Unterwegs im Licht auf São Tomé

Felix Vollmann

7. November 2025

Der Fotograf verbrachte einige Zeit auf der Insel São Tomé in Zentralafrika. An diesem warmen, sonnendurchfluteten Ort nahe dem Äquator fing er Momente voller Nähe und bedeutungsvoller Geschichte ein – stets in Gesellschaft eines stillen Begleiters: des hellen Lichts.
Die Schwarzweißaufnahmen aus Vollmanns Serie Independent of the Light zeigen das Leben der Menschen auf der Insel São Tomé aus einer nahbaren Alltagsperspektive. Dabei reflektiert der Fotograf seine eigene Position und schafft eine Symbiose aus Stimmen, Licht und Bewegung.

LFI: Wie ist Ihre Serie Independent of the Light entstanden?
Felix Vollmann: Independent of the Light ist während eines längeren Aufenthalts auf São Tomé entstanden. Ich verbrachte dort mehrere Monate, meist auf den Straßen, mitten unter den Menschen. Ich ließ mich vom Rhythmus des Tages tragen, ohne Ziel, ohne Plan. Es ging mir nicht darum, etwas zu suchen, sondern offen zu sein für das, was geschieht.
Die Straßen waren erfüllt von Stimmen, Bewegung, Licht, Staub, Hitze – ein ununterbrochener Strom von Eindrücken. Ich habe beobachtet, zugehört, mich treiben lassen. Manchmal entstanden Gespräche, manchmal war es nur ein kurzer Augenblick, der Austausch von Respekt. Es war weniger ein dokumentarischer Auftrag als ein Zustand, der Versuch, Teil einer Umgebung zu werden, statt sie nur von außen zu betrachten. Ich wollte Bilder finden, die nicht bloß zeigen, sondern fühlen lassen. Augenblicke, in denen sich etwas Universelles offenbart: Nähe, Stolz, Geschichte, Verletzlichkeit. Es ging mir darum, das Leben in seiner stillen Intensität sichtbar zu machen.

Wie kam es zum Titel Independent of the Light?
Der Titel ist bewusst poetisch gewählt – ein kleiner Widerspruch, fast ironisch. Auf São Tomé steht die Sonne oft hoch und scheint erbarmungslos, Schatten findet man selten. Viele würden dieses starke Licht meiden, doch ich wollte mich damit befassen. Statt es zu kontrollieren, durfte es einfach nur da sein. Es sollte nicht das Thema sein, sondern ein stiller Begleiter, denn die Menschen selbst sind das Licht.

Für mich ist das Licht in dieser Serie wie ein atmender Körper – manchmal grell und fordernd, manchmal weich und still. Es erzählt nicht von sich, sondern von dem, was es berührt: Gesichter, Stoffe, Wände, Wasser, Staub. Independent of the Light kann man doppelt lesen – poetisch sowie technisch.

Was hat Sie dazu bewogen, den Alltag der Menschen auf São Tomé zu dokumentieren, und was macht die Umgebung für Sie besonders?
Ich war auf São Tomé im Auftrag der Vereinten Nationen (UNO), in Zusammenarbeit mit der são-toméischen Regierung, um einen Dokumentarfilm über Terra Prometida zu drehen. Es war ein Projekt zur Umsiedlung ehemaliger Bewohner der sogenannten Rocas, kolonial geprägter Siedlungen, in denen einst Nachfahren von Sklavenfamilien lebten. Über fünf Jahre hinweg entstand, mit Zustimmung der Bewohner, ein neues Dorf. São Tomé ist reich an Geschichte, die schwer trägt, aber zugleich voller Leben ist. Mich hat fasziniert, wie Menschen dort Würde und Humor in den Alltag tragen. Dieser Alltag war geprägt von einer Energie voller Lachen, Mittagshitze, Gespräche am Straßenrand und kleiner Rituale. Die Insel zwingt dich, langsamer zu werden, zuzuhören, wahrzunehmen. Ich habe gelernt, dass ein wahres Verständnis zwischen Kulturen nicht nur durch Worte entsteht, sondern auch durch natürliche Begegnung.

Als weißer Europäer, wissend über die tiefe Kolonialgeschichte dieses Landes, den immer noch existierenden Rassismus (auch weltweit), ist es für mich von großer Bedeutung, meine eigene Position in meiner Arbeit zu hinterfragen und mir meiner Privilegien bewusst zu sein.

Was ist bei der fotografischen Dokumentation sozialer Umgebungen für Sie besonders relevant?
Ehrlichkeit, Nähe, Präsenz, Respekt und Verständnis sind für mich entscheidend. Fotografie ist weniger ein technischer Vorgang als eine Form der Achtsamkeit. Ich suche Momente, in denen Menschen sich unbewusst zeigen, nicht für die Kamera, sondern für sich selbst. Wenn sich dieser Augenblick ergibt, halte ich ihn fest, aber nur, wenn sich die Situation richtig anfühlt. Gerade wenn ich außerhalb Deutschlands arbeite, ist mir bewusst, wie wichtig es ist, zu wissen, woher ich komme, wer ich bin und welch einen eurozentrischen Blick ich habe. Ich bin Gast in einer anderen Gesellschaft und kann niemals dasselbe empfinden wie die Menschen, die ich fotografiere. Ihr Geschichten bleiben bei ihnen. Dieses Bewusstsein ist grundlegend für meine Arbeit.

Fotografie kann eine Waffe sein, wenn sie Menschen herabwürdigt, aber genauso gut eine offene Hand, die grüßt, involviert, versteht, respektiert und würdigt. Ich möchte auf Augenhöhe arbeiten, versuchen, die verschiedenen Positionen zu reflektieren, mit Einverständnis und Dankbarkeit statt mit Erhabenheit. Egal wo auf der Welt. Auch zu Hause vor der Tür. Wenn jemand meine Fotos sieht und sagt: „Das wusste ich nicht, das bewegt mich“, dann hat sich alles gelohnt.

Welches Equipment haben Sie verwendet, und wie hat es Sie bei dem Projekt unterstützt?
Ich habe mit einer Leica M10 Monochrom und einer Leica M6 gearbeitet. Beide Kameras fordern Konzentration, Ruhe und Präsenz. Sie nehmen dir nichts ab, sie verlangen, dass du dich auf sie einlässt, ihnen zuhörst, sie verstehst.

Sie erlauben mir, mich zwischen Menschen zu bewegen, ohne aufzufallen. Die Monochrom reduziert alles, auf Form, Struktur und Bewegung – jedes Detail wird bedeutend: Haut, Staub, Licht, Schatten. Die M6 erinnert mich an die Geduld, die Fotografie braucht. Die M6 hilft mir, das Unsichtbare sichtbar zu machen.
Eliza Trapp
ALLE BILDER AUF DIESER SEITE: © Felix Vollmann
EQUIPMENT: Leica M10, M6, Summicron-M 1:2/28 Asph, Summaron 3:5/35, Summilux-M 1:1,4/50 Asph

Ausstellung+-

Die Werke Felix Vollmanns sind ab dem 14.11. in einer Sammelausstellung in der Kommunalen Galerie am Fehrbelliner Platz in Berlin zu sehen.

Felix Vollmann+-

Seit 2012 ist Felix Vollmann als Fotograf und Filmemacher (Director of Photography, DoP) tätig. Derzeit lebt und arbeitet er in Berlin, Deutschland. Er hat für und mit Regierungen in Europa (Deutschland), Afrika (Burkina Faso, Komoren, Kenia, São Tomé und Príncipe, Südafrika, Mosambik), Asien (China, Vietnam) und der Karibik (Belize) gearbeitet. Seine Fotografie beschäftigt sich mit der Darstellung von Menschen in den Räumen, die ihren Alltag prägen – in urbanen Gebieten und auf der Straße. Dabei verbindet er Porträtfotografie und Street Photography, um soziale Landschaften zu dokumentieren. Mehr

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