Das Leuchten am Bosporus

Stefano Mirabella

21. November 2025

Die Serie des italienischen Fotografen ist eine Hommage an die Stadt Istanbul und ihre Bewohner, ein bildgewaltiges Spektakel aus Farbe, Energie und Intensität.
In seiner fotografischen Serie Istanbul widmet sich der italienische Fotograf Stefano Mirabella jener Stadt, die zwischen Erinnerung und Vergessen, Zukunft und Moderne changiert und dabei verschiedenste Schichten und Kontraste offenbart. Seine Bilder zeigen einen Dialog aus Licht, Chaos und stiller Poesie.

LFI:Was macht die Stadt Istanbul für Sie besonders?
Stefano Mirabella: Mein Blick auf die Stadt wurde zuallererst von Ara Güler, dem „Auge Istanbuls“, inspiriert. Dann kamen Alex Webb mit seinem Buch Istanbul: City of a Hundred Names, Marc Riboud und Bruno Barbey dazu. Ohne die Arbeit dieser großartigen Fotografen hätte ich vielleicht nie den Drang verspürt, selbst die Geschichte Istanbuls zu erzählen. In den letzten zwei Jahren habe ich durch regelmäßige Besuche erkannt, dass Istanbul eine Stadt ist, die perfekt zu meiner Sichtweise passt. Die Stadt ist lebendig und in ständiger Bewegung – voller Kontraste, europäisch und gleichzeitig asiatisch und nahöstlich.

Ihre Atmosphäre ist unglaublich: Bei Sonnenuntergang mit der Fähre den Bosporus zu überqueren oder in ein winziges Teehaus für einen süßen çay einzukehren sind Erlebnisse, die sowohl das Herz als auch das Auge erfüllen. Was Istanbul jedoch wirklich besonders macht, sind seine Menschen. Ihre Gesichtszüge sind oft markant und ausgeprägt, ihre Mimik ernst, doch sie sind warmherzig, großzügig und gastfreundlich. Sie zu fotografieren ist eine Freude: Sie scheuen sich selten vor der Kamera, bleiben natürlich und authentisch, ganz sie selbst. Für einen Street Photographer ist diese Art von Präsenz ein seltenes Geschenk.

Ihrem Projekt geht ein Zitat von Elif Shafak voraus: „Istanbul ist eine Stadt der kollektiven Amnesie – sie erinnert sich gleichzeitig an zu viel und zu wenig.“ Was genau bedeutet das?
Für Shafak riskiert ein Volk, das seine Erinnerung verliert und unter „kollektiver Amnesie“ leidet, sich selbst zu verlieren, seine Fehler zu wiederholen und vor allem die Wunden der Vergangenheit zu vergessen. Istanbul ist heute eine Stadt, die auf eine Zukunft der Modernität und des Wirtschaftswachstums zusteuert. Im Jahr 2025 war sie die meistbesuchte Stadt der Welt und übertraf damit Bangkok, New York und London. Doch dieser unvermeidliche und unerbittliche Ansturm birgt die Gefahr, die Verbindung zu einer glanzvollen Vergangenheit, reich an Geschichte, Kultur und Menschlichkeit, für immer zu durchtrennen.

Die tiefgründige Idee, die in Elif Shafaks Zitat zum Ausdruck kommt und mich inspiriert hat, veranlasste mich, meine Fotos in den authentischsten, weniger bekannten Vierteln Istanbuls zu suchen, weit weg von den mit Touristen überfüllten Gegenden. Dort suche ich nach Spuren und Menschen, bei denen die Vergangenheit der Stadt noch sichtbar, lebendig und erkennbar ist. Es gibt noch viel zu tun, aber mein Wunsch ist es, weiterhin diese Spannung zwischen Erinnerung und Veränderung, zwischen dem, was Bestand hat, und dem, was sich unweigerlich wandelt, einzufangen.

Wie war Ihr fotografischer Ansatz – und welche Bedeutung hatte Farbe für Sie?
Ich habe mich der Stadt angenähert, indem ich ihr zugehört habe. Wenn ich auf der Straße fotografiere, versuche ich, nicht zu viel nachzudenken oder zu planen. Ich lasse mich von Geräuschen, Gerüchen, Licht und Menschen leiten. Fotografie ist für mich ein Akt des Zuhörens und der Offenheit. Ich bewege mich durch die Stadt, getrieben von Instinkt, Neugier und dem Wunsch, jedes Mal etwas Neues zu entdecken. Bei jeder Reise erkunde ich ein anderes Viertel und versuche zu verstehen, ob es mir neue visuelle oder narrative Möglichkeiten bieten kann.

Einige der Orte, die ich fotografiert habe, wurden mir von den großen Fotografen empfohlen, die Istanbul vor mir porträtiert haben. In ihren Büchern erscheinen die Namen der Stadtteile oft neben den Bildern; manchmal habe ich aus Neugier dieselben Straßen besucht, um zu sehen, wie sie sich im Laufe der Zeit und durch den Alltag verändert haben. Für mich ist Farbe eine natürliche Folge dieses Zuhörens. Von Anfang an hatte ich keinen Zweifel: Istanbul ist Farbe. Es ist Energie, Licht, Intensität. Es in Schwarzweiß darzustellen, hätte bedeutet, ihm einen Teil seiner Lebendigkeit zu nehmen.

Die Menschen stehen im Mittelpunkt Ihres Projekts. Was verraten sie über die Stadt?
Durch die Menschen offenbart sich die Stadt in ihrer ganzen Komplexität – in ihren Kontrasten, ihrer Intensität und ihren Wahrheiten. Ich bin nicht an einer rein ästhetischen oder malerischen Darstellung interessiert; was ich suche, ist eine Begegnung, ein Austausch, ein flüchtiges Fragment gemeinsamer Realität. Jedes Mal, wenn ich jemanden auf der Straße fotografiere, habe ich das Gefühl, dass das entstandene Bild nie ganz mein eigenes ist – es ist das Ergebnis einer kurzen, aber bedeutungsvollen Verbindung zwischen zwei Welten, die sich für einen Augenblick kreuzen. In diesem Sinne ist meine Serie eher ein Dialog als ein Porträt: Ich versuche, nicht nur das zu vermitteln, was ich sehe, sondern auch das, was ich fühle. Die Stadt lebt durch ihre Menschen – in ihren Gesten, ihren Blicken, ihren Bewegungen. Durch sie versuche ich, nicht nur die Geschichte eines Ortes zu erzählen, sondern auch etwas Universelles auszudrücken: das menschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Identität und Erinnerung. Darin liegt für mich die tiefste Bedeutung der Fotografie.
Katja Hübner
ALLE BILDER AUF DIESER SEITE: © Stefano Mirabella
EQUIPMENT: Leica Q3 mit Summilux 1:1.7/28 Asph

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© Stefano Mirabella
© Stefano Mirabella

Der 1973 in Rom geborene Fotograf konzentriert sich in seiner Arbeit auf Dokumentationen, die ihn unter anderem nach Thailand, Kambodscha, Laos, Syrien und in die besetzten palästinensischen Gebiete führten – Orte, die zu zentralen Themen in mehreren seiner Ausstellungen und Publikationen geworden sind. Seit 2012 ist die Street Photography sein primärer kreativer und beruflicher Schwerpunkt, eine Bildsprache, mit der er sich tief verbunden fühlt und die es ihm ermöglicht, die Realität durch eine persönliche Sichtweise zu erforschen und zu interpretieren. Er war Mitglied des italienischen Street-Photography-Kollektivs Spontanea und gehörte 2014 zu den Gewinnern des Leica Talent Awards. Derzeit unterrichtet er an den Officine Fotografiche Roma und ist Dozent an der Leica Akademie. Mehr

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