Teufelsgold
Teufelsgold
Lieven Engelen
17. Oktober 2025
LFI: Wie kam es zur Idee für dieses Projekt?
Lieven Engelen: Die Idee entstand zufällig. Ich hielt mich gerade in Bandung, Indonesien, auf und arbeitete an einem Projekt über die Freilassung von 40 Langschwanzmakaken durch das Jakarta Animal Aid Network (JAAN). Dieses Projekt verzögerte sich aufgrund behördlicher Vorschriften. Da ich plötzlich viel Zeit hatte, stieß ich online auf die Geschichte der Schwefelminenarbeiter am Mount Ijen. Ich war sofort begeistert. Ich flog nach Banyuwangi in Ostjava und nahm Kontakt zu einem lokalen Reiseführer auf, der mich einer der Minenarbeiterfamilien vorstellte.
Wie sieht die Arbeit eines Schwefelminenarbeiters genau aus – und was hat Sie daran fasziniert?
Seit 1968 wagen sich die Schwefelminenarbeiter des Mount Ijen in dieses unberechenbare Labyrinth aus Gaswolken und überhitzten Solfataren – vulkanischen Öffnungen, aus denen schwefelhaltige Gase austreten – um das zu gewinnen, was vor Ort als „Teufelsgold“ bezeichnet wird. Bergleute hacken, umgeben von giftigen Dämpfen und Hitze, an den verhärteten Schwefelblöcken. Nachdem sie genug „Gold“ gesammelt haben, transportieren sie bis zu 80 Kilogramm des leuchtend gelben Materials in Weiden- und Bambuskörben den Berg hinunter. Dort wird es an ein chinesisches Unternehmen verkauft. Damit verdienen sie magere zehn bis 15 Euro pro Tag. Was die Faszination angeht, so ziehen die außergewöhnliche Landschaft und die Ausblicke des Mount Ijen seit Jahrhunderten Reisende in ihren Bann. Sein 800 Meter langer türkisfarbener Kratersee leuchtet unheimlich in der Dunkelheit. Er ist trügerisch schön und der größte Säuresee der Erde. Er hat einen pH-Wert, der niedriger ist als der von Batteriesäure, giftig genug, um Metall aufzulösen. Trotzdem bleibt der schwelende, giftige Krater des Mount Ijen ein außergewöhnlicher Anblick von eindringlicher Schönheit.
Was war Ihr fotografischer Ansatz, welchen Herausforderungen standen Sie gegenüber?
Der Aufstieg auf den steilen Hang des Mount Ijen bei Nacht war schon eine Herausforderung für sich. Es war körperlich anstrengend. Sobald man den Gipfel erreicht hat, steigt man in den 800 Meter tiefen Krater hinab. Dabei muss man sich durch schwieriges, felsiges Gelände zwischen Horden von Touristen navigieren, die sich alle auf der Suche nach dem perfekten Instagram- oder TikTok-Motiv in den Krater drängen. Dabei ignorieren sie die Schwefelminenarbeiter, die dort arbeiten. Im Krater kann die hohe Konzentration an Schwefeldioxidgas zu Atembeschwerden führen. Ohne Schutzausrüstung wäre das unmöglich gewesen. Die Leica ist in solchen Situationen eine hervorragende Begleiterin. Dank ihrer Größe ist sie unauffällig, und man kann sich damit ungehindert bewegen.
Ist Ihre Serie als Gesellschaftskritik zu verstehen?
In gewisser Weise schon. Aber es liegt am Betrachter, ob er sich auf das vorgeschlagene Werk einlässt. Am Ende, wenn Hunderte, wenn nicht Tausende von Touristen sich buchstäblich in den Krater drängen und dabei die Schwefelminenarbeiter verdrängen, ist offensichtlich etwas falsch. Und obwohl der Mount Ijen ein Segen für die lokale Tourismusindustrie ist, gilt dies weniger für die Schwefelminenarbeiter, die kein Englisch sprechen und deren einziges Wissen ironischerweise das über den Mount Ijen ist.
Sie haben in Farbe fotografiert …
Ich liebe die Schwarzweißfotografie wegen ihrer Einfachheit und Direktheit. Aber auch Farbe hat ihre Vorzüge. Ich denke, jedes Projekt setzt seine eigenen Parameter. Man kann nichts vorschreiben. Es wird von der Reise geleitet, die man unternimmt. Der Schwefel versetzte mich zurück in meine Kindheit und erinnerte mich an die Magie, die ich jedes Mal empfand, wenn jemand ein Streichholz entzündete. So einfach war das.
In Ihrer Serie geht es um die „vergessenen Minenarbeiter“. Ist Fotografie für Sie Erinnerungskultur?
Für mich geht es in der Fotografie um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie ist eine Momentaufnahme dessen, was war, was ist und was kommen wird. Ein Spiegelbild der Zeit, in der wir leben. Von der dokumentarischen bis zur konzeptuell orientierten Fotografie. Angesichts der gegenwärtigen schwierigen Zeiten, in denen niemand wirklich zu wissen scheint, was auf uns zukommt, wird authentische Fotografie eine noch größere Rolle spielen als bisher.
Lieven Engelen+-
Der studierte Grafikdesigner arbeitete als Art-Direktor, Creative Director und Werberegisseur für Agenturen wie BBDO und Lowe Prague. 2011 startete der Absolvent der Fotovakschool Amsterdam seine Karriere als Fotograf mit dem Schwerpunkt Landschafts- und Porträtfotografie. Engelen lässt sich von der Welt im Allgemeinen inspirieren und überlässt es den Betrachtenden, sich mit dem vorgeschlagenen Werk auseinanderzusetzen. Mehr