Unter die Haut: Geschichten in Tinte

Carmine Castelli

4. Februar 2025

Für den Fotografen sind Tattoos wie visuelle Tagebücher – sie erzählen Geschichten, die oft tief in der Seele des Trägers verwurzelt sind. Mit seinen Schwarzweißaufnahmen versucht Carmine Castelli, diese Geschichten sichtbar zu machen.
LFI: Was, glauben Sie, bewegt Menschen dazu, sich tätowieren zu lassen?
Carmine Castelli: Diese Frage habe ich mir als Fotograf oft gestellt, während ich die verzierten Körper durch meinen Sucher betrachtete. Die Antworten sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Einige Beweggründe kehren immer wieder: Der Wunsch nach Einzigartigkeit, der Drang nach Aufmerksamkeit, tief empfundene Emotionen wie Liebe oder Wut, aber auch Religion, Protest – und die Auseinandersetzung mit dem Tod. Tätowierungen werden so zu einer Form der Verarbeitung von und der Auseinandersetzung mit existenziellen Themen.

Was fasziniert Sie als Fotografen am Vorgang des Tätowierens?
Es gab wenige Prozesse, die mich so sehr in ihren Bann zogen wie das Tätowieren. Die Verbindung von Kunst, Handwerk und individueller Ausdruckskraft schafft eine magische Aura, die schwer in Worte zu fassen ist – aber genau darin liegt die Faszination. Ich möchte nicht nur Momente festhalten, sondern Emotionen, die Atmosphäre und die Essenz des Augenblicks sichtbar machen. Mein Ziel ist es, den Betrachter tiefer in die Szene mitzunehmen und ihn diese spüren zu lassen.

Wie kam es genau zu dem Projekt?
Den Impuls für dieses Tattoo-Fotoprojekt gab eine zufällige Begegnung vor einem Tattoostudio. Ich traf auf einen Mann, dessen Körper von beeindruckenden, großflächigen Tattoos bedeckt war. In diesem Moment war es, als ob sich eine Tür zu einer völlig neuen Welt öffnete. Es war nicht nur die Kunst auf seiner Haut, sondern die Geschichten, die darin verborgen lagen, die mich nicht mehr losließen. Von da an konnte ich nicht anders, als meiner Neugier zu folgen und tief in diese faszinierende Welt einzutauchen. Dieses Projekt wurde zu einer Reise, bei der ich die Menschen hinter den Tattoos und ihre individuellen Geschichten durch meinen Sucher zum Leben erwecken wollte.

Wie sah Ihr fotografischer Prozess aus – und wie hat die Kamera funktioniert?
Mein fotografischer Prozess beginnt immer mit Beobachtung. Ich tauche in die Szenerie ein, lasse sie auf mich wirken und warte auf den richtigen Moment, in dem alles zusammenkommt: Licht, Komposition und Emotion. Während ich fotografiere, versuche ich, unsichtbar zu sein und nicht zu stören, sondern gezielt und konzentriert zu arbeiten. Die Leica Q hat mir dank ihrer hervorragenden Naheinstellgrenze perfekte Detailaufnahmen ermöglicht. Für die übrigen Aufnahmen kamen meine Favoriten zum Einsatz: die Leica M10, die Leica M Monochrom (Typ 246) und die Leica M11 Monochrom. Diese Kameras erlauben mir, mit der Blende als kreativem Werkzeug zu spielen, um den Fokus gezielt auf das Wesentliche zu lenken und störende Elemente in den Hintergrund treten zu lassen. So entstehen Bilder, die die Betrachtenden fesseln und sie in eine eigene Welt eintauchen lassen.
Katja Hübner
ALLE BILDER AUF DIESER SEITE: © Carmine Castelli
EQUIPMENT: Leica Q mit Summilux 1:1.7/28 Asph, Leica M10, Leica M Monochrom (Typ 246), Leica M11 Monochrom mit Summilux-M 1:1.4/35 Asph

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© Carmine Castelli

Der 1972 in der Schweiz geborene Fotograf und Sohn einer sizilianischen Gastarbeiterfamilie erkundet seit 2017 mit seinen Leica-Kameras die Welt. Er sucht seine Motive in der Street Photography und konnte so 2023 für Leica Camera Schweiz mit einem Video, einem Blogbeitrag und einer Ausstellung im Leica Store Basel am Release der neuen Leica M11 Monochrom mitwirken. Seine Arbeiten fangen die Schönheit und die Essenz des Alltags ein und wurden bereits in diversen Publikationen veröffentlicht. Mehr

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