Dans le creux

Lys Arango

6. Juni 2025

Die spanische Fotografin befasst sich seit Jahren mit humanitären Problemen und sozialen Krisen. Ihr Projekt Dans le creux beleuchtet Hunger und Ernährungsunsicherheit – aus einer nahbaren, verletzlichen und doch subtilen Perspektive, die gesellschaftliche Missstände glasklar abbildet. So, wie die Menschen sie fühlen. 
LFI: Was hat Sie dazu inspiriert, dieses Projekt zu starten?
Lys Arango: Seit 2019 arbeite ich an einem Langzeitprojekt über den Welthunger. Nachdem ich für die Presse und humanitäre Organisationen über Lebensmittelkrisen in mehr als 20 Ländern berichtet hatte, wurde mir klar, dass ich mich dem Thema auf eine tiefere und persönlichere Weise nähern muss.

Als die Pandemie ausbrach, gefolgt vom Krieg in der Ukraine und der Energiekrise, sah ich, wie sich der Hunger in Europa, einschließlich Frankreich, stillschweigend ausbreitete. Ich wollte mich mit diesem Widerspruch auseinandersetzen: Wie ist es möglich, dass Millionen von Menschen in einer der größten Agrarmächte der Welt keine Ressourcen zur Ernährung haben? So entstand Dans le creux – ein Kapitel meines globalen Projekts, das sich mit dem Hunger in den Industrienationen befasst.

Inwiefern spiegelt der Titel Dans le creux die Essenz des Projekts wider?
Im Französischen kann Dans le creux sowohl eine physische als auch eine emotionale Leere ausdrücken. Es spricht von Leere – eines Magens, eines Kühlschranks oder eines Moments im Leben. Es suggeriert Zerbrechlichkeit, ein Innehalten oder einen Ort, an dem man auf Veränderung wartet.

Die Menschen, die ich getroffen habe, befanden sich oft in einem Übergangszustand ihres Lebens, am Rande der Gesellschaft. Der Titel umgeht die Sensationslust. Denn der Hunger in Frankreich ist diskret, oft unsichtbar. Ich wollte, dass der Titel diese Subtilität widerspiegelt.

Was war Ihr fotografischer Ansatz zum Thema Hunger und Ernährungsunsicherheit?
Meine Absicht war es, von stereotypen Bildern der Armut wegzukommen. Ich arbeitete langsam, verbrachte Zeit mit den Menschen, die ich fotografierte, hörte mir ihre Geschichten an und kehrte Woche für Woche zurück. Ich wollte Porträts und Bilder schaffen, die die Würde und Komplexität der Menschen respektieren.

Die Serie besteht aus stillen Momenten – Warten, Gesten, Schweigen –, die vom täglichen Leben unter Druck erzählen. Ich habe mich von der Idee leiten lassen, ohne jemanden bloßzustellen oder auf seine Verletzlichkeit zu reduzieren.

Was war die größte Herausforderung, der Sie sich bei diesem Projekt stellen mussten?
Die größte Herausforderung war der Umgang mit der Unsichtbarkeit des Hungers in Frankreich. Hunger schreit nicht, Hunger flüstert. Im Gegensatz zu humanitären Kontexten mit sichtbaren Krisen sind die Anzeichen hier subtiler: ausgelassene Mahlzeiten, leere Kühlschränke, lange Wartezeiten auf Nahrungsmittelhilfe.
Es bedurfte einer langsamen, geduldigen Annäherung, um zu verstehen, was vor sich geht, und auch, um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Denn zunächst waren viele überrascht, dass sich jemand die Zeit nimmt, ihnen zuzuhören. Einige sagten mir, dass sie sich zum ersten Mal „gesehen“ fühlten – nicht nur als jemand in Not, sondern als Mensch mit einer Geschichte. Das bedeutete mir sehr viel.

Wie hat die Leica M10 Ihre Arbeit unterstützt?
Sie ermöglicht es mir, langsam und gezielt zu arbeiten, was bei sensiblen Themen wie Ernährungsunsicherheit unerlässlich ist. Ihre diskrete Präsenz trägt dazu bei, ein Gefühl des Vertrauens und der Intimität zu schaffen, das es mir ermöglicht, nah dran zu sein, ohne Aufdringlichkeit. Die M10 gibt mir den Raum, zu beobachten, zu warten und präsent zu bleiben. Dieser Rhythmus passt zu meiner Art zu arbeiten – ruhig, geduldig und aufmerksam.
Eliza Trapp
ALLE BILDER AUF DIESER SEITE: © Lys Arango
EQUIPMENT: Leica M10, Summicron-M 1:2/35 Asph, Summarit-M 1:2.4/50

Lys Arango+-

© Lina Maldonado Kopie
© Lina Maldonado

...ist eine spanische Fotografin und Autorin. Sie lebt meistens dort, wo sie arbeitet, ist aber derzeit in Paris ansässig. Sie hat einen Abschluss in Internationalen Beziehungen und einen Master in Journalismus. Zwischen 2016 und 2019 arbeitete sie in 17 Ländern, die von schweren Lebensmittelkrisen betroffen waren. Jetzt geht sie humanitäre Themen aus einem fotografischen Blickwinkel an und erforscht, wie sie in historischen und kulturellen Kontexten zusammenlaufen. Mehr

1/10
1/10

Dans le creux

Lys Arango