All England

Sarah M. Lee

10. November 2025

Spiel, Satz, Sieg – beim Tennisturnier in Wimbledon geht es in erster Linie um den Sport. Doch was sich unweit der Rasenkante abspielt, ist für die Fotografin mindestens genauso spannend. 
Als Boris Becker im Sommer 1985 mit nur 17 Jahren den Sieg der Herren in Wimbledon erspielte, saß die damals sechsjährige Sarah M. Lee gemeinsam mit ihrer Großmutter vor dem Fern-seher und verfolgte diesen besonderen Moment der Sportgeschichte. Auch heute begeistert sie der Tennissport nach wie vor. Ihr Blick richtet sich jedoch weniger auf den Centre Court, sondern mehr auf das, was neben dem Spielfeld passiert. „Ich finde Menschen unendlich faszinierend, und Wimbledon ist ein wunderbarer Ort, um Menschen zu beobachten. Das Tennis liefert nur den Rahmen“, erzählt die britische Fotografin. Mit ihrer Leica schuf sie einen etwas anderen Blickwinkel auf das Turnier.

Allein in diesem Jahr strömten rund 550 000 Besucherinnen und Besucher zum All England Lawn Tennis and Croquet Club im Südwesten Londons – so viele wie noch nie. Wimbledon, erstmals 1877 mit dem bescheidenen Ziel ausgetragen, mit dem Erlös eine neue Rasenwalze anzuschaffen, hat sich längst zur prestigeträchtigsten Bühne des Tennissports entwickelt. Hier folgt nicht nur das Spiel klaren Regeln. Jede Blume ist exakt gepflanzt, jedes Logo mit winzigen Pinseln von Hand nachgezogen, jede Uniform makellos. „Die Akribie des Turniers verortet es irgendwo zwischen einer nordkoreanischen Militärparade und Disneyland – im positiven Sinne“, beschreibt Lee. „Ich habe schon immer die Hingabe geschätzt, mit der Wimbledon seine visuelle Identität pflegt.“

In ihrer Serie All England zeigt Lee eine Parallelwelt mit saftig grünem Rasen, adretten Uniformen wie aus einem Polo-Ralph-Lauren-Katalog, hochgezogenen weißen Socken und Erdbeersymbolen – eine Anspielung auf die in Wimbledon traditionell verspeisten Erdbeeren mit Schlagsahne. Vieles wirkt wie eine inszenierte Vorstellung von Britishness, die eine Nostalgie an etwas weckt, das so wohl nie existierte. Für Lee liegt gerade darin eine beruhigende Wirkung: Die streng eingehaltenen, aber völlig harmlosen Regeln auf dem Gelände bilden einen willkommenen Kontrast zu den komplexen Herausforderungen der Gegenwart. „Wimbledon ist britisch, aber nicht auf eine exklusive, fahnenschwingende Art und Weise“, findet Lee, denn „die leichte Unwirklichkeit scheint die Möglichkeit von Chauvinismus zu mildern.“ Gleichzeitig findet in dieser fein orchestrierten Kulisse auch das Chaos der Menschenmenge seinen Platz: Tennisfans aus aller Welt, Familien, Warteschlangen, Emotionen. In humanistischer Tradition legt Lee den Fokus auf den Menschen und verfolgt das Geschehen auf den Rängen. Sie fängt die Blicke der Zuschauenden ein, findet Wiederholungen in Symbolik und Mimik, ohne sich dabei selbst zu wiederholen.

Für die Serie wählte Lee ein 35-mm-Summicron-Objektiv an ihrer Leica M11-P, das ihr einen breiten Bildwinkel eröffnete und sie von ihrer sonst bevorzugten Arbeitsweise mit einem 50-mm-Objektiv entfernte. Sie nutzte außerdem einen kleinen Aufhellblitz, den sie zusätzlich zum Tageslicht einsetzte und der der Serie einen einheitlichen, leicht hyperrealistischen Look verleiht. „Wenn man einen Blitz und ein Weitwinkelobjektiv verwendet, muss man anders reagieren. Das Timing verändert sich, und man muss den Bildausschnitt neu antizipieren. Ich denke, es ist ein bisschen so, als würde man Tennis auf Rasen anstatt auf Sand spielen“, erklärt Lee. Die größte Herausforderung war dabei der Einsatz des Blitzes, denn der ist am Spielfeldrand nicht erlaubt. Um dennoch ihrer Bildsprache treu zu bleiben, nutzte Lee bei den Aufnahmen vom Platz die tief stehende Sonne im Rücken als Ersatz für das Blitzlicht.

Das Ergebnis sind farbenfrohe Bilder, die den schmalen Grat zwischen Ordnung und Durcheinander beleuchten. Lee zeigt Wimbledon als einen Ort der Beobachtung, bei dem es sich lohnt, den Blick ab und zu schweifen zu lassen.
Pauline Knappschneider
ALLE BILDER AUF DIESER SEITE: © Sarah M. Lee
EQUIPMENT: Leica M11-P,  Summicron-M 1:2/35 Asph

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Entdecken Sie in dieser Ausgabe einen allumfassenden Rückblick auf das Lebenswerk Gianni Berengo Gardins. Außerdem: Einblicke in die Werke der diesjährigen LOBA Shortlist und Gewinner; Cédric Gerbehaye mit seinem Langzeitprojekt Kashmir. Wait & See; ein Blick hinter die Kulissen des Tennisturniers Wimbledon durch Sarah M. Lee sowie eine umfassende Alltagsserie in schwarzweiß des Skateboarders, Musikers und Fotografen Ray Barbee. Mehr

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Sarah and her assistent Agne.

Sarah studierte Ende der 90er Jahre Anglistik am University College London (UCL) und nutzte die nicht in Bibliotheken verbrachte Zeit, um sich zur Fotografin auszubilden.
Im Jahr 2000 wurde ihr eine freie Stelle beim Guardian angeboten, und seitdem arbeitet sie weiterhin für den Guardian und den Observer. Lee ist spezialisiert auf Porträts, Reportagen und die Künste, interessiert sich aber für jede Art der Fotografie, die sich mit Menschen und der gemeinsamen menschlichen Erfahrung beschäftigt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Hund in London. Mehr

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