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PORTFOLIO

06.02.2015

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Nach mehreren Jahren im Ausland kehrt Fotograf Giulio Rimondi zurück nach Italien. Doch wie sieht seine Heimat heute aus? Rimondi macht sich auf die Suche nach seiner Jugendliebe und findet sich selbst.

Die ersten Teile seiner Reise sehen sie hier:
Teil 1, Teil 2, Teil 3.

„Unterwegs Richtung Norden sehe ich das Panorama des Tyrrhenischen Meeres am Zugfenster vorbeiziehen. Im Bahnhof von Carrara verhindert ein Triebwerkschaden die Weiterfahrt. Ich stehe auf dem Bahnsteig und rauche Kette, es gibt keine Anzeichen, dass es weitergehen kann. Ich stecke fest zwischen den Bergen, die sich hinter der Stadt erheben, und dem Meer, das nur einen Steinwurf vor mir liegt. Ein Schild weist den Weg zum Steinbruch, aus dem der Marmor für Michelangelos David kam.

Durch einen Tunnel, viele Kilometer lang, gelangt man in das Herz des Berges. Das Tor steht offen, ich trete ein. Ein beeindruckender Raum öffnet sich vor mir, mit kleinen Bassins, rauen Wänden und Terrassen. Ich verstecke mich vor ein paar Bergmännern, bis sie den Tunnel verlassen, gefolgt vom Geräusch ins Schloss fallender Tore: Die Lichter gehen aus. Verdammt! Ich bin eingesperrt! Ich verbringe eine Nacht in eisiger Kälte, verfluche mich selbst für meine eigene Dummheit.

Am nächsten Tag bin ich in Sestri Levante. Die See ist rau, als ich rauchend am Hafen entlang schlendere, ist es bereits Mitternacht. Ich spiele mit der Gischt, als eine donnernde Explosion das Wasser erschüttert. Noch ehe ich Zeit habe, Angst zu kriegen, treffen mich die entfesselten Wassermassen. Eine riesige Welle bricht durch die Hafenmauer, ergreift mich und trägt mich davon.

Ich weiß nicht mehr, was dann geschah. Die See reißt alles mit sich. Alles, was ich noch bei mir trage, sind meine durchnässten Kleider, ein Schuh und ein 50-Euro-Schein, den ich eigenartigerweise in meiner Tasche finde.

Ich schreie vor Angst, schreie, weil ich noch am Leben bin, und warum auch immer es sich sonst noch in diesem Moment zu schreien lohnt. Als ich wieder zu mir komme, sehe ich einen Priester. Er schaut mich an, als ob ich ein Gespenst wäre, bietet mir dann aber eine heiße Dusche an.

Ich mache mich auf zum Zug Richtung Genua, aber ich komme nicht weit. In einer der Gassen treffe ich auf eine Prostituierte. ‚Wenn du nur noch 50 Euro in der Tasche hast‘, sagt sie, ‚ist das Beste, was du tun kannst, sie bei mir auszugeben.‘ Sie kam aus Nigeria nach Italien, erzählt sie mir durch die geschlossene Badezimmertür, hinter der sie sich auf das Liebesspiel vorbereitet. Voll hoher Erwartungen, die sich nie erfüllten. Das muss an Italien liegen, denke ich mir. Das gleiche ist mir auch passiert. Ich werfe die Banknote auf ihr Bett, zünde mir einen Zigarettenstummel an und verschwinde wieder in den Gassen.“

Giuilio Rimondi

Rimondi, 1984 in Italien geboren, studierte Literatur und Kunstgeschichte. In seinen Fotoreportagen konzentriert er sich vor allem auf soziale Phänomene und Probleme in der Mittelmeerregion. Seine Arbeiten als Fotojournalist wurden u. a. in New York Times-Lens, Le Monde, Repubblica und weiteren Magazinen Europas und des Nahen Ostens veröffentlicht.

www.giuliorimondi.com
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