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PORTFOLIO

28.03.2022

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[Triggerwarnung: körperlicher/seelischer Missbrauch, Tierquälerei, explizite Sprache]

Bratpfannen, Schuhe, Tassen, Obst: Obwohl diese Gegenstände auf den ersten Blick harmlos erscheinen, können sie auch als Werkzeuge der Unterdrückung in Beziehungen eingesetzt werden, was zu einem Alltag führt, der für viele Frauen unerträglich ist. In Zusammenarbeit mit dem Physical Evidence Museum bringen die Fotografin Agata Grzybowska und die Set-Designerin Małgorzata Białobrzycka den subtilen Schrecken häuslicher Gewalt ans Licht und schaffen mit den Aussagen von Überlebenden eine Plattform für den Diskurs – denn noch immer wird viel zu oft zu diesem Thema geschwiegen.

LFI: Ihr Projekt ist eine Zusammenarbeit mit dem Physical Evidence Museum. Bitte erzählen Sie uns, wie es dazu kam.
Agata Grzybowska: Das Physical Evidence Museum ist ein Projekt, das von zwei lettischen Künstlerinnen, Laura Stašāne und Jana Jacuka, ins Leben gerufen wurde. Es basiert auf einer Sammlung von Objekten und Geschichten, die von Frauen eingesandt wurden, die Gewalt erlebt haben, die zu einem großen Teil von Männern verursacht wurde. Das Projekt wurde zunächst in Riga präsentiert und fand dann in Zusammenarbeit mit TR Warszawa, der Feminoteka Foundation und der Autonomia Foundation seinen Weg nach Warschau.
Im letzteren Fall wurde die Ausstellung in einer Privatwohnung organisiert, und die Objekte wurden entsprechend ihrer Nutzung platziert. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine ganz normale Wohnung voller gewöhnlicher Gegenstände, die zeigen, dass dort tatsächlich jemand lebte … Wären nicht die Aussagen der Frauen, käme dem Besucher vielleicht gar nicht in den Sinn, wie kreativ und grausam Unterdrücker sein können, die Gegenstände des täglichen Lebens als Werkzeuge der Macht und Unterdrückung benutzen.
Feminoteka hatte die Idee, die von Laura und Jana initiierte Ausstellung durch Fotos zu ergänzen. Die Stiftung setzte sich mit Małgorzata Białobrzycka und mir in Verbindung und fragte, ob wir die von polnischen Frauen eingesandten Gegenstände für das Projekt fotografieren könnten. Wir haben nicht lange überlegt – aus sehr persönlichen Gründen, aber auch, weil Gewalt gegen Frauen in Polen immer noch alltäglich ist und es nur selten Gerechtigkeit für diejenigen gibt, die sie erleben. Wir beschlossen, die Einladung von Feminoteka anzunehmen, in erster Linie, um Frauen die Möglichkeit zu geben, ihre Meinung zu äußern, denn Überlebende von Gewalt, und insbesondere Frauen, werden normalerweise zum Schweigen gebracht. Als Künstlerinnen haben wir das Projekt auch als Ausgangspunkt für die Entwicklung unserer eigenen Konzepte betrachtet und dem Projekt eine etwas andere visuelle Form gegeben.

Ihre Bildsprache ist zu gleichen Teilen nüchtern und sachlich, aber auch sehr emotional. Was wollen Sie beim Betrachter auslösen?
Die Idee hinter dem Physical Evidence Museum ist es, sich auf Alltagsgegenstände zu konzentrieren, die zu stummen Zeugen von Gewalt werden. In unseren Fotografien wollten wir diesen Faden aus mehreren Gründen fortsetzen. Zunächst einmal war es für uns wichtig, Frauen zu schützen, die Gewalt erfahren und ihre Geschichte erzählt haben, sich aber aus verschiedenen Gründen dafür entschieden haben, anonym zu bleiben. Den Unterdrückern das Sichtfeld zu überlassen kam für uns nicht in Frage. Einerseits waren wir der Meinung, dass Obst oder einfache Gegenstände nicht als potenzielle Machtinstrumente angesehen werden, andererseits werden sie zur idealen Metapher für das, was häusliche Gewalt gegen Frauen ist: alltäglich, fast offensichtlich und daher ignoriert. Und das ist der Aspekt, den wir aufgreifen wollten.

Auf den ersten Blick zeigen Sie alltägliche Stillleben, aber die Objekte wirken immer deplatziert …
Wir haben Objekte in Privatwohnungen fotografiert, in Räumen, die man als „Zuhause“ betrachtet. Wir wollten zeigen, dass solch ein Zuhause nicht immer ein Asyl ist, in dem sich Frauen sicher fühlen und sich verstecken können, wenn die Welt zu überwältigend ist. Zudem soll es auch als eine Anspielung auf die sehr veraltete, aber leider immer noch weit verbreitete polnische Denkweise dienen: Wenn in den eigenen vier Wänden etwas Beunruhigendes passiert, dann sollte es auch dort bleiben. Es sollte nicht gesehen werden; es sollte nicht darüber gesprochen werden; am besten ist es, es unter den Teppich zu kehren und so zu tun, als wäre nichts passiert. Da wir diesen Ansatz für inakzeptabel, aber auch für ein wenig subversiv hielten, platzierten wir die fotografierten Objekte an Orten, wo sie nicht hingehören – ein Schuh auf dem Küchentisch, Töpfe und Pfannen im Bettzeug. Auf diese Weise wollten wir eine spezifische visuelle Dissonanz provozieren, die es wahrscheinlicher macht, dass ein Passant oder ein Betrachter stehen bleibt und die Geschichte hinter jedem Objekt liest. Und vielleicht werden sie, nachdem sie das Zeugnis einer Überlebenden gelesen haben, sich dessen bewusst, dass die Realität nicht immer so ist, wie sie scheint. Vielleicht werden sie aufmerksamer gegenüber anderen; vielleicht werden sie beim nächsten Mal Gewalt nicht bagatellisieren oder einfach ignorieren, sondern sich für eine Frau einsetzen, die sie erlebt; oder sie werden als Nachbar auf das reagieren, was nebenan geschieht. (Interview: Danilo Rößger)

Alle Bilder auf dieser Seite: © Agata Grzybowska und Małgorzata Białobrzycka
Equipment: Leica SL2-S, Apo-Summicron-SL 1:2/35 Asph und Apo-Summicron-SL 1:2/75 Asph
Ich sagte meinem Mann, dass ich zu einer Kunstveranstaltung außerhalb der Stadt gehen wollte (und fragte ihn, ob er mitkommen wolle), er schlug auf meinen Kopf ein und stieß mich weg.
Ich fiel zu Boden.
Er trat mich mit seinen harten Schuhen.
Ich konnte entkommen.
Ich hatte am ganzen Körper blaue Flecken.
Ich zog eine Langarmbluse an und ging zur Veranstaltung.
Ich wollte es nicht an mich heranlassen.
Ich habe Fotos von den blauen Flecken an Bauch, Oberschenkeln, Beinen und Armen gemacht.
Mein Gesicht hat er verschont.
Ich komme nach Hause. Mein Mann sieht fern.
Als er mich hereinkommen hört, dreht er die Lautstärke auf.
„Könntest du es bitte etwas leiser stellen“, frage ich.
Er dreht noch weiter auf. Ich gehe in die Küche.
Wie ich sehe, ist etwas Essen in einer Pfanne bereit.
Ich mache den Herd an, um das Essen für uns warm zu machen.
Er eilt in die Küche, schnappt sich die Pfanne und bringt sie in die Speisekammer. „Das ist nicht für dich!“
„Verpiss dich!“ Und dann: „Schlampe.“
„Du verdammte Schlampe.“ Ich schaffe es, die Tränen zurückzuhalten.
Ich habe Hunger, also mache ich mir Nudeln.
Ein paar Stunden später sehe ich, wie mein Mann „sein“ Abendessen aufwärmt und es alleine isst.
„Mein Mann kümmert sich um den Haushalt.
Er kocht.“ Das ist die offizielle Version.
„Niemand wird dir glauben. Er ist so ein netter Kerl.“
Wir waren über 20 Jahre verheiratet, als wir in unser neues Haus zogen.
Ich verbrachte mehrere Jahre damit, den Bau zu überwachen.
Ich musste an diesem Tag nicht früh aufstehen. Ich ging morgens im Nachthemd in
die Küche, um mir einen Kaffee zu machen.
Mein Mann beendete gerade sein Frühstück.
Das Fenster war offen. Mir war kalt, also schloss ich es.
Ich zuckte zusammen, als ich ihn neben mir rufen hörte:
„Was denkst du, was du da tust, Schlampe!
Mach das Fenster auf, Schlampe!“ Ich war gelähmt.
„Beruhige dich“, sagte ich. „Mir ist kalt.“
„Öffne das verdammte Fenster, du Schlampe“, schrie er.
„Ich frühstücke.“ Und er warf es wieder auf.
Er schrie und spuckte mich an.
Dann warf er mit aller Kraft eine Tasse Tee nach mir.
Ich konnte auch lange danach meine Nerven nicht bewahren.
Ich bekam Schwindelanfälle und Angstattacken.
Auf der Polizeiwache stritt mein Mann alles ab.
Nachdem der Polizist ihm die Aufnahmen vorgespielt hat, hat er es endlich zugegeben.
Aber diese Erfahrung wird mich für immer begleiten.
Als er das erste Mal etwas nach mir warf, konnte ich nicht glauben, dass es wirklich passierte.
Seitdem behalte ich ein paar der Früchte, die er mir entgegenschleuderte, als ich ihn bat, mich nicht mehr so zu behandeln.
Das Reden wich dem Schreien, als er anfing, mich zu beleidigen und mich zu beschimpfen. Er stellte sich hinter mich und zischte „Du Schlampe“ oder „Fick dich, Hure“.
„So kannst du nicht mit mir reden“, schrie ich, und dann fing er an, Dinge zu werfen.
Dann schloss er sich in seinem Zimmer ein und spielte Musik auf voller Lautstärke.
Danach hatte ich oft Schwindelanfälle, Angstzustände und verlor das Gleichgewicht.
Eines Tages kam der Krankenwagen und brachte mich ins Krankenhaus. Ein anderes Mal, nachdem er etwas geworfen hatte – eine Tasse oder einen Apfel – verlor ich das Gleichgewicht und fiel, wobei ich mir einen Zahn herausschlug.
Es ist drei Jahre her, seit ich ausgezogen bin. Langsam bekomme ich meinen Gleichgewichtssinn zurück.
Es war Abend, nach dem Bad zog ich diesen Schlafanzug an, bereit zum Schlafen.
Der Ehemann kam betrunkener als sonst zurück (das kam ziemlich oft vor).
… und die Beleidigungen, die Demütigung begann.
Es gab auch Handgreiflichkeiten, und was ich am meisten fürchte …
er würgte mich mit einer Steppdecke, einem Hocker …
Er drückte mich zwischen den Schrank und das Sofa  …
Er ist groß und stark, er wirkte wie ein Besessener …
Nach ein paar Versuchen, mich zu befreien (wobei ich den Moment nutzte, als er aufhörte) …
… rannte ich weg, zu meiner Schwägerin.
Dort fand ich eine vorübergehende Unterkunft.
Zu Beginn meines Studiums entschied ich mich, einen Hund zu adoptieren.
Ich habe mich für Soja entschieden – deren Schwanz mit einer Axt abgehackt worden war.
Ich war nie glücklicher!
Ich dachte von Anfang an, dass Soja Angst vor Männern hat.
Sie schlief nicht in dem Zimmer, in dem mein damaliger Partner war,
wollte nicht mit ihm spazieren gehen,
ließ sich nicht von ihm berühren.
Eines Tages, als ich von meinem Zwölf-Stunden-Job zurückkam,
war sie nicht zu Hause.
Mein Ex sagte, dass er sie verloren hat, dass ich aufhören soll zu weinen,
und sie sich irgendwann im „Paluch“ [dem Hundeheim in Warschau] wiederfinden wird.
Zum Glück habe ich es geschafft, sie zu finden, verängstigt in der Nähe des Zawisza-Kreisverkehrs.
Einmal, während eines Streits, trat er sie so sehr, dass ihr winziger Körper ans andere Ende des Raums flog.
Nach der Trennung stellte sich heraus, dass Soja keine Angst vor Männern hat – sie hat Angst vor einem einzigen gewalttätigen Mann.
Jetzt bin ich in einer glücklichen Beziehung, und es vergeht kein Tag, an dem Soja nicht mit meinem Partner unter der Decke kuschelt.
© RATS Agency

Agata Grzybowska

Grzybowska ist Fotojournalistin, Fotografin, Videofilmerin und Ambassador für Leica Camera Polen. Sie war jahrelang für Gazeta Wyborcza tätig, arbeitet jetzt aber als Freiberuflerin. Sie ist Mitbegründerin und Mitglied der Agentur RATS. Grzybowska absolvierte ein Studium der Fotografie an der Nationalen Film-, Fernseh- und Theaterschule in Łódź. Sie lehrt Geschichte des Fotojournalismus an der SWPS-Universität in Warschau. Ihr erstes Fotobuch 9 Gates of No Return (2017) fand internationale Anerkennung und hat ihr mehrere Auszeichnungen eingebracht. Grzybowska reist durch die ganze Welt und porträtiert Menschen in schwierigen, oft lebensbedrohlichen Situationen. Bei ihrer Arbeit ist es ihr Prinzip, den Menschen und ihren Geschichten so nahe wie möglich zu kommen.

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© Małgorzata Białobrzycka

Małgorzata Białobrzycka

Białobrzycka ist bildende Künstlerin, Bühnenbildnerin und Stylistin. Sie absolvierte die Krakauer Schule für Modedesign mit einem Abschluss in Modedesign und studierte Kunstgeschichte. In ihrer Arbeit konzentriert sie sich auf Objekte und gibt bestehenden Gegenständen eine neue Bedeutung. Białobrzycka nimmt häufig Projekte in Angriff, die mit Umwelt und Ökologie, sozialen Fragen und der menschlichen Wahrnehmung zu tun haben. In ihrem kreativen Prozess konzentriert sie sich auf die Entwicklung von Konzepten und deren Umsetzung in der Fotografie.

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