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BUCHTIPP

05.10.2017

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Die Schweiz fotografieren? Wie schnell sitzt man bekannten Klischees auf, beginnt man nur über diese Aufgabe nachzudenken. Nun ist der Fotograf Andreas Herzau erfahren genug, in seiner neuen Bildserie genau mit der Erwartungshaltung zu spielen: Der Betrachter wird Bekanntes entdecken und doch ist es der spezifische Blick des Fotografen, der ein zeitgemäßes Panorama der Schweiz entstehen lässt, das höchst erkenntnisreich über das vermeintlich Typische hinausgeht.

Fünf Jahre hat sich Herzau immer wieder mit der Schweiz fotografisch beschäftigt, war in den Städten ebenso unterwegs wie auf den Bergen und Tälern und kleinen Ortschaften abseits der üblichen Verkehrsrouten. Tradition und Moderne, Nationalfeiertag und Misswahl, Bergwanderer und Banker, Steinbock und Windhund: mit seiner Bildauswahl umkreist er die Widersprüchlichkeit des Schweizer Selbstbilds, reflektiert dabei aber immer auch seine Rolle als Fremder. Die Ambivalenz des Fotografen wird spürbar, wenn man sich genauer mit seinen Aufnahmen beschäftigt.

Ihm geht es nicht um Bildjournalismus im berichtenden Sinn, sondern darum, eigene, oft von Klischees verstellte Vorstellungen mit dem Vorgefundenen zu vergleichen. Er zeigt ein Land, das er für seine Errungenschaften schätzt – auch wenn er bald erkennt, dass es sich mit den eigenen Ansprüchen schwertut. Als eine Nation von enormem wirtschaftlichem Wohlstand, gefestigt durch eine lange Tradition liberaler Demokratie und politischer Neutralität, kennt die Schweiz dennoch starke nationale Abwehrreflexe. Kein Wunder also, dass neben der Nationalflagge, die sich immer wieder in die Bilder hineingeschummelt hat, auch Motive von Militarismus und reaktionärem Nationalstolz auftauchen.

Herzaus Bildsprache ist direkt. Meist unbemerkt geht er sehr nah an die von ihm porträtierten Menschen heran; die Motive sind oft angeschnitten, besonders in den Farbaufnahmen entwickelt sich eine rasante Dynamik. „Für mich ist Fotografie weniger das Sehen, sondern das Lesen und Verstehen, wie eine Gesellschaft funktioniert“, so der Fotograf. Doch seine „Soziologie mit fotografischen Mitteln“ kommt keineswegs bieder dozierend daher und ist auch nicht auf erschöpfende Vollständigkeit angelegt, sondern ist ein immer wieder überraschender Parforceritt durch das kleine Land, das sich in seiner Widersprüchlichkeit oft selbst nicht zu verstehen scheint. Genau auf diese Bruchstellen richtet der Fotograf bevorzugt seinen Blick.

Ein Auslöser für die Arbeit war übrigens René Burris heute legendäres Buch Die Deutschen. Dieser Bildband wurde 1962 veröffentlicht – das Geburtsjahr von Herzau. Aus der Beschäftigung mit dem Buch entwickelte sich die Idee für Helvetica: „Ich dachte, jetzt wird’s Zeit für einen Gegenbesuch.“ Am Ergebnis hätte sicher auch Burri seine Freude gehabt.Ulrich Rüter

Andreas Herzau, Helvetica.
Mit Gedichten von Eugen und Nora Gomringer, 104 Seiten, 70 Farb- und Schwarzweißfotografien, 34,0 x 22,5 cm
www.nimbusbooks.ch

Andreas Herzau

Geboren 1962. Andreas Herzau setzt sich als Fotograf, Hochschuldozent und Autor künstlerisch und theoretisch mit Fotografie auseinander. In großen monographischen Arbeiten über Deutschland, New York, Moskau oder Istanbul erweitert er die Grenzen der klassischen Reportagefotografie und entwickelte eine unverkennbare Bildsprache, die vor allem von kontrastierenden Schnitten und Bildfolgen lebt. Seine Arbeiten wurden u.a. mit dem European-Press-Award ausgezeichnet. Seit 1999 ist er Mitglied der Fotoagentur laif. Herzau lebt in Hamburg.

www.andreasherzau.de
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