Essay über Flug und Apnoe
Essay über Flug und Apnoe
Maria Oliveira
31. Januar 2025
LFI: Woher stammt der Titel Ihres Fotoprojekts – und worum geht es darin?
Maria Oliveira: Der Titel stammt aus einem Text, den ich während der Arbeit an dieser Serie geschrieben habe. Ich fand, dass er gut zu den Bildern passte. Er ist abstrakt und poetisch und steht im Zusammenhang mit der Idee des Fliegens und Tauchens, in der dieses Werk symbolisch verankert ist.
Sie nennen es ein Essay. Mit welchem Thema beschäftigen Sie sich genau – und setzen Sie sich kritisch damit auseinander?
Nein, das ist nicht meine Absicht. Ich habe mir den Titel auf Portugiesisch überlegt und bei der Übersetzung ins Englische das Wort „Essay“ gewählt. Die Abfolge der Wörter und wie sie bei der Aussprache miteinander verbunden werden klingt für mich interessanter. Es war eher ein choreografischer Grund. Die Bedeutung hat nichts mit Kritik zu tun, sondern mit der Idee eines Versuchs, einer Probe – von etwas, das wir wiederholen können oder auch nicht, etwas, das wir noch einmal versuchen. Wie zum Beispiel das Vorbereiten eines Tanzes.
Welche Funktion hat die Natur in Ihrem Projekt und wie gehen Sie mit der Natur in Verbindung mit Menschen um?
Das Werk wurde in der Stadt Braga in Portugal im Rahmen einer Künstlerresidenz für das Encontros da Imagem Festival entwickelt. Braga hat nicht viele Grünflächen, aber da ich mit einer Erinnerung arbeitete, also an etwas Unfassbarem, Abstraktem und Ätherischem, suchte ich nach Räumen mit weniger menschlicher Präsenz. Die Natur diente mir auf gewisse Weise als Vehikel um etwas Universelleres zu greifen – etwas, das sich mit Menschen beschäftigt, aber auch über sie hinausgeht. Ich wollte einen Ort der Abwesenheit, des Zweifels finden. Es war wichtig, Raum zu schaffen. Also arbeitete ich hauptsächlich um das Zentrum herum und weniger in angelegten Räumen. Die Natur gibt uns ein genaueres Bewusstsein dafür, wer wir sind und wo wir in der universellen Ordnung der Dinge stehen. Ich denke, sie zeigt uns unsere Menschlichkeit auf eine ehrlichere und ungekünsteltere Art. Für mich ist es wichtig, aus dieser Sicht über uns selbst nachzudenken.
Wie finden/suchen Sie Ihre Motive und wie entscheiden Sie, ob Sie sie festhalten?
In diesem speziellen Fall kannte ich die Stadt bereits, da ich 13 Jahre dort lebte. Mit diesem Wissen und da ich am Thema Erinnerung arbeitete, besuchte ich die Orte, die in jener Zeit Teil meines Lebens waren. Ich besuchte außerdem Orte, von denen ich annahm, dass sie mich interessieren würden, wenn ich jetzt, 20 Jahre später, dort leben würde. Ich glaube, ich bewegte mich zwischen Erinnerungen an ein vergangenes Leben und den Möglichkeiten und Hypothesen von etwas Neuem. Ich habe keine klare Vorstellung davon, was ich zum Fotografieren auswähle, aber ich versuche, den Vorgang intuitiv zu gestalten. Die Dinge fügen sich zusammen, ein Ort führt zum nächsten und das Werk entwickelt ein Eigenleben. Ich versuche immer, den Akt des Fotografierens als Akt des Loslassens zu begreifen.
Was ist Ihr fotografischer Ansatz; worauf legen Sie besonderen Wert?
Das hängt vom Projekt ab, davon, woran ich gerade arbeite. Aber ich mag es, wenn sich die Dinge verbinden – wenn sie das kommunizieren, was meinen Körper umgibt, die Landschaft und das, was in meinem Kopf vorgeht. Was ich sehe, was dies in mir auslöst und was ich mir vorstelle. Irgendwie glaube ich, dass ich immer nach einer Art Spiel suche. Ein Spiel, bei dem ich darauf achte, welche Elemente vorhanden sind, wie sie zueinander stehen, Schichten erschaffe oder den Kontext auflöse. Und es ist auch wichtig, Freude daran zu haben. Der Prozess muss ein gewisses Staunen beinhalten.
Sie fotografieren sowohl in Farbe als auch in Schwarzweiß; wie entscheiden Sie das?
Das ist einfach. Einige Bilder sehe ich in Schwarzweiß, andere in Farbe. Ich denke nicht über Gründe dafür nach.
Wie sieht Ihr fotografischer Prozess eigentlich aus?
Ich glaube nicht, dass ich wirklich eine Methode habe, aber es gibt etwas, das sich in diesem Prozess wiederholt. Das Gehen – der Akt des Gehens interessiert mich sehr; er hat einen gewissen meditativen und reinigenden Charakter. Ich bin auch daran interessiert, den ganzen Körper einzubeziehen, damit der Kopf nicht zu dominant wird und ich den rationalen Teil nicht zu stark betone. Auch das Schreiben ist immer Teil des Prozesses. Es hilft mir, Dinge zu verarbeiten und nachzudenken. Und es begleitet mich auf dem Weg.
Welche Erfahrungen haben Sie mit der Leica-Kamera gemacht; wie hat sie sich für das Projekt bewährt?
Die Erfahrung war sehr positiv, vor allem, weil sie auf eine sehr intuitive Weise funktioniert, was mir wichtig ist. Aufgrund ihrer Eigenschaften, ihres Gewichts usw. ermöglichte sie mir außerdem mehr Freiheit im Prozess.
Was erzählen uns Ihre Bilder über das Leben?
Das ist eine schwere Frage. Ich weiß nicht, wie meine Bilder vom Leben erzählen, ich habe keine so hohen Erwartungen an sie. Sie wurden von einem Lebewesen gemacht; so betrachtet sagen sie vielleicht etwas über das Leben aus.
Maria Oliveira+-
Geboren und aufgewachsen in Ponte de Lima, lebt die Fotografin aktuell in Porto, Portugal. Mit ihrer Fotografie arbeitet Oliveira an „Nabel-Orten“ – Orten, die eine physische und mentale Verbindung symbolisieren. Sie interessiert sich für deren Wandel, die enge Beziehung zwischen Menschen und der noch verbleibenden Natur, welche Menschen, Tiere, die Zyklen der Jahreszeiten umfasst und zeigt, wie alles miteinander kommuniziert, verbunden ist und zusammen existiert. Seit 2011 stellt sie regelmäßig in Portugal und im Ausland aus. 2024 wurde sie für die Portuguese Emerging Art 2024 und den Feature Shoot Emerging Photography Award 2024 ausgewählt und war Teil einer Gruppenausstellung in der Clamp Gallery, NY. Ihr Projekt Bone Foam wurde für eine Ausstellung in der Galerie Huit in Arles ausgewählt. Mehr