Stories from China

Emmanuel Serna

11. April 2025

Der französische Fotograf spürt mit seinen Leica Kameras dem Phänomen der Einsamkeit in chinesischen Megacities nach.
Stellenweise melancholisch, introvertiert oder rätselhaft wirken die Protagonistinnen und Protagonisten aus Emmanuel Sernas Serie Stories from China. Der Fotograf war mit seiner M8 und seiner M10 in chinesischen Megacities unterwegs. Trotz der großen Menschenmengen begegnete dem Franzosen, der seit 2010 dauerhaft in Hongkong lebt, oft ein Ausdruck von Einsamkeit. Das Phänomen der Vereinzelung stellt ein Leitmotiv für seine Serie dar. Ein anderes ist die Rätselhaftigkeit, die insbesondere Fremden in der chinesischen Kultur begegnet. Hier spricht er über seine Serie und teilt die Eindrücke, die er von seinen Streifzügen mitgebracht hat.

LFI: Ihre Fotoserie Stories from China handelt von Individuen, der Entfremdung und der Einsamkeit, die man in der Weite chinesischer Städte empfinden kann. Wie definieren Sie Einsamkeit?
Emmanuel Serna: Für mich ist Einsamkeit eher ein Zustand. Jenseits des physischen Alleinseins an einem Ort ist es auch ein Moment, in dem wir uns selbst finden und andere ausblenden. Sie kann selbst gewählt sein, aber auch erzwungen werden und somit zur Entfremdung führen.

Sind die Leute in China nach Ihren Beobachtungen einsamer als in Europa?
In den großen Städten, denke ich schon. Zunächst einmal sind diese Städte riesig und oft überfüllt. Diese Immensität verstärkt die Einsamkeit. Die Menschen kennen einander nicht, sie haben keine Zeit zu kommunizieren. Zudem wurden viele Chinesen aus ihren Dörfern oder Vierteln verdrängt, die oft zerstört wurden, um Platz für neue Gebäude zu schaffen. Das Gemeinschaftsleben, das an diesen Orten existierte, ist verschwunden, was Einsamkeit und Entfremdung erzeugt.

Wie kamen Sie auf die Idee für diese Serie? Wann wurde sie fotografiert, ist sie fortlaufend?
Die ersten Fotos habe ich 2007 und 2008 auf Reisen für andere Projekte aufgenommen. Anfangs hatte ich nicht beschlossen, speziell zu diesem Thema zu arbeiten. Aber die Fotos offenbarten sich mir während der Bearbeitung, und ich beschloss, die Einsamkeit weiter zu erforschen. Ja, ich mache weiterhin Fotos zu diesem Thema, aber ich suche nicht überall nach einsamen Menschen, denn das wäre unehrlich. Ich warte lieber auf Momente, in denen diese Einsamkeit und Entfremdung wirklich zu existieren scheinen. Ich habe mich entschieden, die Serie Stories from China zu nennen, weil man beim Betrachten der Fotos nicht immer weiß, was vor sich geht, und man seine eigene Geschichte dazu erzählen kann.

Sprechen wir doch einmal über einige Bilder im Besonderen: Worum geht es bei dieser Walskulptur?
Es ist eine Statue in einem Meerespark. Ich habe dieses Foto gemacht, weil ich von den Farben, der Haltung der beiden Kinder – besonders der des Jungen rechts – angezogen wurde, der für mich einen Moment der Einsamkeit an diesem scheinbar unpassenden Ort zu erleben scheint.

Eine junge Frau mit Handtasche vor Holztafeln, die ein Victory-Zeichen zeigt. Worauf bezieht sich diese Frau?
Sie posiert vor Tafeln, auf denen die Biografie des ersten Kaisers der Qing-Dynastie aufgezeichnet ist. Das Victory-Zeichen ist in China und Asien weit verbreitet und hat keine besondere Bedeutung.

Zwei junge Menschen sitzen am Rand eines Brunnens – was machen sie dort?
Ganz ehrlich, ich weiß nicht, was sie dort machen, weil ich sie in diesem konkreten Moment fotografiert habe und sie sich nach dem Foto nicht bewegten und ich nicht geblieben bin. Ich denke, sie ruhen sich aus oder hatten gerade einen Streit.

Was wünschen Sie den Menschen in chinesischen Megastädten und ihrer Einsamkeit?
Ziemlich naiv wünsche ich ihnen, dass die chinesische Regierung aufhören würde, ihre Dörfer und traditionellen Viertel zu zerstören, und dass sie die Authentizität ihrer Kultur bewahren würde.
Carla Susanne Erdmann
ALLE BILDER AUF DIESER SEITE: © Emmanuel Serna
EQUIPMENT: Leica M8, M10, Elmarit-M 1:2.8/28 Asph, Summilux-M 1:1.4/35, Summilux-M 1:1.4/50, Summicron-M 1:2/35 Asph

Emmanuel Serna+-

Emmanuel_Serna_Portrait (c) Emmanuel Serna
© Emmanuel Serna

Geboren 1973 im südfranzösischen Lunel, studierte er 1998 Fotografie an der CE3P, Ivry-sur-Seine, und belegte 2004 einen Kurs in Pressefotografie an der École des métiers de l’information (ÉMI), Paris. 2016 nahm er am Magnum Photos Educational Program unter der Leitung von Patrick Zachmann teil. Seine Arbeiten wurden u. a. in der New York Times, dem Wall Street Journal, Paris Match, El Periódico, und Ming Pao veröffentlicht. Mehr

1/7
1/7

Stories from China

Emmanuel Serna