In Kurdistan

Jeanne Taris

14. April 2026

Die französische Fotografin reiste zwischen November 2021 und Januar 2022 in die Türkei, um die Gemeinschaft der Kurden zu porträtieren.
Neben ihrem Langzeitprojekt über die Gitans in Frankreich ist die französische Fotografin in den Alltag kurdischer Familien in der Türkei eingetaucht. Das kurdische Siedlungsgebiet, oft als Kurdistan bezeichnet, erstreckt sich über die vier Staaten Türkei, Irak, Iran und Syrien. In dem mehr als 500.000 Quadratkilometer großen Gebiet leben geschätzt 42 bis 48 Millionen Kurden, die damit das größte staatenlose Volk bilden. Taris hielt sich drei Monate im Süden und Südosten des Landes auf und ließ ich dabei von ihrer Intuition leiten.

Hier berichtet sie von ihren Erfahrungen vor Ort und welche Unterschiede sie zwischen den Gesellschaften der Kurden und der Gitans wahrgenommen hat.

LFI: Woher stammt die Idee für Ihr Langzeitprojekt Kurdes? Haben Sie eine besondere Verbindung zu den Menschen dort? Wie haben Sie Kontakt zu den Familien aufgebaut?
Jeanne Taris: Das Projekt entstand aus meiner Neugier und meinem Wunsch, die kurdischen Regionen im Osten und Südosten der Türkei zu bereisen. Außerdem hoffte ich, nomadische Familien zu treffen. Während meiner Reise, insbesondere in abgelegenen Gebieten rund um Taşköy in der Provinz Mardin, stieß ich auf provisorische Lager nomadischer kurdischer Hirtenfamilien, die bei ihren Herden in Zelten leben. Im Laufe meiner Reise führten mich diese Begegnungen nach und nach in die Häuser der Menschen und in ihren Alltag. Viele Familien nahmen mich sehr großzügig auf, selbst mit Sprachbarriere. Durch die gemeinsame Zeit entwickelte sich ganz natürlich Vertrauen.

Die Kurden leben in verschiedenen Ländern. Wo haben Sie Ihre Fotoserie aufgenommen?
Während einer dreimonatigen Reise durch den Osten und Südosten der Türkei von 2021 bis 2022. Ich kam in Istanbul an und flog nach Van, dann reiste ich durch die Region um den Ararat und Kars entlang der iranischen und armenischen Grenze. Von dort aus ging es weiter nach Süden durch Diyarbakır, Şanlıurfa, Batman und Mardin, entlang der syrischen und der irakischen Grenze.

Sie sind seit Jahren tief in die Kultur der Gitans eingetaucht. Was ist Ihnen speziell an der kurdischen Gesellschaft aufgefallen, was sind die Besonderheiten ihrer Kultur?
Meine Arbeit mit den Gitans hat sich über mehr als zehn Jahre hinweg entwickelt, wobei sehr tiefe persönliche Beziehungen entstanden sind. In der Türkei war das anders, da es sich eher um eine Reise durch eine Region handelte als um ein langes Eintauchen in eine einzelne Gemeinschaft. Was mich am meisten beeindruckt hat, war die Stärke der familiären Bindungen und die Großzügigkeit, mit der mich die Menschen in ihren Häusern willkommen geheißen haben. Trotz der politischen Spannungen in der Region spürte ich oft ein starkes Gefühl von Würde, Gastfreundschaft und Verbundenheit mit den Familien und Traditionen.

Worauf haben Sie sich in der Türkei beim Fotografieren konzentriert?
Ich habe viel Zeit auf der Straße verbracht. Ich mietete ein Auto und fuhr durch Dörfer und abgelegene Gegenden, oft auf kleinen Straßen. So konnte ich die Landschaften und die Atmosphäre der Region aufnehmen. Manchmal führte mich der Zufall zu unerwarteten Begegnungen – zum Beispiel betrat ich einmal eine Schule in der Nähe des Ararats, wo alle Kinder blaue Uniformen trugen. Auch ohne dieselbe Sprache zu sprechen, war die gemeinsame Zeit mit den Kindern und den Lehrern ein ganz besonderer Moment. Ich habe mich hauptsächlich auf den Alltag und die Atmosphäre in den Orten konzentriert.

Bleiben Sie mit den Leuten in Verbindung, nachdem Sie abgereist sind?
Normalerweise versuche ich, den Kontakt zu den Menschen, die ich fotografiere, aufrechtzuerhalten. In diesem Fall war das schwieriger, aber mit einigen bin ich in Verbindung geblieben. Ich würde wirklich gern bald in diese Regionen zurückkehren und diejenigen, die ich fotografiert habe, wiedertreffen, um zu sehen, wie sich ihr Leben weiterentwickelt hat.
Carla Susanne Erdmann
ALLE BILDER AUF DIESER SEITE: © Jeanne Taris
EQUIPMENT: Leica Q3, Q2, Q mit Summilux 1:1.7/28 Asph, M11, M (Typ 240), M6, Summicron-M 1:2/35 Asph, Summilux-M 1:1.4/35 Asph

LFI 3.2026+-

Entdecken Sie Taris’ Portfolio über Gitans-Gemeinschaften und ihre Pilgerreise nach Saintes-Maries-de-la-Mer im LFI Magazin 3.2026. Mehr

Jeanne Taris+-

TARIS_JEANNE_--16-_L1420063-Modifier_Gitans_Perpignan_Ret_M_09_2016_v01_web
© Renaud Menoud

Die vierfache Mutter begann als 17-Jährige zu fotografieren, zeigte ihre Bilder aber niemandem. Taris hielt sich nicht für talentiert genug für eine fotografische Ausbildung. Bei einem Leica-Workshop stieß sie auf einen Fotografen, der sie ermutigte ihre Arbeit zu zeigen. Es folgten Veröffentlichungen u. a. in Polka und Vice. 2018 gewann sie den Leica Gallery International Portfolio Award beim Festival Voies Off in Arles. Mehr

1/12
1/12

In Kurdistan

Jeanne Taris