Jahre alt war, ihre Großeltern kamen im Holocaust um, und ihr Bruder Ami starb ebenfalls unerwartet im Alter von 50 Jahren. Um sich selbst dem Verlust und der Trauer zu stellen, aber auch aus dem Wunsch, aus den Bruchstücken der eigenen Geschichte eine Erzählung werden zu lassen, die sie ihrer eigenen Familie weitergeben kann, ist ein bewegendes Buch entstanden. Es ist dabei nicht nur eine Meditation über Kantors persönliche Verluste und die Rekonstruktion einer Familiengeschichte, sondern enthält gleichzeitig auch die reflektierende historische Tiefe von Überlegungen rund um die globale Tragödie des Holocausts.

Sich ein Bild machen: So einfach gesagt, doch ist dieser Prozess in diesem Fall ein intensiver Kraftakt. Aus der aufgezeigten individuellen Geschichte lassen sich tiefgreifende Rückschlüsse über Erinnerung, Identität und Verlust in sehr viel generellerer Weise ziehen – das macht das Buch so bemerkenswert und spannend. 
Ulrich Rüter

Loli Kantor: Call me Lola. In Search of Mother+-

Cover

Mit einem Essay von Nissan N. Perez und einem Gespräch zwischen Loli Kantor und Danna Heller.
232 Seiten, 199 Farb- und Schwarzweißabbildungen, 20,7 × 28,8 cm, Englisch, Hatje Cantz
Website Loli Kantor 
Instagram Loli Kantor

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Buchtipp: Call me Lola. In Search of Mother