Nachruf: Lisl Steiner

4. Juli 2023

Mit 95 Jahren ist die in Österreich geborene amerikanische Leica-Fotografin am 7. Juni nahe ihrem langjährigen Wahlheimatort Pound Ridge, New York, in einem Krankenhaus verstorben.
Wer sie jemals erleben durfte, wird einen bleibenden Eindruck von ihr behalten haben. Sie war ungewöhnlich in jeder Hinsicht. Unvergesslich ihre Neugier, ihre Zugewandtheit, ihre unglaubliche Fähigkeit, lebendig und unterhaltsam Geschichten zu erzählen und nicht zu vergessen: Ihr stets extravaganter Auftritt in farbenfrohen Roben mit unzählbaren Ringen, Armreifen und Ketten – da verschwand sogar die immer um den Hals getragene Leica. Das ganze Spektrum ihrer Kreativität, vor allem aber ihr vielschichtiges Werk als Bildjournalistin zeigte sie in der 1995 in der Edition Lammerhuber erschienenen und leider längst vergriffenen Monografie Lisl Baby. Hier lassen sich noch einmal die vielen Treffen mit den Berühmten ihrer Zeit finden: Armstrong, Borges, Carter, Casals, Castro, Davis, Eisenhower, Ellington, Gulda, JFK, B. B. King, Martin Luther King, Neruda, Niemeyer, Nixon, Pelé, Warhol – die Liste der prominenten Porträtierten ließe sich beliebig weiterführen. Ihre Aufnahmen waren unkonventionell, so wie sie sich auch den Größen ihrer Zeit näherte.

Sie wurde am 19. November 1927 in Wien geboren. Aufgrund antisemitischer Verfolgung emigrierten die Eltern 1938 mit der Tochter nach Buenos Aires, Argentinien. Nach dem Kunststudium arbeitete sie in der Filmindustrie und war an der Produktion von Dokumentarfilmen beteiligt. Schließlich entdeckte sie die Fotografie. Das Life-Magazin druckte ihre Aufnahmen des argentinischen Präsidenten Pedro Eugenio Aramburu ab – der Beginn ihrer Karriere. 1960 zog sie nach New York. Als Freelancerin arbeitete sie unter anderem für Time, Newsweek, The New York Times, Life und Associated Press. Anfang der 1970er-Jahre zog sie mit ihrem Mann, dem Psychiater Michael Meyer Monchek, nach Pound Ridge, New York, wo sie bis zu ihrem Tod lebte und mit ihren Freundinnen Ingrid Rockefeller und Vivian Winther an einem Dokumentarfilm über ihr Leben arbeitete. Zu ihrer Geburtsstadt Wien pflegte sie enge Verbindungen, so sind ihre Geburtstagsfeiern in der Blauen Bar des Hotels Sacher legendär. Einen Teil ihres künstlerischen und fotografischen Werks hat Steiner der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien übergeben.

Ein Portfolio aus Anlass ihres 90. Geburtstages zeigt die LFI-Ausgabe 8/2017. Die Fotografie stand für Lisl Steiner im Mittelpunkt ihres Lebens, mit ihrer Leica und ihrem Charme hat sie es immer wieder verstanden, spontane ebenso wie sensible Porträts von den Berühmten, manchmal auch von der Berüchtigten der Welt- und Politikgeschichte zu fotografieren. Doch sie nur als erfahrene und weit gereiste Bildjournalistin zu bezeichnen, verstellt den Blick auf die umwerfende, unvergleichliche Persönlichkeit. Als Sammlerin, Zeichnerin, Dichterin, Muse, später YouTube- und Facebook-Star hat sie viele Spuren hinterlassen – umso mehr fehlt sie nun.
Ulrich Rüter
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