Fotografische Gene

4. April 2015

„Bereits in jungen Jahren hat mein Vater mir beigebracht, wie man eine Kamera benutzt. Leider hat er mein Buch T: A Typology of T-Shirts nicht mehr sehen können.Ich hoffe jedenfalls, dieses Mal hätte er gesagt: ‚Gut gemacht!‘“
„Ich bin sowohl vor als auch hinter der Kamera groß geworden. Bereits in jungen Jahren hat mein Vater mir beigebracht, wie man eine Kamera – seine Leica M3 – benutzt und auch, wie man einen Print macht. Alle zwei Wochen bekam ich einen Tri-X-Film und einen Auftrag, der sich einfach anhörte, aber oftmals schwer umzusetzen war.

Er fragte nach einem Stillleben mit nur einer Lichtquelle oder einem Porträt meiner Schwester, wie sie Springseil springt – immer mit dem Ziel, dass ich die Bedeutung von Verschlusszeiten lerne. Ich bin in die Dunkelkammer im Keller gegangen und habe schnell bemerkt, wie sehr eine gute Bildauswahl den Erfolg eines Auftrags beeinflussen kann.

Mit den getrockneten Bildern haben wir uns am Sonntagabend zusammengesetzt. Statt ‚Lassie‘ zu schauen, haben wir zuerst eine Slideshow seiner Bilder angesehen, was manchmal nur schwer durchzustehen war. Er war ein begeisterter Golfer und seine Serien enthielten Bilder von jedem Loch auf dem Platz. Wir analysierten jedes Bild und diskutierten alle Punkte von Lichtquelle über ASA und Verschlusszeiten bis – für ihn am wichtigsten – zur Komposition. Er versuchte verzweifelt, seine Bilder als zusammenhängend darzustellen, aber ich dachte immer, dass sie das bereits wären.

Dann wartete ich mit Vorfreude auf seine Meinung zu meinen Bildern, während er jedes Detail studierte. Ich erinnere mich an die Worte: ‚Geh zurück und versuche es erneut!‘ Mein Vater hat nie von „guten Bildern“ gesprochen – für ihn hatten sie immer „Potenzial“. Er freute sich den Fotografen Ansel Adams zitieren zu können: ‚Es gibt nichts Schlimmeres als ein scharfes Bild von einem verschwommenen Konzept.‘

Ich habe sowohl im College als auch auf der Highschool Fotografiekurse belegt und habe schließlich an der School of Visual Arts in New York studiert. An meinen 30. Geburtstag überreichte mir mein Vater feierlich seine Leicaflex SL2, eine Sonderedition zum 50. Geburtstag von Leica mit fünf Objektiven. Mein Vater hatte eine Verletzung erlitten und in jener Zeit zitterten seine Hände bereits so stark, dass er keine Kamera mehr halten konnte.

Diese Kamera benutze ich jeden Tag und alle Bilder aus meiner Arbeit Not in Your Face! sind damit entstanden. Mein Vater hat leider mein Buch T: A Typology of T-Shirts nicht mehr sehen können. Die 245 Bildtafeln ließen wir bei EBS in Italien drucken. Mein Vater, dessen Leidenschaft Offsetdruck und Papier mit einschloss, wäre aufgeregt gewesen, wenn er die Seiten aus der Druckerpresse hätte fliegen sehen. Ich wäre das Buch sehr gerne mit ihm durchgegangen und hätte seine Reaktion sehen wollen. Er wäre stolz gewesen über die Danksagung und, ich hoffe es jedenfalls, dieses Mal hätte er gesagt: ‚Gut gemacht!‘“


Das Buch ist im Verlag Dewi Lewis erschienen. Letzten Herbst waren die Bilder außerdem in der Leica Galerie in L.A. zu sehen.
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