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PORTFOLIO

03.12.2019

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Gespräche über das Leben und über die Fotografie: Zehn Jahre lang besuchte der junge kanadische Fotograf Chad Tobin seinen berühmten Kollegen Robert Frank in dessen Sommerhaus in Nova Scotia, Kanada. Sie unterhielten sich, meist über das Leben, manchmal auch über die Arbeit und ihre gemeinsame Leidenschaft: das Bildermachen. Bei jedem seiner Besuche fotografierte Tobin sein großes Vorbild. Am 9. September 2019 ist Frank verstorben – zurück bleiben Erinnerungen und intime, respektvolle Aufnahmen.

LFI: Wie kamen Sie auf die Idee, Robert Frank zu besuchen?
Es ist ungefähr zehn Jahre her, da kaufte ich wie ein Verrückter Fotobücher. Ein Fotograf empfahl mit das Buch The Americans und meinte, dass man darüber noch in 500 Jahren sprechen würde. Ich besorgte mir ein Exemplar und versank den ganzen Tag darin. Ich spürte die beinahe magnetische Anziehungskraft von Franks Werk. Anschließend las ich alles, was ich über ihn finden konnte und fand heraus, dass sein Sommerhaus nur zwei Stunden von meinem Zuhause entfernt liegt. Ich beschloss, unter allen Umständen mit ihm in Kontakt zu treten.

Und dann sind Sie einfach so bei ihm aufgekreuzt?
Genau so war es. Ich wusste nicht einmal, ob er überhaupt zu Hause war. Ich überredete meine Frau, mit mir dorthin zu fahren und hoffte, er würde mir in dem kleinen Ort Mabou irgendwo über den Weg laufen. Sie war von der Idee nicht sonderlich begeistert. Sie wusste, dass Frank den Ruf hatte, menschenscheu zu sein und er jedwede Art von Aufmerksamkeit mied. Eine Stunde lang fuhren wir erfolglos durch den Ort, bis mir ein Mann an der Tankstelle die Richtung sagte. Ich entdeckte das Haus und – unter dem großen Protest meiner Frau – parkte ich den Wagen unten an der Einfahrt und ging zum Haus. Ohne jegliche vorherige Ankündigung.

Waren Sie nervös, als Sie ihm das erste Mal begegneten?
Ehrlich gesagt, fragte ich mich, ob ich festgenommen oder mich ein Schlag ins Gesicht begrüßen würde. Ja, ich war total nervös. Als ich an der Tür klopfte, antwortetet mir seine Frau June Leaf. Ich sagte ihr, dass ich ein Fotograf aus der Gegend wäre und gern mit Mr. Frank sprechen wolle, um mir sein Buch signieren zu lassen. Ich erklärte ihr auch, dass ich sofort wieder ginge, wenn es gerade nicht passe. Sie bat mich, einen Moment zu warten und ich hörte, wie sie sagte: „Robert, da draußen ist ein Typ mit einem Buch von dir und einer Kamera derselben Marke wie deine.“ „Lass ihn rein“, antwortete er. Frank forderte mich auf, Platz zu nehmen – das war der Augenblick, in dem alles begann.


Wie reagierte er? Viele Fotografen werden ja selbst nicht gern fotografiert…

Er war sehr herzlich und freundlich. Er sah sich in Ruhe meine Ausgabe von The Americans an und erzählte mir zu einigen Bildern, wie sie entstanden waren. Er fand, dass die M8 der M6 ähnlich sei, und machte eine Aufnahme von mir. Als ich ihn fragte, ob ich ihn fotografieren dürfe, antwortete er: „Klar!“ Schnell schoss ich ein Foto und er signierte das Buch. Ich bedankte mich, gab ihm die Hand und ging – wie auf Wolken.

Was haben Sie für sich aus diesen Besuchen mitgenommen?
Im Sommer darauf besuchte ich ihn wieder. Ich brachte ihm die Aufnahme, die ich von ihm gemacht hatte, und hoffte, mehr Zeit mit ihm zu verbringen. Ich merkte schnell, dass er nicht über die Fotografie sprechen wollte. Stattdessen sahen wir gemeinsam über das Meer und er fragte mich nach meinem Leben. Wenn wir doch über Fotografie sprachen, nahm er manchmal meine Messsucherkamera und fragte mich nach meinen aktuellen Projekten. Ich besuchte ihn jeden Sommer und brachte ihm immer das Foto aus dem Jahr zuvor mit. Dann saßen June, Robert und ich zusammen und genossen die Ruhe. In diesen friedlichen Momenten verstand ich, wie es ihm gelungen war, als Fotograf mit bestimmten Situationen umzugehen. Er beobachtete seine Umgebung genau, seine Sprache war voller Poesie und er war immer mit seinem ganzen Gefühl dabei, das er in wenigen Worten auszudrücken vermochte.

Haben Ihre Begegnungen mit Frank Ihre eigene fotografische Arbeit verändert?
Auf jeden Fall. Sie haben mich bestärkt, mit einer unauffälligen Messsucherkamera zu arbeiten. Niemals hätte ich diese Aufnahmen mit einer großen, aufdringlichen Kamera machen können. Während der zehn Jahre, in denen ich Frank besuchte, benutzte ich eine M7, M8, M9, M240 und schließlich eine M10. Mit diesen kleinen Kameras konnte ich fotografieren und zugleich den Moment erleben. Zwei Wochen vor seinem Tod besuchte ich Frank ein letztes Mal. Als ich ging, sagte er: „Hör nicht auf, hinzuschauen!“. Das hatte er mir bei meinem ersten Besuch auch in meine Ausgabe von The Americans geschrieben. Diesen Rat versuche ich noch immer zu befolgen.

Interview: Katrin Ullmann
Bildredaktion: Carol Körting
© Chad Tobin

Chad Tobin

Der 1976 in Kanada geborene Fotograf widmet sich seit 15 Jahren der Street Photography. Seine Leidenschaft und sein Fokus sind Langzeitprojekte. Tobins Aufnahmen werden in zahlreichen kanadischen Magazinen publiziert und sind in Ausstellungen zu sehen.

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