Stadtorganismus

Gregorio Díaz

26. Dezember 2025

Der kolumbianische Fotograf zeigt seinen Blick auf Bogotá, einen pulsierenden Raum im ständigen Wandel, und nutzt seine Kamera dabei als Instrument der inneren und äußeren Erkundung.
In Bogotá, seiner Heimatstadt, findet Gregorio Díaz seine Motive auf der Straße. Seine Arbeit erzählt von einem lebendigen urbanen Organismus – aber auch von der eigenen künstlerischen Suche, die immer wieder neue Perspektiven hervorbringt. So zeichnet er mit seinen präzise komponierten Aufnahmen ein Bild der Hauptstadt, das gängige Vorstellungen herausfordert und durch das raffinierte Spiel mit Licht und Schatten die Gegensätze der Millionenmetropole hervorhebt.

LFI: Was ist für Sie typisch für Bogotá?
Gregorio Díaz: Bogotá ist für seine starken Kontraste bekannt. Diese stehen in Spannung zueinander und formen die urbane Identität der Stadt.

Wie prägen diese Kontraste unter den neun Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern den Alltag in der Stadt?Bogotás komplexe soziale Zusammensetzung zeigt sich besonders im öffentlichen Raum. Die Stadt ist stark von Migrationsprozessen geprägt, und große Ungleichheit führt zu Spannungen, die den Rhythmus des Lebens auf den Straßen sowie die Bewegungen und Interaktionen der Menschen prägen. Doch trotz ihrer rauen Seiten findet man dennoch Zärtlichkeit und kulturelle Feinheiten, die diese Stadt so lebendig machen. Der stetige Wandel vermittelt manchmal das Gefühl, dass Bogotá nie stillsteht und sich immer im Umbau befindet.

Welche Aspekte des alltäglichen Lebens finden Sie am spannendsten zu beobachten?
Zum Beispiel, wie Menschen Fassaden gestalten oder Straßenverkäuferinnen und -verkäufer ihre Waren in bunten Arrangements anordnen. Die Bewohnerinnen und Bewohner machen sich die Stadt zu eigen, und das macht auch den städtischen Raum alles andere als neutral. Ich liebe es zu beobachten, wie das Leben auf den Straßen früh morgens erwacht und die Stadt allmählich zum Leben kommt.

Wie finden Sie an einem Ort, den Sie seit so vielen Jahren kennen, immer wieder neue Inspiration?
Ich finde Inspiration, wenn ich neue Kunst, Filme oder Fotografinnen und Fotografen entdecke, die mich bewegen und meine Sichtweise verändern. Diese Entdeckungen wecken meine Neugier und ermöglichen es mir, die altbekannten Straßen mit anderen Augen zu sehen. Ich versuche auch, mein Archiv immer mal wieder zu durchforsten und nach den weniger offensichtlichen Bildern zu suchen. Also nach jenen, die ich zunächst übersehen habe. Oft bin ich überrascht von alten Mustern und Fixierungen, die mich dann dazu auffordern, mich von Neuem mit meiner Arbeit auseinanderzusetzen.

Was versuchen Sie, mit Ihren Bildern einzufangen oder zu vermitteln?
Ein Gefühl für Zeit und Ort, sowie eine emotionale und poetische Reaktion auf die Realität und den Alltag.
 
Können Sie uns mehr über Ihren Arbeitsprozess erzählen?
Ich lasse mich von der Straße überraschen und begeistern. Für mich begann das Fotografieren als ein kreatives Bedürfnis. Ich wollte Bilder schaffen, und der einfachste Weg war, das Leben in meiner Stadt zu dokumentieren. Schließlich wurde das Fotografieren immer mehr zu einer therapeutischen Handlung, bei der ich versuche, meine Umgebung und die Realität besser zu verstehen. In meiner Arbeit gibt es deswegen auch einen ständigen Wechsel zwischen Dokumentation und Abstraktion.

Welche Rolle spielen Fotografinnen und Künstler dabei, wie Bogotá wahrgenommen wird?
Sie können Klischees hinterfragen und auf Details hinweisen, die sonst unbemerkt bleiben, und somit zu einem vielschichtigen Bild von Bogotá beitragen.
Pauline Knappschneider
Alle Bilder auf dieser Seite: © Gregorio Díaz
EQUIPMENT: Leica Q3 mit Apo-Summicron 1:2/43 Asph

LFI 1.2026+-

In dieser Ausgabe lädt Severin Jakob zu einer dokumentarischen Reise in die Schweizer Weltraumforschung ein. Außerdem: Die Bildkünstlerin Alessia Rollo gibt Einblicke in die Riten Süditaliens; Roland Schmid hat osteuropäische Gesellschaften 40 Jahre lang begleitet; Gregorio Díaz zeigt die grafischen Elemente der Straßen von Bogotá und Mexiko-Stadt; und der Fotograf Stephen Shames macht Ungerechtigkeit, Armut und Rassismus fotografisch sichtbar. Mehr

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Photo by Sofía Carrasco 1
© Sofía Carrasco

Geboren 1996 in Bogotá, Kolumbien. In seiner Arbeit erforscht Díaz die Schnittstelle zwischen Erinnerung, Kunst und zeitgenössischen Identitäten. Seine Leica dient ihm dabei als Werkzeug der Untersuchung und Darstellung. Sein Fokus liegt auf der Street Photography sowie der Architektur- und Kunstfotografie. Der Fotograf lässt auch audiovisuelle Elemente in seine Arbeit mit einfließen. Díaz stellte u. a. im Museum of Modern Art in Bogotá aus. Mehr

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