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09.01.2015

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”Als ich aufbrach, sagte ich meinem Mitbewohner nichts; schweigend packte ich mein Hab und Gut in Säcke und begab mich direkt zur Bahnstation. Ich musste zurückkehren, nach Italien. Mein Vater fragte mich, was ich überhaupt über das heutige Italien wisse, nachdem ich so viele Jahre dort verpasst hätte. ‚Es wird sich alles finden‘, antwortete ich und kam für einen Moment damit davon. Doch dann wurde es ernst und ich fand mich wieder: arbeitslos und ahnungslos.

Niemand wird jemals an einer Mautstelle in Bologna anhalten, um dich ein Stück mitzunehmen. Ich wollte nach Triest. Hier, so hatte ich herausgefunden, soll Elena heute wohnen. Ich erreichte Gorino erst nach Anbruch der Dunkelheit. In einer Bar traf ich einige Betrunkene. ‚Wir haben uns immer richtig gegenüber Migranten verhalten, die vernünftig arbeiten‘, grölte einer von ihnen und verabschiedete sich wüst fluchend aus der Bar. Carletto, klein und kräftig, verbachte sein ganzes Leben damit, am Hafen mit Shrimps zu handeln, doch hat er keinen Cent in der Tasche. Er hat alles versoffen. Einen Moment lang schaute er mich mit Tränen in den Augen an: ‚Wir sind die Armseligen, bitte vergib uns, wenn wir jemanden belästigen.‘

In Gorizia an der Grenze zu Slowenien war es eisig kalt. Ich besuchte das Weltkriegsdenkmal von Redipuglia. Hier fand ich die Familiennamen aller meiner Freunde, den meines Vaters, meinen eigenen. Bei Nacht war ich in Monfalcone, dann ging es zum Schloss Miramare.

Der Kaffe morgens in Triest brachte mich nicht in Schwung. Ich versuchte mit einem Fernet nachzuhelfen, aber auch das reichte nicht. Eine Gruppe Marokkaner hatte sich am Pier versammelt, bereit, Italien zu verlassen. Eine Slowenin wollte mir überteuerte Blumen verkaufen: ‚Zwei Enkelkinder, jung, sie studieren! Heute Valentin! Blumen für Verliebte, für Verliebte …’, rief sie. Ich hielt Ausschau nach Elena. Sie war nicht da.“

Giuilio Rimondi

Rimondi, 1984 in Italien geboren, studierte Literatur und Kunstgeschichte. In seinen Fotoreportagen konzentriert er sich vor allem auf soziale Phänomene und Probleme in der Mittelmeerregion. Seine Arbeiten als Fotojournalist wurden u. a. in New York Times-Lens, Le Monde, Repubblica und weiteren Magazinen Europas und des Nahen Ostens veröffentlicht.

www.giuliorimondi.com
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