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BUCHTIPP

19.04.2021

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Kennen Sie Sovinec? Die wenigsten dürften diese Frage bejahen, denn das kleine Dorf im Norden Mährens mit nur wenigen Einwohnern ist weder als touristisches Ziel bekannt – obwohl es dort immerhin eine mittelalterliche Burg gibt – noch hat der Ort einen Ruf als fotografischer Hotspot. Und doch wird es über wenige Gegenden Tschechiens eine so langjährige visuelle Chronik geben wie über Sovinec. Seit über fünfzig Jahren lebt und arbeitet dort Jindřich Štreit. Als Lehrer, aber vor allem auch als Fotograf. Seit den frühen 1970er-Jahren konzentrierte er sich auf die Dokumentation des dörflichen und ländlichen Lebens. Ein Alltag zwischen bäuerlicher Arbeit, Ernte, Tierzucht, Dorffesten, Kirche und sozialistischen Pflichtterminen.

Seiner humanistischen Fotografie entsprechend stehen bei Štreit aber vor allem die Menschen im Mittelpunkt der Motive. Ob Kinderspiele, Arbeitspausen oder stille Gemeindeporträts – immer wird deutlich, wie eng das Vertrauensverhältnis zwischen den Porträtierten und dem Fotografen war. Man kannte sich eben in der kleinen, überschaubaren Dorfwelt. Štreits Blick auf seine Zeit ist unsentimental, aber freundlich zugewandt. Immer wieder findet er insbesondere die tragikomischen Momente, in denen der graue Alltag aufgebrochen wird. Diese Bilder leichtfertig nur als poetisch oder liebevoll-skurril zu benennen, greift allerdings zu kurz, denn in ihnen steckt auch ein erhebliches subversives Potenzial gegen die staatlich verordneten Lebensbedingungen.

Das blieb auch den Behörden nicht verborgen, spätestens als Štreit 1982 erstmals an einer größeren Ausstellung in Prag teilnehmen konnte. Noch vor der Eröffnung verboten, wurden auch Štreits Bilder konfisziert, denn nun erkannten auch die Überwachungsbehörden in den vermeintlich harmlosen Motiven aus der Provinz eine deutliche Systemkritik. Die authentische Abbildung prekärer Lebensverhältnisse und alkoholseliger Dorfdepression entsprach eben nicht dem gewünschten Bild. Zwei Tage nach der Ausstellungsschließung durchsuchte die Geheimpolizei Štreits Wohnung, beschlagnahmte Bilder, Negative und die Kamera. Der Fotograf kam für vier Monate in Untersuchungshaft, danach wurde er in Prag wegen „Diffamierung der Republik und des Präsidenten“ zu zehn Monaten Haft verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wurden. Unterrichten durfte er nun nicht mehr, aber trotz aller Verbote und Überwachung gelang es ihm, auch in der Folgezeit weiter zu fotografieren.

Welch ein Schatz wurde mit dem nun vorliegenden Bildband gehoben! Denn die hier gezeigten Bilder sollte es eigentlich gar nicht geben. Aber im Zuge der Samtenen Revolution 1989 wurde Štreit rehabilitiert und erhielt seine Negative zurück. Die lange verschollenen Bilder erreichen die Öffentlichkeit mit Verspätung – von ihrer Wirkung aber haben sie nichts verloren. Der außergewöhnliche Chronist und Erzähler Jindřich Štreit ist noch immer eine Entdeckung. (Ulrich Rüter)

Jindřich Štreit – Village People 1965–1990
Herausgeben von Thomas Gust und Ana Druga; mit einem Text von Vladimír Birgus.
184 Seiten, 137 Schwarzweißabbildungen, 22,5 cm x 30,5 cm, Ausgabe in Deutsch, Englisch und Französisch.
Buchkunst Berlin

Eine Ausstellung mit Vintage-Aufnahmen von Jindřich Štreit ist noch bis zum 4. Juni in der Wiener Galerie Anzenberger zu sehen. Weitere Ausstellungsstationen sind in Planung.

Alle Bilder auf dieser Seite: © Jindřich Štreit/Buchkunst Berlin
Sovinec, 1981
Náklo, 1980
Břidličná, 1988
Jiříkov, 1981
Arnoltice, 1990
Arnoltice, 1985
Ryžoviště, 1981
Náklo, 1990
Arnoltice, 1985

Jindřich Štreit

Geboren am 5. September 1946 in der südmährischen Stadt Vsetín, nahe Zlín. Ab 1963 Studium an der Palacký-Universität in Olomouc, Schwerpunkt Grundschulunterricht. Zunehmendes Interesse an der Fotografie. Von 1966 bis 1982 Tätigkeit als Lehrer. Von 1974 bis 1977 Fernstudium am Institut für Kunstfotografie der Union der tschechischen Fotografen in Brno. Štreit organisierte Ausstellungen, Konzerte und Theateraufführungen, zunächst in der leerstehenden Schule und ab 1980 auch in der Burg von Sovinec. 1990 Reise in die USA, im selben Jahr beginnt er mit zahlreichen Lehrtätigkeiten in Prag, Bratislava und Opava, dort ist er bis heute als Professor tätig. Zahlreiche Auszeichnungen und Ausstellungen. Spätestens seit 1991 arbeitete Štreit auch mit einer Leica M6.

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