Do Not Call Me a Victim

John T. Pedersen

22. August 2025

Säureangriffe häuften sich in Uganda – die Aufmerksamkeit und Aufarbeitung ihrer Folgen blieben jedoch weitgehend aus, sagt der Fotograf John T. Pedersen, der die Überlebende Gloria Kankunda traf. Das Projekt Do Not Call Me a Victim gibt den groben Statistiken und der Dunkelziffer ein menschliches Gesicht – mit einer Stimme, die sagt: „Ich bin kein Opfer.“
Am Abend des 21. Mai 2009 verändert sich Gloria Kankundas Leben drastisch. In dieser Nacht wird sie von einer unbekannten Person in Kampala, Uganda, direkt vor ihrem Wohnhaus mit Säure angegriffen. Stechender, brennender Schmerz überzieht augenblicklich ihre Haut. Sie möchte schreien, doch der Schock und das Adrenalin lassen sie verstummen. Im Krankenhaus in Kampala wird sie von medizinischem Personal mit eiskaltem Wasser übergossen, im Versuch, die körperlichen Schäden so gering wie möglich zu halten. Kankunda hat derweil nur einen Gedanken: ihren einjährigen Sohn und das ungeborene Baby. Sie überlebt den Angriff – doch als sie nach einigen Tagen das erste Mal in den Spiegel schaut, fühlt sie sich nicht lebendig. Nach der Notfallversorgung folgen zwei Jahre medizinische Behandlung in Südafrika und der schwere Kampf, nicht in eine Depression zu versinken. Sie findet den Weg zurück ins Leben. „Die Narben sind nun ein Teil von mir“, sagt Kankunda.

Säureangriffe sind weltweit verbreitet. Neben Uganda wurden vor allem in Pakistan, Indien und Großbritannien besonders viele Fälle gemeldet. Die Substanz, zumeist Schwefel- oder Salpetersäure, ist in Uganda für umgerechnet einen Dollar käuflich zu erwerben – kaum teurer als eine Flasche Wasser. Schätzungsweise 90 Prozent der Opfer sind weiblich. Globale Statistiken gibt es aufgrund einer hoch geschätzten Dunkelziffer nicht. Häufigste Motive seien Gewalt in der Partnerschaft, geplante Femizide oder Rache. Überlebende benötigen langfristige medizinische Behandlung, plastische Chirurgie und psychologische Unterstützung. Viele sind zudem mit sozialer Stigmatisierung und Isolation konfrontiert. In jedem Fall bleiben die Narben und das Trauma. Der Fotograf John T. Pedersen erzählt Kankundas Geschichte im Interview:

LFI: Wie kam es zu dem Projekt?
John T. Pedersen: Ich war bereits mehrfach in Afrika und Uganda unterwegs, sowohl für berufliche als auch persönliche Projekte. Auf einer meiner Reisen stieß ich auf das Thema Säureangriffe. Ich lernte Gloria kennen. Im Laufe der Zeit wurde mir schnell klar, dass Säuregewalt in Uganda ein viel größeres und komplexeres Problem ist, als ich zunächst angenommen hatte. So plante ich eine umfassende und tiefgründige Reportage statt einer oberflächlichen fotografischen Dokumentation.

Im Sommer 2021 kontaktierte ich den Reporter Tommy Halvorsen für eine intensivere Aufarbeitung, und es ergab sich schnell eine Zusammenarbeit. Das Projekt startete später als geplant, da die fotografische Arbeit in Uganda durch die Covid-Pandemie und Ausgangssperren nach drei Selbstmordanschlägen in Kampala erschwert wurde.

Wie haben Sie sich fotografisch und menschlich dem Thema genähert?
Als Fotograf ist es für mich oberstes Gebot, Respekt zu zeigen. Mein wichtigstes Werkzeug ist nicht die Kamera, sondern meine Stimme. Fotografie beginnt lange, bevor ich den Auslöser drücke. Ich starte meine Projekte mit echten Gesprächen, aufmerksamem Zuhören und dem Aufbau von Vertrauen. Vor allem geht es darum, Mensch zu sein, bevor man Fotograf ist. Wenn wir aufhören, menschliche Geschichten zu dokumentieren, hören wir auf, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist.

Ich möchte die Lebensrealität verschiedener Menschen verstehen und ihre Gefühle und Eindrücke für andere zugänglich machen. Vor Ort zu sein, ohne einzugreifen, ist für mich wichtig. Ich halte mich bewusst zurück und beobachte diskret. So entdecke ich Momente, die sonst unbemerkt blieben. Mein Ziel ist es, den Menschen zu zeigen, was in der Welt passiert als jemand, der vor Ort war und das Gewicht der erzählten Geschichten gespürt hat. Die Leica M10-R hat mich bei diesem Vorhaben unterstützt, denn durch den dezenten Auslöser konnte ich diskret arbeiten und ein sicheres, intimes Umfeld für Gloria schaffen.

Wie hat Gloria auf das Projekt reagiert – während des Prozesses und nach dem Betrachten der finalen Bilder?
Gloria ist dem Projekt mit Mut und Wärme begegnet. Sie verstand den Wert, Fotografie zu nutzen, um auf Säuregewalt in Uganda aufmerksam zu machen. Als sie die fertigen Bilder sah, zeigte sie Stolz – nicht nur auf ihre eigene Stärke, sondern darauf, dass diese Fotos ein Bewusstsein schaffen und anderen helfen können. Bilder können Empathie hervorrufen, Gespräche über unangenehme Themen anregen und manchmal sogar politische Veränderungen bewirken. Gloria lehnt das Etikett „Opfer“ ab, sie sagt: „Ich bin kein Opfer. Ich bin eine Überlebende.“
Eliza Trapp
ALLE BILDER AUF DIESER SEITE: © John T. Pedersen
EQUIPMENT: Leica M10-R, Super-Elmar-M 1:3.8/18 Asph, Summilux-M 1:1.4/50 Asph, Summicron-M 1:2/28 Asph

John T. Pedersen+-

John T. Pedersen (1966) ist ein unabhängiger Fotojournalist mit Sitz in Norwegen und legt seinen Schwerpunkt insbesondere auf humanitäre Themen. Er hat über 35 Jahre lang für zahlreiche Zeitungen, Fachzeitschriften, Magazine und Agenturen gearbeitet, mit einem starken Fokus auf Konflikte, Migration und soziale Gerechtigkeit während meiner gesamten Karriere. Derzeit arbeitet er als freier Mitarbeiter für die nationale Zeitung Dagbladet. Mehr

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