Leben durch die Linse
Leben durch die Linse
Hubertus Hierl
29. Juli 2025
„Der 1. Arbeiter- und Bauernstaat …“ (1960)
„April 1960: Berlinfahrt der 8. Klassen des Neuen Gymnasiums Regensburg, ein Jahr vor dem Mauerbau. Am DDR-Grenzbahnhof Probstzella hält unser Zug vor einer riesigen Tafel: ‚Es lebe die Deutsche Demokratische Republik – der 1. Arbeiter- und Bauernstaat in der Geschichte Deutschlands.‘ Zwei Grenzpolizisten kommen des Weges. Ich drücke den Auslöser meiner Leica – einer bemerkt es. Alarm! Hektik im Wagen, ich werde herausgegriffen, der Film gefordert. Vor aller Augen wird er zerstört. Erleichterung bei Lehrern und Grenzern – der ‚Zwischenfall‘ sei beigelegt. Doch: Ich hatte zwei Kameras. Der konfiszierte Film war leer und das Bild gerettet. So konnte ich das Foto von meiner ersten Begegnung mit dem ‚Arbeiter- und Bauernstaat‘ getrost nach Hause tragen. Gleichsam als Lohn für meine ‚Tapferkeit‘ wurde das Bild später sogar in etlichen Zeitungen und Zeitschriften publiziert.“
Auch Hubertus Hierl reichte zahlreiche Beiträge ein. Sie fanden zwar leider keinen Platz im Buch, doch gerade deshalb widmen wir ihnen dieses Online-Special – als Hommage an einen Fotografen, der mit seiner Leica-Kamera mehrere Jahrzehnte Zeitgeschichte dokumentiert hat und dabei Abenteuer erlebte, die nur das Leben schreiben kann. Vom legendären Pariser Café de Flore über die Schwabinger 7 in München bis hin zu einem brisanten Zwischenfall an der DDR-Grenze – hier erzählt er von seinen denkwürdigsten Begegnungen.
100 Leica Stories+-
100 Jahre Leica Fotografie, unzählige spannende Geschichten: Von kuriosen Fundstücken und technischen Meilensteinen über packende Anekdoten bis hin zu legendären Bildern – informativ, überraschend, bewegend und authentisch fängt dieses Buch die Essenz der Leica Fotografie ein. Mehr
Hubertus Hierl+-
Geboren 1940 in Regensburg, studierte er zunächst Lehramt in Regensburg und München und gründete später einen AV-Medienverlag für den Bildungsbereich. Seit seinem 14. Lebensjahr beschäftigt er sich mit der Fotografie, wobei sein Hauptinteresse der Life-Fotografie gilt. Als Vorbilder dienten ihm Fotografen wie Henri Cartier-Bresson und Marc Riboud, deren Arbeiten er in der Zeitschrift Leica Fotografie entdeckte. Bei „Jugend fotografiert“ auf der Photokina in Köln wurde er mehrfach ausgezeichnet. Damals wie heute stehen Menschen im Mittelpunkt seiner Arbeit, heute vor allem Künstlerpersönlichkeiten. Er arbeitet hauptsächlich mit Leica-Kameras und entwickelt seine Bilder im eigenen Labor. Mehr
„Der 1. Arbeiter- und Bauernstaat …“ (1960)
„April 1960: Berlinfahrt der 8. Klassen des Neuen Gymnasiums Regensburg, ein Jahr vor dem Mauerbau. Am DDR-Grenzbahnhof Probstzella hält unser Zug vor einer riesigen Tafel: ‚Es lebe die Deutsche Demokratische Republik – der 1. Arbeiter- und Bauernstaat in der Geschichte Deutschlands.‘ Zwei Grenzpolizisten kommen des Weges. Ich drücke den Auslöser meiner Leica – einer bemerkt es. Alarm! Hektik im Wagen, ich werde herausgegriffen, der Film gefordert. Vor aller Augen wird er zerstört. Erleichterung bei Lehrern und Grenzern – der ‚Zwischenfall‘ sei beigelegt. Doch: Ich hatte zwei Kameras. Der konfiszierte Film war leer und das Bild gerettet. So konnte ich das Foto von meiner ersten Begegnung mit dem ‚Arbeiter- und Bauernstaat‘ getrost nach Hause tragen. Gleichsam als Lohn für meine ‚Tapferkeit‘ wurde das Bild später sogar in etlichen Zeitungen und Zeitschriften publiziert.“
In der Schwabinger 7 (1962)
„Fasching 1962 in München, spät nachts in der legendären Schwabinger 7. Der kleine, verrauchte Raum – schwarzgraue Wände, Kerzenlicht in Whiskyflaschen – ist überfüllt. An der Bar entdecke ich ein junges blondes Barmädchen mit Strohhut und Zigarette – vermutlich eine Studentin. Sie ist mit dem Foto einverstanden. Bei Kerzenschein, mit lichtstarkem Objektiv an meiner Leica, drücke ich ab. Die Schwabinger 7 war Kult: Hardy Krüger, Fassbinder, Uschi Obermaier – alle waren da. 2011 endete ihre Ära, Bagger machten Platz für Luxuswohnungen. Doch die Geschichte geht weiter: Beim Aushub wird eine Weltkriegsbombe entdeckt. Sie lässt sich nicht entschärfen – nur sprengen. Das Viertel wird evakuiert. Die Explosion richtet enormen Schaden an. ‚Die Rache der Schwabinger 7‘ wird zum geflügelten Wort.“
In tiefster Erinnerung (1967)
„Er gilt als der berühmteste Pantomime des 20. Jahrhunderts: Marcel Marceau – ein Genie der ‚Kunst der Stille‘, das die Seele berühren wollte. 1967 rief mich eine Zeitung an – ich solle Marceau in Regensburg fotografieren. Ich wollte seine Verwandlung in ‚Bip‘ festhalten, doch Marceau lehnte freundlich, aber bestimmt ab. Während der Pause dürfe ich auf die Bühne für ein paar Fotos. ‚Drei Minuten‘, sagte er – und zeigte mir im Eiltempo Szenen aus seinem Repertoire. Mit zwei Leicas machte ich rund 50 Aufnahmen. Er war überrascht vom Tempo – alles ohne Motorbetrieb. 2005 treffe ich ihn wieder in München. Seine nun 83 Jahre merkt man ihm nicht an. Nach der Vorstellung zeige ich ihm meine Bilder von damals. Eines berührt ihn besonders. Er schreibt mir darauf: ‚Für Hubertus Hierl in tiefster Erinnerung. Ihr Monsieur Bip Marcel Marceau, 2005!‘“
Und immer lockt Saint-Tropez (1966)
„August 1966, Südfrankreich: Ich bin als freier Fotograf an der Côte d’Azur unterwegs, um das bunte Treiben der Jugend festzuhalten – mitten im Kalten Krieg, vor Farbfernsehen und PCs. Saint-Tropez ist schon damals Synonym für Glamour: schöne Menschen, schöne Autos, schönes Leben. Die Jugend trifft sich, um ungezwungene Tage zu verbringen. Nachmittags wird der Hafen zur Bühne für Jongleure, Musiker und Freigeister. Dort treffe ich junge Leute, die Gitarre spielend am Kai entlangziehen. Sie: ganz Brigitte Bardot, er: ganz Gunter Sachs – weiße Jeans, offenes Streifenhemd, die Frisur ganz wie sein Idol. Der Mythos Saint-Tropez ist ungebrochen. Fast 60 Jahre sind seit der Entstehung der Aufnahme vergangen. Heute sind diese Leute im Rentenalter. C’est la vie.“
Eva & Adele (2004)
„Art Cologne – das Mekka moderner Kunst. Hier treffe ich Eva & Adele, ein exzentrisches Künstlerduo mit kahlgeschorenen Köpfen, adretten Blusen, kurzen Faltenröcken und hohen Schuhen. Das Foto entsteht, als sie sich auf eine Bank setzen und die großformatigen Exponate betrachten. Noch ganz vertieft in die Betrachtung, bemerken sie nicht, wie ich den Auslöser meiner Leica. Wer sind Eva & Adele? Sie sehen sich selbst als lebendiges Kunstwerk und geben in ihrer Biografie nur Maße an – wie bei einem Ausstellungsstück: Körpergröße, Oberweite, Taille, Hüfte.“
Ein Café in Saint-Germain-des-Prés (1964)
„Paris 1964, Quartier Latin. Im Café de Flore hoffe ich, Juliette Gréco, Sartre oder de Beauvoir zu treffen. Ich bestelle einen Kaffee – damals dort noch bezahlbar – und warte. Vergebens. Als ich das Flore im Dunkeln verlasse, werfe ich einen letzten Blick durchs Fenster – und entdecke nicht Gréco, aber eine typische Existenzialistin: lange, schwarze, glatte Haare, Rollkragenpullover, schwarze Hose, schwarzer Mantel, Zigarette, blasses Gesicht mit sanftem Lächeln. Ich warte den richtigen Moment ab – und drücke den Auslöser meiner Leica.“
Porträt Pablo Picasso (7.8.1966)
„Sommer 1966, Südfrankreich. Ich bin für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften unterwegs an der Côte d’Azur, um das Treiben der jungen Leute mit der Kamera festzuhalten. Ich befinde mich in der Nähe von Cannes. Plakate kündigen für Sonntag, den 7. August, einen Stierkampf im nahen Fréjus an. Ich fahre hin. Was folgt, ist eine Verkettung glücklicher Umstände: Der Kartenverkäufer händigt mir beim Anblick meiner beiden Leica M3 sogleich eine Pressekarte aus. Beim Gang um das Oval der Arena entdecke ich plötzlich Pablo Picasso mit seiner jungen Frau Jacqueline unter den Zuschauern. Ich gebe Picasso zu verstehen, dass ich gern ein paar Fotos machen will. Picasso ist bester Laune. Er nickt mir freundlich zu und gibt mir zu verstehen, dass er nichts dagegen hat. Es bleibt nicht bei einigen wenigen Fotos! Die Szenerie ist zu dramatisch. Entstanden ist mit über 100 Fotos die letzte Dokumentation Picassos in der Öffentlichkeit. Das Porträtfoto ging zum 85. Geburtstag Picassos (25.10.1966) um die Welt. Von den vielen Zuschriften, die mich erreichten, war die bewegendste die des Kunsthistorikers Carl Georg Heise: ‚Sie haben da etwas Merkwürdiges eingefangen: das Alter, in dem so ein großes Leben zu seiner eigenen Legende wird – mit Kraft, verschwiegenem Wissen und Abschiedstrauer.‘“