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BUCHTIPP

12.04.2017

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Der Buchtitel ist Programm, denn offenbar hat der Mann gleich ein mehrfaches Kontingent von Lebenszeit zur Verfügung – anders erscheint diese immense Produktivität nicht vorstellbar. Künstler, Sammler, Kurator, Herausgeber, Publizist, Designer: Kaum eine Persönlichkeit ist in der Welt der Fotografie derzeit so umtriebig wie Erik Kessels. Und schon vor seiner Tätigkeit im Kunstbereich gehörte er zu den wichtigsten kreativen Köpfen unserer Tage, seit 1996 ist er Creative Director der Agentur KesselsKramer in Amsterdam, London und Los Angeles. Doch wie landet ein erfolgreicher Mann aus der Werbung mit Ausstellungen im Kunstbetrieb? „Das ist eine Frage, die mir oft gestellt wird. Es ist eigentlich meine Arbeit in der Werbebranche, die meine Faszination für die Amateurfotografie entfacht hat. Ein Creative Director arbeitet oft mit den Bildern anderer. Es ist ein Teil des Jobs, den ich sehr schätzen gelernt habe. In meiner Künstlerkarriere außerhalb der Werbung mache ich das gleiche.“

Während aber Bilder in der Werbung immer perfekt sein müssen und ihm diese Makellosigkeit oft langweilig erschien, hat Kessels in seinen freien Arbeiten ein besonderes Faible für das Unperfekte entwickelt. Zufällige Schnappschüsse mit Fehlern, Fotografien, die verwackelt oder überbelichtet sind, missglückte Posen oder irrwitzige Zufallsbegegnungen: All das sucht Kessels in den fotografischen Sammlungen privater Fotoalben. Er kategorisiert nach eigenen Themen und findet so einzigartige Bildfolgen und Vergleichsserien, die er immer wieder in Büchern und Ausstellungen präsentiert hat. Ohne Zweifel erhalten die auf Flohmärken oder im Internet gefundenen Bildmotive in der Arbeit von Kessels ein zweites Leben: Sie bekommen nicht nur die Chance, länger betrachtet zu werden, sondern werden auch zu Stellvertretern eines bewussteren Umgangs mit unserem visuellen Erbe. Über 50 Bücher sind mittlerweile auf diese Weise entstanden, nun gibt dieser Bildband einen hervorragenden Überblick über Kessels’ Arbeit. Denn neben allem Kuriosen und Absurden ist Kessels immer auch die reflektierende Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie wichtig, gerade in Zeiten der viel beschworenen digitalen Bilderflut. „Die Leute verbrauchen heute Fotografien“, so Kessels, „sie sehen sie nicht mehr an.“

Mehr als zwanzig Bildserien versammelt dieser Band, sie geben einen Einblick in die neuen Kontextualisierungen, die Kessels mit seinem Material erschafft. Mühelos und sehr unterhaltsam gelingt ihm dabei ein immer wieder überraschender Spagat zwischen theoretischer Medienreflexion und überbordender Bilderlust.
Ulrich Rüter

Alle Bilder aus The Many Lives of Erik Kessels (Aperture/Camera, 2017) www.aperture.org

Die Publikation erscheint in Verbindung mit einer umfangreichen Ausstellung in Italien: Camera – Centro Italiano per la Fotographia, Turin, 31. Mai bis 20. Juli 2017. Mit Erik Kessels & Friends präsentiert das NRW-Forum Düsseldorf vom 12. August bis 5. November die erste umfassende Retrospektive in Deutschland. Die Künstler Paul Kooiker, Joan Fontcuberta, Peter Piller, Joachim Schmid und Ruth van Beek sind eingeladen, mit eigenen Arbeiten in der Überblicksausstellung zu intervenieren.
Aus "in almost every picture #07". Jeder Schuss ein Treffer. Diese Serie zeigt das Leben einer holländischen Frau, die ihre Leidenschaft für Schießbuden auf dem jährlichen Jahrmarkt in ihrem Heimatort auslebte, dokumentiert aus der Perspektive automatischer Kameras. So entstand ab 1936 ein Lebens- und Bilderzyklus ganz eigener Art, der erst mit dem Tod der Dame endete
Aus der Serie "Album Beauty".  Ein Beispiel der vielen Fundstücke aus privaten Fotografiealben, die von Kessels in neue Zusammenhänge und Serien gebracht werden
Aus der Installation "24 Hrs in Photos", FOAM, Amsterdam, 2011.  Zur Visualisierung der ungeheuren Zahl von Bildern, die permanent ins Internet gestellt werden, hat Kessels einen einzigen Tag ausgewählt und alle 350.000 Bilder, die allein auf Flickr gepostet wurden, gedruckt und zu einem riesigen Bilderberg angehäuft
Aus der Installation "My Feet", f/stop International Photography Festival, Leipzig, 2014.  Tausende von Aufnahmen, die beständig ins Internet gestellt werden. Auch wenn man nur die Füße der Personen sieht, sagen die Fotografien doch viel über Ort und Umstände aus, vor allem aber über die Art und Weise, wie heute Bilder geteilt werden
Aus der Installation "Unfinished Father", Fotografia Europea, Reggio Emilia, 2015.  Das vielleicht persönlichste Projekt Kessels wird durch diese Ansicht präsentiert: Das Hobby von Kessels Vater war die Restaurierung von Topolinos (Fiat 500). Vier dieser legendären Kleinwagen hatte er bereits restauriert, der fünfte blieb nach dem Schlaganfall des Vaters unvollendet in der Werkstatt zurück

Der 1966 geborene Kessels lebt und arbeitet in Amsterdam. 1995 Gründung der Kommunikationsagentur KesselsKramer. Er hat über fünfzig Bücher mit von ihm gesammelten Fotografien veröffentlicht, darunter Missing Links (1999); The Instant Men (2000), die Serie In Almost Every Picture (2001 bis heute) und Wunder (2006). Seit 2000 ist er Herausgeber des Fotografiemagazins Useful Photography. Zahlreiche Ausstellungen wurden in den letzten Jahren von ihm kuratiert, u.a. Loving Your Pictures (2008), 24 Hrs in Photos (2010), Album Beauty (2012) und Unfinished Father (2015).

The Many Lives of Erik Kessels
Fotografien und Texte von Erik Kessels. Texte von Francesco Zanot, Hans Aarsman, Simon Baker und Sandra S. Phillips
576 Seiten, über 450 Farbabbildungen
13 x 21 cm, englisch
Gemeinsame Veröffentlichung von Aperture und Camera
www.aperture.org
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