Buchtipp: Tall Socks

29. April 2025

Ein Klassiker der Street Photography: Mark Cohen war 1973 mit seiner Leica M3 auf den Straßen von New York City unterwegs. Eine Auswahl seiner Aufnahmen ist jetzt als Buch erschienen.
Street Photography und Leica passen einfach perfekt zusammen: Ob Garry Winogrand, Lee Friedlander, Joel Meyerowitz, Bruce Gilden oder viele weitere – sie alle waren mit ihren Leica-Kameras auf den Straßen der Großstädte unterwegs. Und auch Mark Cohen gehört zur Gruppe amerikanischer Autorenfotografen, die mit ihrem direkten Zugang ein stilbildendes Kapitel der Street Photography geschrieben haben. Auch für ihn war die Leica genau richtig: klein, leicht, diskret – der Fotograf bleibt fast unsichtbar, bewegt sich im Strom der Straße, mischt sich unter die Passanten, kann rasch auf Besonderheiten und Auffälligkeiten im urbanen Umfeld reagieren. Cohen nutzt ein Weitwinkelobjektiv, kombiniert Tageslicht mit Handblitz, fotografiert oft aus der Hüfte, sodass seine Perspektiven immer wieder überraschen. Er konzentriert sich auf Dinge oder Orte, die häufig übersehen werden, schneidet Figuren aus dem Alltag heraus, blickt neugierig in Türöffnungen. Das Vertraute wirkt dadurch neu und fremd zugleich.

Eine Serie von Fotografien, die Cohen vor über 50 Jahren in New York aufgenommen hat, wird nun erstmals in dem Bildband Tall Socks veröffentlicht. Im Juli 1973 lebte Cohen einen Monat lang in einer Unterkunft der New York University, während er an einem Workshop zur Filmproduktion teilnahm. Die täglichen Unterrichtsstunden waren kurz, und so nutzte er seine freie Zeit, um mit seiner Leica M3 und einem 28-mm-Elmarit-Objektiv durch die Stadt zu laufen. Nur wenige der Bilder wurden damals gedruckt, die große Mehrheit blieb bis heute ungesehen. Das New York der 1970er-Jahre war berüchtigt für seine hohe Kriminalitätsrate, soziale Unruhen, eine unsichere U-Bahn und eine sinkende Lebensqualität. In den Fotografien sind Müll und Ruinen zu sehen, aber auch ein New York, das voller Leben und in Bewegung ist. Obwohl die Abfolge im Buch keiner formalen Erzählung folgt, vermittelt das Tempo der Bilder den Eindruck eines raschen Stadtspaziergangs. Es gibt Wechsel von Block zu Block, der Fotograf zeigt Details und spontane Eindrücke. In einigen der Bilder liegt eine bedrohliche Stimmung, aber auch Humor oder Freude, wie beispielsweise an den titelgebenden langen Socken eines Kindes, an einer Dame mit Pfauenfedern oder an einem Mädchen, das ein Holzbrett über eine gepflasterte Straße trägt.

Mark Cohen wurde 1943 in Wilkes-Barre, Pennsylvania, geboren. Mit Ausnahme eines kurzen Aufenthalts in Europa lebte und arbeitete er fast sein ganzes Leben lang dort. Er ging einfach nur vor die Tür, um zu fotografieren. Er brauchte nicht zu reisen, denn auf den Straßen gab es jeden Tag eine unendliche Anzahl von Möglichkeiten und Variationen. Dieselbe Arbeitsmethode galt auch für seine kurze Zeit in New York. Er musste einfach nur laufen. Im Jahr 2014 zog Cohen nach Philadelphia. Er erhielt zwei Guggenheim-Stipendien; seine Werke befinden sich in zahlreichen öffentlichen internationalen Sammlungen. 
Ulrich Rüter

Mark Cohen: Tall Socks+-

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Mark Cohen, Tall Socks, 128 Seiten, 73 Schwarzweißabbildungen, 18,5 × 25,4 cm,
Englisch, Gost Verlag
Website Mark Cohen

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Buchtipp: Tall Socks