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PORTFOLIO

30.01.2015

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Nach mehreren Jahren im Ausland kehrt Fotograf Giulio Rimondi zurück nach Italien. Doch wie sieht seine Heimat heute aus? Rimondi macht sich auf die Suche nach seiner Jugendliebe und findet sich selbst.

Die ersten Teile seiner Reise sehen sie hier: Teil 1, Teil 2

„Als ich die Trattoria an der Hauptstraße verlasse, schneidet mich ein Auto haarscharf. Ich schimpfe und fluche, rufe hinterher, dass mein Handgelenk verletzt sei. Ein junger Mann bietet mir an, mich in seinem Van ins nächstgelegene Krankenhaus zu bringen. Sein Name ist Santo und er ist auf dem Weg zu seiner Hochzeit in Africo – er besteht darauf, dass ich ihn begleite.

Africo, ein exotischer Name für eine Stadt in Kalabrien. Wenn ich ehrlich sein soll, ist die Stadt ziemlich trostlos und besteht nur aus ein paar Straßen und einem zentralen Platz. Die Altstadt wurde in den 1950er-Jahren verlassen und das heutige Africo ein paar Meter unterhalb am selben Hang errichtet. An die Hochzeit habe ich nur noch verschwommene Erinnerungen: Eine scheinbar endlose Aneinanderreihung von Ansprachen, Karaoke und Tänzen.

Ich versuche meinen Kater durch Wandern in den Griff zu bekommen. Ich folge erst einem ausgetrockneten Flussbett, dann einem kleinen Pfad und finde mich plötzlich in Roghudi wieder, einer kleinen Geisterstadt im Aspromonte-Gebirge. In den zerfallenen Häusern liegen Ziegenkadaver. Wölfe müssen sie in aller Ruhe zerlegt haben, wohlwissend, hier nicht gestört zu werden. Auf der anderen Seite des Hügels sehe ich Rauchwolken aufsteigen, doch als ich den vermeintlichen Ursprung des Feuers erreiche, ist dort niemand. Nur ein Haufen Steine und ein paar Trümmer, die wohl vor langer Zeit mal als Haus dienten. Ich trete ein.

Eine alte Frau sitzt einsam und fröstelnd an einem spärlichen Feuer. Sie sagt kein Wort, vielleicht sieht sie mich nicht einmal, sie schaut durch ein Loch in der Decke in den sich langsam verdunkelnden Himmel. Für sie scheine ich nicht zu existieren, nicht einmal, wenn ich sie anspreche. Einzig meinen Abschiedsgruß wiederholt sie mit exakt demselben norditalienischen Akzent. „Auf Wiedersehen und alles Gute“, höre ich sie sagen, als ich wieder nach draußen trete.

Am Abend kehre ich an die Küste nach Bova Marina zurück. Ich lande mit einer Kellnerin im Bett. Als wir uns lieben, ruft sie einen anderen Namen als meinen. Als ich mich aufmache, bemerke ich eine tote Ente vor der Haustür, abgelegt als unmissverständliche Warnung an mich. Ich beschließe von hier zu verschwinden, und zwar pronto.

Neapel, endlich. An der Passaggio Castel Dell’Ovo flirten junge Kadetten der Amerigo Vespucci mit Mädchen in Miniröcken. Ich fühle mich allein, aber die Stadt sprudelt nur so vor Leben und Energie, dass ich mich einfach treiben lassen muss.“

Giuilio Rimondi

Rimondi, 1984 in Italien geboren, studierte Literatur und Kunstgeschichte. In seinen Fotoreportagen konzentriert er sich vor allem auf soziale Phänomene und Probleme in der Mittelmeerregion. Seine Arbeiten als Fotojournalist wurden u. a. in New York Times-Lens, Le Monde, Repubblica und weiteren Magazinen Europas und des Nahen Ostens veröffentlicht.

www.giuliorimondi.com
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