Der verschwundene Ort

Roland Schmid

9. Januar 2026

Seine Serie ist ein Dokument einer Stadt, die es nicht mehr gibt: Roland Schmid bereiste das ukrainische Awdijiwka 2019, als dort noch Leben existierte.
Als der Fotograf im Jahr 2019 die ukrainische Stadt Awdijiwka besuchte, lebten dort noch gut 30.000 Einwohner. Im Februar 2024 waren es nur noch 900. Roland Schmids Bilder sind das Zeugnis einer Stadt, die nahezu verschwunden ist.

LFI: Ihre Serie handelt von einem Ort, den es genau genommen heute so nicht mehr gibt. Was bedeutet das für Sie als Fotografen?
Roland Schmid: Awdijiwka war 2019 schon fünf Jahre Frontstadt und hatte schon zweimal die Seiten gewechselt. Das sah man der Stadt auch an, überall gab es Schäden. Dennoch war sie noch recht lebendig; es gab ein Kulturleben. Ich konnte Awdijiwka noch mit Menschen dokumentieren und so Zeugnis ablegen. Das ist wichtig, um in Zukunft verstehen zu können, was alles passiert ist.

Was genau wollten Sie festhalten?
Ich war zu einer Zeit dort, als unsere Medien kaum mehr über diesen Konflikt, der 2014 mit der russischen Besetzung der Krim begonnen hatte, berichteten. Inspiriert von Andrij Kurkows Roman Graue Bienen, der vom Leben eines Mannes zwischen den Frontlinien in der Ukraine handelt, begab ich mich auf die Suche nach Menschen, die unter ähnlichen Umständen überlebten. Auf zwei Reisen konnte ich Betroffene treffen und porträtieren sowie Gespräche führen. Meist waren es alte Menschen, die nicht wegkonnten, da sie entweder kein Geld oder niemanden hatten, bei dem sie unterkommen konnten. Andere wollten aus Angst um ihr Eigentum in ihrem Heimatdorf bleiben.

Wie war es für Sie, unter dem Deckmantel des Krieges zu arbeiten? Welche Herausforderungen gab es?
Die Stadt lag einen Kilometer von der Frontlinie entfernt. Tagsüber war es zwar relativ ruhig, aber in der Nacht konnte man Schusswechsel hören. Die größte Herausforderung war es, die nötigen Bewilligungen zu bekommen, um in Frontnähe arbeiten zu dürfen, aber letztlich war das mithilfe meiner lokalen Mitarbeiter kein großes Problem. Die Bevölkerung versuchte, ein möglichst normales Leben zu führen; im Kulturpalast gab es noch vielfältige Aktivitäten, die ich problemlos dokumentieren konnte. Er wirkte von innen wie eine Insel der Glückseligkeit in dieser dystopisch erscheinenden Stadt. Die Menschen suchten dort Ablenkung von ihrem Alltag, mit Gesang oder Volkstanz; auch ein berühmter Boxclub war dort untergebracht. Wenn man am Abend den Kulturpalast verließ, hörte man Gefechtslärm von der nahen Front her. Das war schon sehr bedrückend.

Wie sind Ihre Bilder heute – sechs Jahre später und nach der russischen Invasion – zu betrachten?
Ein Thema, das sich durch einige meiner Arbeiten zieht, ist die Auswirkung der großen Politik auf die kleinen Leute. Unter diesem Aspekt und der Tatsache, wie schnell sich Lebenswirklichkeiten ändern können, ist die Serie zu sehen. Sie ist auch ein Zeugnis einer einst lebendigen Stadt, die heute in Trümmern liegt, stellvertretend für andere Orte, die in sinnlosen Kriegen zerstört werden.
Katja Hübner
ALLE BILDER AUF DIESER SEITE: © Roland Schmid
EQUIPMENT: Leica M (Typ 240), Summicron-M 1:2/35; Leica SL (Typ 601), Summicron-M 1:2/50, Elmarit-M 1:2.8/24 Asph

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Roland Schmids Langzeitprojekt über Osteuropa finden Sie im LFI Magazin 1.2026. Mehr

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Roland Schmid by Helmut Wachter
© Helmut Wachter

1966 in Basel, Schweiz, geboren, studierte er zunächst Slawistik, Kunstgeschichte und Geschichte, bevor er eine Ausbildung zum Fotografen bei Hugo Jaeggi absolvierte. Seitdem arbeitet er als freiberuflicher Fotograf. Er gewann einen 2. Preis beim World Press Photo Award 2021 und mehrere Swiss Press Photo Awards. Seine Arbeiten wurden u. a. beim Tbilisi Photo Festival, in der Nikon Gallery Tokyo und in der Photobastei Zürich gezeigt. Schmid ist Mitglied der Agentur 13Photo in Zürich. Mehr

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