Particularly in the Crosshairs
Particularly in the Crosshairs
Sitara Celina Rajh
4. April 2025
Sitara Celina Rajh: Ich berichte seit Beginn der russischen Invasion 2022 aus der Ukraine. Ein Thema, das mich sehr intensiv begleitet hat, ist die Frage nach queerem Leben in dem Land und wie es sich mit dem Krieg verändert hat. Vor allem durch die Bedrohung aus Russland. Dazu habe ich 2024 mein Fotobuch Fragile as Glass beim Verlag Kettler veröffentlicht. Als ich Anfang 2024 dann die ersten Berichte von Menschenrechtsorganisationen über Inhaftierungen und Demütigungen bis hin zu Folter von queeren Menschen in den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine gelesen habe, war mir schnell klar: Dieses Thema, diese Menschenrechtsverletzungen müssen beleuchtet werden. Ich habe meine ukrainische Kollegin Yana Radchenko gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, mit mir gemeinsam zu recherchieren. Als wir dann die Zusage für ein Recherchestipendium von N-Ost erhalten haben, begann eine monatelange Suche nach Belegen und Betroffenen.
Mit welchen Schwierigkeiten und Herausforderungen waren Sie vor Ort konfrontiert?
Zu mutmaßlichen Kriegsverbrechen zu recherchieren stellt einen vor verschiedene große Herausforderungen. Die von Russland besetzt gehaltenen Gebiete sind natürlich für kritische Journalistinnen und Journalisten nicht zugänglich. Viele der Verbrechen, die dort passieren, können wir nur erahnen. Deshalb konnten wir nur mit Leuten sprechen, denen die Flucht aus diesen Städten und Orten gelungen ist. Dazu kommt: Viele Betroffene möchten auch einfach nicht mit Journalistinnen reden. Die Angst vor weiteren Anfeindungen ist groß. Außerdem kann die psychische Belastung, das Erlebte noch einmal zu erzählen, zu einer erneuten Traumatisierung führen. Yana hat selbst unter der Besatzung gelebt und ist Teil der LGBTQ-Gemeinschaft, deshalb konnte sie die Interviews mit dem notwendigen Fingerspitzengefühl führen. Außerdem haben uns mehrere NGOs, die umfangreich Fälle dokumentieren, ihre Berichte und Aufzeichnungen zur Verfügung gestellt.
Was wollten Sie mit Ihren Bildern wiedergeben?
So ein abstraktes Thema zu bebildern ist als Fotografin nicht einfach. Ich habe mir deshalb schon vorab Gedanken gemacht, welche Darstellung für das Thema wichtig ist und funktioniert. Am Ende habe ich mich vor allem entschieden, queeres Leben zu zeigen und visuell einen Fokus auf die Betroffenen zu legen. Es ist mir sehr wichtig, den Berichten ein Gesicht zu geben und die Menschen zu zeigen, die sich uns anvertrauten. Ich möchte, dass der Betrachter in die Lebenswelt der LGBTQ-Gemeinschaft in der Ukraine eintreten und eine Beziehung aufbauen kann, um der konstanten Entmenschung entgegenzuwirken. Außerdem sollten die Fotos genau das wiedergeben, was Russland ausradieren will: queeres ukrainisches Leben, LGBTQ-Aktivismus.
Wie genau hat sich die Lage für die Betroffenen im Zuge des Krieges verschärft?
Die größte Gefahr für die Gemeinschaft existiert in den von Russland besetzten Gebieten. In der Stadt Cherson, wo viele der von uns beleuchteten Verbrechen an queeren Menschen stattgefunden haben, wissen wir, dass russische Truppen mit der Waffe im Anschlag die Räumlichkeiten der Menschenrechtsorganisation Insha, die LGBTQ-Personen unterstützt, durchsucht und verwüstet haben. Aber es gibt auch noch andere Probleme, zum Beispiel ist die gleichgeschlechtliche Ehe in der Ukraine noch nicht legal. Das ist eine Herausforderung für Partnerinnen und Partner von Soldaten oder Soldatinnen, da sie nicht dieselben Rechte haben wie verheiratete Paare. Wenn also der eine Partner an der Front stirbt, ist rechtlich nicht geklärt, ob die andere Person über den Körper verfügen kann. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Flucht von LGBTQ-Personen. Viele, die fliehen, kommen privat unter. Für queere Menschen kann das dazu führen, dass sie Diskriminierung auf der Flucht erleben.
Sitara Celina Rajh+-
Die 2002 geborene deutsche Fotojournalistin wuchs in einer Arbeiterfamilie mit slowenischen Wurzeln auf und lebt aktuell in Kyiw. Ihre Berichterstattung fokussiert sich vor allem auf medial unterrepräsentierte Aspekte von Konflikten. Meist arbeitet sie zu Geschlechterfragen, Migration und Menschenrechtsverletzungen – in Deutschland, auf dem Balkan, in Osteuropa und im Nahen Osten. Rajh integriert ihre Arbeiten immer wieder in ehrenamtliche Bildungsangebote, wie z. B. Vorträge und Workshops an Schulen und in Jugendzentren. Ihre Arbeiten werden regelmäßig ausgestellt und wurden wiederholt ausgezeichnet. Unter anderem erhielt sie, gemeinsam mit einem Team, 2022 den Grimme Online Award für die Multimedia-Reportage Kandvala. Ihr Projekt Particularity in the Crosshairs steht auf der Shortlist für das Belfast Photo Festival 2025. Sie wird vertreten durch die Agentur Laif. Mehr